Die Couchingzone
13.08.2010 - 13:19 Uhr
09.10.2015 - 11:00 Uhr
Jahrgang 6 – Sonderausgabe
1?99
von Devil_till_Death
Ich stand auf dieser Autobahnbrücke im Stau und hielt es nicht mehr aus. Ich bin dann einfach ausgestiegen und die Nottreppe runtergeklettert. Das Auto ließ ich stehen. Wieso und weshalb, das kann ich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Zwei Monde stehen am Himmel. Der bekannte, große Mond und daneben, etwas vom großen Mond verdeckt, ein kleinerer, grünlich schimmernder Mond.
Wir schrieben das Jahr 1999 und waren amtierender deutscher Meister und die Zukunft schien gülden. Bayern-Jäger. Champions-Liga-Teilnehmer. Der Underdog im Club der Erlauchten, der den ganzen Upperdogs ans Bein pisst. Was war ich stolz. Und vielleicht ein bisschen überheblich. Und ganz bestimmt ein bisschen erfolgstrunken. Aber definitiv glücklich. Doch dann bin ich diese Nottreppe runter und plötzlich war alles anders. Später (und um diese neue Zeit, diese andere Welt von der zu unterscheiden, die ich verlassen hatte) nannte ich dieses Jahr 1?99. Das Jahr der beiden Monde.
Irgendwann kam ich an einem Zeitungskiosk vorbei. Ich wunderte mich über das, was die Headline sagte: „FCK verpflichtet Weltmeister“. Aber von den fünf Bernern lebten doch nur noch drei und die konnten doch bestimmt keinen Fußball auf Leistungsniveau mehr spielen. Was war hier los? Weitere Dinge geschahen, die ich nicht einzuordnen wusste: Der Meistertrainer wurde vom Berg gejagt. Der Weltmeister stand plötzlich nicht mehr so oft auf dem Platz, dafür stand auf einmal ein anderer Weltmeister an der Seitenlinie. Dann ging alles furchtbar schnell: Spielernamen wurden beliebig austauschbar, die Nationalitäten immer obskurer, ebenso wie die Frisuren. Finanzierungsmodelle brachen wie ein Kartenhaus zusammen, Vorstände gingen, Trainer wurden geschasst, Heilsbringer kamen – einzig die Rettung blieb aus. Es gab nur zwei Konstanten: Der schleichende und dann endgültige Abstieg. Und es standen zwei Monde am Himmel.
In der Stunde der größten Not machte sich ein tapferer Trainer auf, einen verunsicherten Haufen von Erfolglosen zurück auf den rechten Weg zu bringen. Und es erschien noch jemand auf der Bildfläche, eine Identifikationsfigur. Saarländer zwar, aber von pfälzischem Geblüt. Gemeinsam mit dem unerschrockenen Trainer schafften sie das Unmögliche: Der Trainer reanimierte die auf dem Totenbett liegende Mannschaft, die Identifikationsfigur reanimierte den auf dem Totenbett liegenden Glauben der getreuen Anhänger. Und zusammen zogen wir den Kopf des Vereins aus der Schlinge. Auch wenn der kernige Kroate kurz darauf nicht mehr auf der Trainerbank saß und von einem urwüchsigen Schwaben ersetzt wurde, es ging bergauf. Zurück auf die Sonnenseite des Profifußballs, zurück in den Club der Erlauchten. Die Zukunft schien gülden. Für eine kurze Zeit bemerkte ich die zwei Monde am Himmel schon gar nicht mehr.
Doch die Zugehörigkeit zum Club der Erlauchten war nur eine Episode. Die Identifikationsfigur hatte ihre glückliche Hand verloren und viele Fehlentscheidungen getroffen, an deren Ende die Sonne wieder untergegangen war. Und die zwei Monde leuchteten heller denn je.
Damals kam es mir so vor, als sähen auch andere diese zwei Monde am Himmel, als befände nicht nur ich mich in dieser seltsam verzerrten Parallelwelt, die sich zwar real anfühlt, aber doch nicht real sein kann. Nicht real sein darf! Die Leidenschaft, das Herzblut und der Kampfgeist waren irgendwann erkaltet und einem schicksalsergebenen Fatalismus gewichen. Die Identifikationsfigur spaltete inzwischen mehr als sie identifizierte. Das „Jetzt erst recht!“ war einem „Dann ist es halt so!“ und einem „Es geht halt nicht besser!“ gewichen. Daran konnte auch die kurze Erfolgsphase des ehemaligen Nachwuchstrainers aus Rüsselsheim nichts ändern. Das Feuerchen der Begeisterung ob des schönen Spiels wurde vom Türsteher des Clubs der Erlauchten gnadenlos ausgetreten, indem er seine zwar unansehnlich, aber erfolgreich agierenden Kettenhunde schon im Sousterrain auf die Hoffnung nach Erlösung hetzte. Und die Identifikationsfigur machte sich immer angreifbarer. Und sie wurde dünnhäutiger: Personalakquise, Finanzsituation, Steuerzahlerbund, Gehaltsscheck, verpasste Aufstiege, Sportdirektorenposse. All das mündete oft in Schimpftiraden gegen Heckenschützen, Nagern, Neidern und Übererwartern. Wurde die Identifikationsfigur einst als alternativloser Retter angesehen, so wandelte sich das Bild in großen Teilen der Anhängerschaft dahingehend, dass er inzwischen mehr Klotz am Bein statt Schrittmacher sei. Und dann kam das Unvermeidliche: Das schöne, wenn auch nicht vollends erfolgreiche Spiel wurde von unansehnlichem und vollends erfolglosem Spiel abgelöst. Alles war verloren. Nur die zwei Monde leuchteten unverdrossen am Himmel.
Doch in der Stunde, als alle damit rechneten, dass der ehemals so gefürchtete Berg in sich zusammenfallen würde, dass die enttäuschten Anhänger die ehrwürdige Burgfeste stürmen und Köpfe rollen würden, da blitzte noch einmal das auf, was die Identifikationsfigur einst so anerkannt und erfolgreich machte: ihr Näschen. Statt lange abzuwarten und Diskussionen Raum zu geben, zauberte sie ein weißes Kaninchen aus dem Fröhnerhut. Und mit viel „oh“ und „ah“ bestaunte die Anhängerschaft das Genie der Identifikationsfigur, mit der sie ihren Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen hatte. Und das Kaninchen erfüllte seinen Zweck. Denn es war nicht nur aus Magie entstanden, sondern auch mit Magie erfüllt. Es hauchte seiner Truppe über Nacht neues Leben ein, es veränderte ihr Denken und Handeln, es schaffte, dass sich die Anhänger nicht mehr an der Identifikationsfigur störten, sondern sich an dem zwar nicht mehr so schönen, aber effektiven und erfolgreichen Spiel der Mannschaft erfreuten. Es machte, dass ich die zwei Monde fast nicht mehr am Himmel sah.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 1?XX. Inzwischen ist das Kaninchen geschlachtet. Inzwischen ist die Identifikationsfigur nicht mehr Meister des Berges, sondern Lohnempfänger eines anderen Herren. Inzwischen haben andere Meister den Berg bestiegen. Die beiden Monde sind geblieben.
Es hat sich einiges geändert im Jahre 1?XX, aber wurde es besser? Ich kann es nicht sagen. Immer wenn ich über die Gegenwart, wie ich sie erlebe, reden will, dann legt sich ein Schleier über meine Sinne, so dass ich wie durch Milchglas blicke und nur noch Weißes Rauschen höre. Deshalb sitze ich inzwischen nur noch auf meinem Meditierstein und schaue zu, wie der Glan an mir vorbei fließt. Es beruhigt mich. Auch wenn an meinem Himmel zwei Monde stehen.
Ich war irgendwann noch einmal an dieser Stelle, an der mich die Nottreppe der Autobahn ins Jahr 1?99 spuckte. Wann genau das war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In der Parallelwelt, in der ich lebe, gibt es keine Zeit. Oder man verliert sein Gefühl dafür. Jedenfalls hatte ich die Hoffnung, würde ich nur die Treppe wieder empor klettern, dann könnte ich in mein noch immer im Stau stehendes Auto steigen und es wäre alles wieder so, wie es gewesen ist. Inzwischen wurde aber die Brücke mitsamt der Treppe abgerissen. Ich stecke im Jahr 1?XX und es gibt für mich kein Zurück mehr.
Zwei Monde stehen am Himmel. Der bekannte, große Mond und daneben, etwas vom großen Mond verdeckt, ein kleinerer, grünlich schimmernder Mond.
_________________________
Auf der Couch sitzen noch immer die bekannten Gesichter. Allerdings lassen sie sich heute von mir aus Kohlmeyers Kühlschrank bedienen. Und in einem unbeobachteten Moment habe ich den Text an allen Couchern vorbei geschmuggelt. Vielleicht wird ja mal ein Platz für mich frei, falls sich der Prospect als würdig erweist. Bis dahin sitze ich draußen auf meinem Meditierstein und starre in den Glan, während die Herren an jedem Freitag und allen anderen Pflichtspieltagen zum High Noon den Colt aus dem Halfter holen und ihr Blei ins Forum feuern.
1?99
von Devil_till_Death
Ich stand auf dieser Autobahnbrücke im Stau und hielt es nicht mehr aus. Ich bin dann einfach ausgestiegen und die Nottreppe runtergeklettert. Das Auto ließ ich stehen. Wieso und weshalb, das kann ich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Zwei Monde stehen am Himmel. Der bekannte, große Mond und daneben, etwas vom großen Mond verdeckt, ein kleinerer, grünlich schimmernder Mond.
Wir schrieben das Jahr 1999 und waren amtierender deutscher Meister und die Zukunft schien gülden. Bayern-Jäger. Champions-Liga-Teilnehmer. Der Underdog im Club der Erlauchten, der den ganzen Upperdogs ans Bein pisst. Was war ich stolz. Und vielleicht ein bisschen überheblich. Und ganz bestimmt ein bisschen erfolgstrunken. Aber definitiv glücklich. Doch dann bin ich diese Nottreppe runter und plötzlich war alles anders. Später (und um diese neue Zeit, diese andere Welt von der zu unterscheiden, die ich verlassen hatte) nannte ich dieses Jahr 1?99. Das Jahr der beiden Monde.
Irgendwann kam ich an einem Zeitungskiosk vorbei. Ich wunderte mich über das, was die Headline sagte: „FCK verpflichtet Weltmeister“. Aber von den fünf Bernern lebten doch nur noch drei und die konnten doch bestimmt keinen Fußball auf Leistungsniveau mehr spielen. Was war hier los? Weitere Dinge geschahen, die ich nicht einzuordnen wusste: Der Meistertrainer wurde vom Berg gejagt. Der Weltmeister stand plötzlich nicht mehr so oft auf dem Platz, dafür stand auf einmal ein anderer Weltmeister an der Seitenlinie. Dann ging alles furchtbar schnell: Spielernamen wurden beliebig austauschbar, die Nationalitäten immer obskurer, ebenso wie die Frisuren. Finanzierungsmodelle brachen wie ein Kartenhaus zusammen, Vorstände gingen, Trainer wurden geschasst, Heilsbringer kamen – einzig die Rettung blieb aus. Es gab nur zwei Konstanten: Der schleichende und dann endgültige Abstieg. Und es standen zwei Monde am Himmel.
In der Stunde der größten Not machte sich ein tapferer Trainer auf, einen verunsicherten Haufen von Erfolglosen zurück auf den rechten Weg zu bringen. Und es erschien noch jemand auf der Bildfläche, eine Identifikationsfigur. Saarländer zwar, aber von pfälzischem Geblüt. Gemeinsam mit dem unerschrockenen Trainer schafften sie das Unmögliche: Der Trainer reanimierte die auf dem Totenbett liegende Mannschaft, die Identifikationsfigur reanimierte den auf dem Totenbett liegenden Glauben der getreuen Anhänger. Und zusammen zogen wir den Kopf des Vereins aus der Schlinge. Auch wenn der kernige Kroate kurz darauf nicht mehr auf der Trainerbank saß und von einem urwüchsigen Schwaben ersetzt wurde, es ging bergauf. Zurück auf die Sonnenseite des Profifußballs, zurück in den Club der Erlauchten. Die Zukunft schien gülden. Für eine kurze Zeit bemerkte ich die zwei Monde am Himmel schon gar nicht mehr.
Doch die Zugehörigkeit zum Club der Erlauchten war nur eine Episode. Die Identifikationsfigur hatte ihre glückliche Hand verloren und viele Fehlentscheidungen getroffen, an deren Ende die Sonne wieder untergegangen war. Und die zwei Monde leuchteten heller denn je.
Damals kam es mir so vor, als sähen auch andere diese zwei Monde am Himmel, als befände nicht nur ich mich in dieser seltsam verzerrten Parallelwelt, die sich zwar real anfühlt, aber doch nicht real sein kann. Nicht real sein darf! Die Leidenschaft, das Herzblut und der Kampfgeist waren irgendwann erkaltet und einem schicksalsergebenen Fatalismus gewichen. Die Identifikationsfigur spaltete inzwischen mehr als sie identifizierte. Das „Jetzt erst recht!“ war einem „Dann ist es halt so!“ und einem „Es geht halt nicht besser!“ gewichen. Daran konnte auch die kurze Erfolgsphase des ehemaligen Nachwuchstrainers aus Rüsselsheim nichts ändern. Das Feuerchen der Begeisterung ob des schönen Spiels wurde vom Türsteher des Clubs der Erlauchten gnadenlos ausgetreten, indem er seine zwar unansehnlich, aber erfolgreich agierenden Kettenhunde schon im Sousterrain auf die Hoffnung nach Erlösung hetzte. Und die Identifikationsfigur machte sich immer angreifbarer. Und sie wurde dünnhäutiger: Personalakquise, Finanzsituation, Steuerzahlerbund, Gehaltsscheck, verpasste Aufstiege, Sportdirektorenposse. All das mündete oft in Schimpftiraden gegen Heckenschützen, Nagern, Neidern und Übererwartern. Wurde die Identifikationsfigur einst als alternativloser Retter angesehen, so wandelte sich das Bild in großen Teilen der Anhängerschaft dahingehend, dass er inzwischen mehr Klotz am Bein statt Schrittmacher sei. Und dann kam das Unvermeidliche: Das schöne, wenn auch nicht vollends erfolgreiche Spiel wurde von unansehnlichem und vollends erfolglosem Spiel abgelöst. Alles war verloren. Nur die zwei Monde leuchteten unverdrossen am Himmel.
Doch in der Stunde, als alle damit rechneten, dass der ehemals so gefürchtete Berg in sich zusammenfallen würde, dass die enttäuschten Anhänger die ehrwürdige Burgfeste stürmen und Köpfe rollen würden, da blitzte noch einmal das auf, was die Identifikationsfigur einst so anerkannt und erfolgreich machte: ihr Näschen. Statt lange abzuwarten und Diskussionen Raum zu geben, zauberte sie ein weißes Kaninchen aus dem Fröhnerhut. Und mit viel „oh“ und „ah“ bestaunte die Anhängerschaft das Genie der Identifikationsfigur, mit der sie ihren Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen hatte. Und das Kaninchen erfüllte seinen Zweck. Denn es war nicht nur aus Magie entstanden, sondern auch mit Magie erfüllt. Es hauchte seiner Truppe über Nacht neues Leben ein, es veränderte ihr Denken und Handeln, es schaffte, dass sich die Anhänger nicht mehr an der Identifikationsfigur störten, sondern sich an dem zwar nicht mehr so schönen, aber effektiven und erfolgreichen Spiel der Mannschaft erfreuten. Es machte, dass ich die zwei Monde fast nicht mehr am Himmel sah.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 1?XX. Inzwischen ist das Kaninchen geschlachtet. Inzwischen ist die Identifikationsfigur nicht mehr Meister des Berges, sondern Lohnempfänger eines anderen Herren. Inzwischen haben andere Meister den Berg bestiegen. Die beiden Monde sind geblieben.
Es hat sich einiges geändert im Jahre 1?XX, aber wurde es besser? Ich kann es nicht sagen. Immer wenn ich über die Gegenwart, wie ich sie erlebe, reden will, dann legt sich ein Schleier über meine Sinne, so dass ich wie durch Milchglas blicke und nur noch Weißes Rauschen höre. Deshalb sitze ich inzwischen nur noch auf meinem Meditierstein und schaue zu, wie der Glan an mir vorbei fließt. Es beruhigt mich. Auch wenn an meinem Himmel zwei Monde stehen.
Ich war irgendwann noch einmal an dieser Stelle, an der mich die Nottreppe der Autobahn ins Jahr 1?99 spuckte. Wann genau das war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In der Parallelwelt, in der ich lebe, gibt es keine Zeit. Oder man verliert sein Gefühl dafür. Jedenfalls hatte ich die Hoffnung, würde ich nur die Treppe wieder empor klettern, dann könnte ich in mein noch immer im Stau stehendes Auto steigen und es wäre alles wieder so, wie es gewesen ist. Inzwischen wurde aber die Brücke mitsamt der Treppe abgerissen. Ich stecke im Jahr 1?XX und es gibt für mich kein Zurück mehr.
Zwei Monde stehen am Himmel. Der bekannte, große Mond und daneben, etwas vom großen Mond verdeckt, ein kleinerer, grünlich schimmernder Mond.
_________________________
Auf der Couch sitzen noch immer die bekannten Gesichter. Allerdings lassen sie sich heute von mir aus Kohlmeyers Kühlschrank bedienen. Und in einem unbeobachteten Moment habe ich den Text an allen Couchern vorbei geschmuggelt. Vielleicht wird ja mal ein Platz für mich frei, falls sich der Prospect als würdig erweist. Bis dahin sitze ich draußen auf meinem Meditierstein und starre in den Glan, während die Herren an jedem Freitag und allen anderen Pflichtspieltagen zum High Noon den Colt aus dem Halfter holen und ihr Blei ins Forum feuern.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Devil_till_Death am 09.10.2015 um 11:27 Uhr bearbeitet
09.10.2015 - 12:55 Uhr
Hey D_t_D,
merci beaucoup für diese prima Unterhaltung an diesem fußballlosen Vorwochenende und Wochenende. Ich würde ja direkt vorschlagen, dass du daraus eine Fortsetzung zauberst - vor allem diese Plörresekte, die sich am Fußball vergeht, und deren Anführer von einer Killerin mit den wunderhübschen Ohren dahingerafft werden soll, müsste noch ihrem Schicksal ausgeliefert werden.
Wer "1Q84" gelesen hat, wird feststellen, dass du die dortigen Bilder grandios auf einen inzwischen völlig harmlosen Fußballberg transportiert hast.
Ich sehe ihn, er ist grün ...
Bahli
merci beaucoup für diese prima Unterhaltung an diesem fußballlosen Vorwochenende und Wochenende. Ich würde ja direkt vorschlagen, dass du daraus eine Fortsetzung zauberst - vor allem diese Plörresekte, die sich am Fußball vergeht, und deren Anführer von einer Killerin mit den wunderhübschen Ohren dahingerafft werden soll, müsste noch ihrem Schicksal ausgeliefert werden.
Wer "1Q84" gelesen hat, wird feststellen, dass du die dortigen Bilder grandios auf einen inzwischen völlig harmlosen Fußballberg transportiert hast.
Ich sehe ihn, er ist grün ...
Bahli
09.10.2015 - 18:23 Uhr
Du weißt ja, devil:
Es genügt, |diesen großartigen Verein| von ganzem Herzen zu lieben, denn dann gibt es eine Rettung |für ihn|! (H. M. 1Q84)
Falls du aber dennoch mal daran zweifeln solltest, womöglich weil du dich gerade mal wieder mit den immer leerer werdenden Rängen im FWS des Jahres 1Q99 konfrontiert siehst, dann denke stets daran:
Wo Leere entsteht, entsteht auch der Drang, sie zu füllen.
(H. M. 1Q84)
Es genügt, |diesen großartigen Verein| von ganzem Herzen zu lieben, denn dann gibt es eine Rettung |für ihn|! (H. M. 1Q84)
Falls du aber dennoch mal daran zweifeln solltest, womöglich weil du dich gerade mal wieder mit den immer leerer werdenden Rängen im FWS des Jahres 1Q99 konfrontiert siehst, dann denke stets daran:
Wo Leere entsteht, entsteht auch der Drang, sie zu füllen.
(H. M. 1Q84)
10.10.2015 - 09:53 Uhr
Keine von welchem Insider ihr und der Devil redet, aber das Couching gleicht einer wilden Schafsjagd bei der selbst meine Ohrläppchen zu glühen beginnen und die angsteinflößende Unterwelt erhellen.
Devil kann von mir aus gerne in seiner hartgekochten Wunderwelt verweilen, wenn er dafür weiterhin so tolle Texte abliefert, ob im Couching oder nicht, das entscheiden andere Mächte, aber sie werden sicherlich eine Entscheidung treffen.
Als Dank für die schöne Morgenlektüre mit viel Wahrheitsgehalt schenke ich Dir einen Aufziehvogel, werter Devil.
Devil kann von mir aus gerne in seiner hartgekochten Wunderwelt verweilen, wenn er dafür weiterhin so tolle Texte abliefert, ob im Couching oder nicht, das entscheiden andere Mächte, aber sie werden sicherlich eine Entscheidung treffen.
Als Dank für die schöne Morgenlektüre mit viel Wahrheitsgehalt schenke ich Dir einen Aufziehvogel, werter Devil.
10.10.2015 - 10:51 Uhr
Schade, dass die Herren Reich-Ranicki und Karasek unsere FCK-esken Literatur-Adaptionen nicht mehr miterleben können. Sie würden sie entweder loben oder verreißen - und beides wäre wichtige bekanntheitsgradsteigernde Pubicity für uns. Wir müssten uns nicht mehr unsere Sposoren durch Sportfive suchen lassen, wenn die Weltöffentlichkeit nur wüsste, welche Qualitäten in uns stecken...
Hm ja...
Genug geschwafelt...
Sehr, sehr schön, Devil till Death. Schenk uns doch künftig einfach mehr von dem Stoff.
Hm ja...
Genug geschwafelt...
Sehr, sehr schön, Devil till Death. Schenk uns doch künftig einfach mehr von dem Stoff.
13.10.2015 - 10:44 Uhr
Kompliment D_t_D,
ich war am Wochenende mit Marathon und dementsprechend am Montag mit Arbeiten beschäftigt, so dass ich Dein "außerordentliches Couching" erst heute lesen konnte. Ich finde es ganz stark, wirklich außerordentlich gut - von der Grundidee über die Umsetzung bis zur Verarbeitung der einzelnen, die Zeiten und die am Berg handelnden Personen kennzeichnenden Umschreibungen (z.B. die diversen Weltmeister von den 54ern über Djokaeff bis zu Brehme...). Wirklich erste Sahne - phantasievoll, inhaltsreich, sprachlich ansprechend, das Ganze versehen mit einer sauberen Spannungskurve bis hin zum open end. - Honig im Kopf?
Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte noch ein Plätzchen frei sein auf der Couch der Erleuchteten und Derer, die auf eine solche noch warten.
Gruß aus der Pfalz
ich war am Wochenende mit Marathon und dementsprechend am Montag mit Arbeiten beschäftigt, so dass ich Dein "außerordentliches Couching" erst heute lesen konnte. Ich finde es ganz stark, wirklich außerordentlich gut - von der Grundidee über die Umsetzung bis zur Verarbeitung der einzelnen, die Zeiten und die am Berg handelnden Personen kennzeichnenden Umschreibungen (z.B. die diversen Weltmeister von den 54ern über Djokaeff bis zu Brehme...). Wirklich erste Sahne - phantasievoll, inhaltsreich, sprachlich ansprechend, das Ganze versehen mit einer sauberen Spannungskurve bis hin zum open end. - Honig im Kopf?
Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte noch ein Plätzchen frei sein auf der Couch der Erleuchteten und Derer, die auf eine solche noch warten.
Gruß aus der Pfalz
15.10.2015 - 19:17 Uhr
Jahrgang 6 – Ausgabe 12
DIE FABELHAFTE WELT DES KEVIN DE DORNE
von Vic Dorn
Eigentlich habe ich nie Alpträume. Wirklich nie. So was wie „Nightmare on Dorn Street“ stand nie auf dem Programm bei mir. Als vorpubertärer zwölfjähriger John-Sinclair-Anbeter waren zwar meine Hirnwindungen ausschließlich angefüllt mit Vampiren, Werwölfen, Zombies, Teufeln und Dämonen – aber nicht mal einer von denen schaffte es, die nächtlichen Landschaften meines Schlafs mit Schreckensfarben anzustreichen. Sie waren eher so was wie unterhaltsame Kumpels für mich. Vic und Alpträume: Never!
Einmal schlich sich nachts ein besonders finsterer Traum an den schlafenden Vic heran und versuchte, ihn keuchend in die Knie zu zwingen: Ich träumte, ich sei nach einem rechtmäßigen Urteil enthauptet worden und eine Reihe bedeutungsvoll dreinblickender Würdenträger blickten nun in eine runde Silberschüssel hinein, in der sich mein abgetrennter Kopf befand. Und was geschah dann? Ich drängte mich durch diese seriösen Herren durch und rief, von Neugier angetrieben: „Kann ich auch mal sehen? Es ist ja schließlich mein Kopf.“
Ja, das war wirklich so gewesen. Das hab‘ ich nicht erfunden. Ich habe das wirklich so geträumt. Das ist etwa fünfundzwanzig Jahre her, und es war bis dato der letzte klägliche Versuch meines Unterbewusstseins geblieben, mich nachts in ein angstschweiß-durchtränktes Schocklabyrinth zu locken.
Aber dann, letzte Woche, als ich als der gereifte Ü40er, der ich jetzt bin, schon wirklich nicht mehr damit gerechnet habe, passierte es schließlich doch: Ein Alptraum! Und was für einer! Urplötzlich sank sein eisiger Hauch auf mich hinab, schnürte mir die Luft ab und trat mir kräftig in die Eier.
Ich sank in die samtigen, schwerelosen Tiefen des Traumlandes hinunter. Mein Bewusstsein floss aus meinen Körperzellen hinaus in die von dunklem Nachtglanz durchzogene Umgebung und manifestierte sich an anderer Stelle neu. Es schuf oder eroberte sich einen anderen Menschenkörper. Und plötzlich war ich… ja, ich war… ich war wirklich…. Aaaaaarghhh! Ich war plötzlich Fußballprofi. Ich hieß… Darf man es aussprechen? Ich hieß tatsächlich Kevin de Dorne. ***KEVIN DE DORNE***! Ist das nicht furchtbar? Ist das nicht entsetzlich? Ist das nicht ein absoluter Alptraum? Ich, Kevin de Dorne! Aaaaaarghhh!
Ich hatte plötzlich einen starken linken Fuß, aber eine schwache linke Gehirnhälfte. Ich hatte einen noch stärkeren rechten Fuß und eine noch schwächere rechte Gehirnhälfte. Ich hatte plötzlich ähnlich viel Charisma wie ein Koi-Karpfen und dachte sowieso auf einmal, Charisma sei sowieso nur irgend eine Art Salat mit Zwiebeln und Radieschen.
Dann verdichtet sich das Bild: Ich sitze im chromig glänzenden Vereins-Bistro meines Klubs HasenStallsport Leipzig, eingekleidet in und umhüllt von Armani, Hugo Boss und Co. und komme mir dabei unfassbar männlich und bedeutsam vor. Mein Selbstwertgefühl steht in umgekehrter Proportionalität zu meiner Milchgesichtigkeit. Das behauptet jedenfalls der „Ziegel Online“ – oder heißt er vielleicht doch „Zwiebel Online“? „Siegel Online‘“? Ach, nee, „Spiegel Online“ oder so. Jetzt fällt’s mir wieder ein.
Um zu demonstrieren, was für eine coole Sau ich bin, trage ich zum glänzend braunen Armani-Anzug eine quietsch-orangene NewYorkers-Kappe auf dem Kopf. Am liebsten hätte ich auch überall Tattoos, so wie mein Kumpel Arturo Vidalgra. Bei dem schimmert kaum noch ungefärbte Haut durch – so muss es eigentlich sein als Dirty Rotten Fußball-Hipster. Aber Tattoos hat mir mein persönlicher Image-Manager verboten. Die würden nicht zu meinem Typ passen, sagt er. Ich sei ja schließlich so was wie die liechtensteinische Antwort auf Cristiano Ronaldo. Ich verstehe nicht wirklich, was er damit meint. Passen nicht zu meinem Typ? Meinem Typ, hä? Da hab ich natürlich gleich gefragt: „Hab ich echt ‘nen Typen, oder was? Bin ich jetzt auf einmal andersrum geworden?“ Und wisst ihr, was mein Image-Manager dann zu mir gesagt hat? „Kevin, tust du mir einen Gefallen?“ hat er mich gefragt.
„Klar“, hab ich gesagt.
„Hör bitte auf zu denken, Kevin“, sagt er dann. „Tu einfach, was ich sage.“
Find ich gar nicht übel, den Vorschlag. Denken ist auf Dauer eh zu anstrengend. Vor allem im Profifußball. Denn ob ihr’s glaubt oder nicht Leute: Profifußball ist echt kompliziert. Ohne Scheiß.
Gerade studiere ich bei einem alkoholfr… äh… koffeinfreien Latte mit angestrengtem Gesicht die Antworten fürs Interview nach dem nächsten Spiel. Mein persönlicher Mediencoach Pierre Litfaßski hat mir Wort für Wort aufgeschrieben, was ich dem Hirni mit dem Mikrofon antworten soll, wenn das Spiel vorbei ist. Ganz oben auf dem Merkzettel steht in fetten roten Lettern und mit jeweils fünf Ausrufezeichen davor und dahinter: „Die Sätze NICHT mit ‚ÄH‘ oder ‚JA GUT‘ beginnen!“ – Dann steht da: „Nach einem Sieg sagst du folgendes: ‚Wir sind gut in die Partie hineingekommen. Wir haben sehr konzentriert und engagiert unsere Chance gesucht. Hier hat jeder für jeden gefightet und gekämpft. Man merkt, dass wir eine kompakte Einheit sind.“
Ganz schön schwer, diese Worte auswendig zu lernen. Vor allem dieses „Kompakte Einheit“. Herr Litfaßski kennt keine Gnade; er hört mich immer und immer wieder ab. Bis ich Wort für Wort aufsagen kann, was da auf dem Zettel steht.
„Und wenn er mich nach dem Sieg fragt: ‚Wie fühlen Sie sich, Kevin?‘“ frage ich und komme mir dabei ein bisschen ratlos vor. „Dann passt die Antwort doch gar nicht.“
Herr Litfaßski wischt den Einwand mit einer souveränen und irgendwie saucoolen Handbewegung weg. „Das passt immer. Egal, was er dich fragt.“
Ich bin mit dieser Antwort nicht ganz einverstanden. „Und wenn er mich fragt: ‚Kevin, warum hast du in dieser Szene selbst aufs Tor geschossen, anstatt nach rechts auf deinen Mitspieler Shinji Kadaver abzulegen?“
„Egal. Du sagst immer das selbe. Das fällt nicht auf.“ Boah, kann dieser Typ so souverän lächeln. Ich fände es ja besser, wenn er die Interviews nach Spielschluss für mich führen würde. Dann müsste ich mich nicht mit den Deppen am Mikro rumschlagen.
„Was sagst du nach einem Unentschieden?“ fragt Herr Litfaßski mit der gestrengen Stimme eines Lehrers.
„Ich sage, ja gut, also…“
„Stopp! Was sollst du nicht sagen?“
„Ich soll nicht ‚ja gut‘ oder ‚also‘ sagen.“
„Genau. Also nochmal. Was sagst du nach einem Unentschieden?“
Der Schweiß tritt mir auf die Stirn. Diese Sätze aufzusagen, das ist schwieriger als einen Konter mit einem Solo abzuschließen. Ich fühle mich angestrengt wie eine Ente, kurz bevor sie ein Ei legen muss. Aber ein Gänse-Ei. Tapfer wie ich bin wage ich trotzdem einen neuen Anlauf: „Ich sage: ‚Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber äh…“
„Kein ‚Äh‘!“ donnert Herr Litfaßski. „Nochmal von vorne!“
„Och, menno!“
„Noch mal von vorne!“ Boah, ist der streng!
Ich beiße die Zähne zusammen und sage also pflichtgetreu: „Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber… aber der Gegner war heute auch nicht schlecht und… und die Partie läuft anders, wenn er Elfmeter für uns pfeift.“
„Na also. Geht doch.“ Herr Litfaßski lächelt ein väterliches Lächeln.
„Und wenn es im Spiel gar keine Elfmeter-Situation gegeben hat?“ frage ich ein wenig ratlos.
Herr Litfaßski schüttelt cool den Kopf und sieht dabei aus wie eine souveränere Version von SpongeBob. „Du musst dich natürlich irgendwann mal fallen lassen.“
„Fallen lassen? Beim Interview?“
„Nein, während des Spiels. Im Strafraum.“
„Ach so.“ Fußball ist echt kompliziert. Echt, Leute! Wenn ich vorher gewusst hätte, dass Profifußball so kompliziert ist, dann wäre ich lieber Rennfahrer geworden…
„Und was sagst du nach einer Niederlage zu dem Journalisten?“ fragt mich Herr Litfaßski mit seinem drohenden Mach-jetzt-bloß-keinen-Fehler-Blick.
Das ist einfach. „Dann sage ich: ‚Kein Kommentar‘“, sage ich sehr stolz und lächele jetzt fast so cool wie er. Herr Litfaßski lächelt jetzt nicht mehr – er strahlt. „So will ich das hören!“ lobt er mich.
Zum Glück war es das für heute mit dem Unterricht. Leider war es das aber noch nicht mit dem Alptraum. Das Gesicht von Herrn Litfaßski beginnt zu wabern und löst sich im nachtgetrübten Raum auf. Dafür manifestiert sich ein anderes Gesicht. Ein Gesicht, das zu sagen scheint: „Ich bin der Geilste und stecke euch alle in die Tasche.“
Aber mir macht das nichts aus, zu mir ist der Mann nämlich immer sehr, sehr väterlich und sanft. Er ist mein Berater und heißt Roger Tittmann.
Herr Tittmann sitzt gegenüber von mir, links sitzt unser Vereins-Manager Herr Buchstaben und rechts ein Typ mit graumelierter Schmalztolle, der nur ein paar Brocken Deutsch kann, und das auch nur mit englischem Akzent. Könnte aber auch spanisch sein. Er ist der Manager von Wimbledon United FC. Ich glaub‘, das liegt in England. Also ist es wohl doch eher englisch, was der Typ so von sich gibt.
Herr Tittmann erklärt gegenüber Herrn Buchstaben, der Mann rechts sei Herr Mullbindo. Herr Mullbindo und er selbst seien beide der Meinung, mein wöchentliches Gehalt von 100.000 Euro netto hier in Leipzig sei ja mehr als kläglich. Ich sei ja schließlich DIE Hoffnung auf einen besseren und perfekteren Fußball für ganz Europa. Und Herr Mullbindo würde mir 250.000 Euro netto pro Woche bieten.
„Ist Herr Mullbindo denn der neue Boss von HasenStallsport Leipzig?“ frage ich ein bisschen schüchtern. Herr Tittmann und Herr Mullbindo lachen herzhaft.
„Nein, dafür musst du natürlich nach Wimbledon wechseln“, erklärt Herr Tittmann, und irgendwie habe ich den Eindruck, am liebsten hätte er mir dabei fürsorglich übers Haar gestrichen. Ich bin froh, dass er es nicht getan hat. Wäre ja schon ein bisschen peinlich gewesen für so ‘nen ultimativen Testosteron-Hecht wie mich.
„Ich soll schon wieder wechseln?“ frage ich entgeistert.
Eigentlich bin ich ja erst vor einem halben Jahr von Bayer Leberkuchen zu HasenStallsport Leipzig gewechselt. Und eigentlich will ich nicht schon wieder umziehen. Es ist immer so anstrengend, den Möbelpackern beim Packen zuzusehen. Aber Herr Tittmann sagt, das muss so sein. Mein Karriereplan sieht das so vor. Und er weiß immer ganz genau, was gut für mich ist. Schließlich hat er mir ja auch meine letzte Freundin ausgesucht, und das war wirklich eine scharfe ***** . Leider ist sie dann mit meinem Idol Zlatan Invalidovic durchgebrannt. Vielleicht lag es ja doch daran, dass ich keine Tattoos habe? Ich muss echt nochmal meinen Image-Manager fragen.
„Nein, du wechselst nicht!“ wettert Herr Buchstaben. „Du hast hier einen gut dotierten Vertrag bis 2020. Dafür hast du Leistung zu bringen und damit Ende der Diskussion.“
Hä? Was geht denn hier gerade ab? Hab‘ ich hier diskutiert oder was? Blöd, dass Herr Litfaßski schon gegangen ist. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich antworten soll. Irgendwas Handfestes muss ich antworten. Nur was?
Auf gut Glück sage ich zu Herrn Buchstaben: „Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber der Gegner war heute auch nicht schlecht, und die Partie läuft anders, wenn er Elfmeter für uns pfeift.“
Anscheinend war das nicht die Antwort, die man von mir erwartet hat. Alle schauen mich auf einmal an, als hätte ich vor dem Kacken vergessen, die Hose runterzuziehen. Ich sag’s ja: Profifußball ist echt kompliziert!
Zum Glück weiß Herr Tittmann besser als ich, wie man Herrn Buchstaben entgegentreten muss. „Diesen Ton muss mein Schützling sich nicht bieten lassen“, tobt er, und eine Zornesader zieht sich quer über seine feuerrote Stirn. „Da mangelt es komplett an der Wertschätzung. Das ist ein Skandal! Kein Wunder, dass sich Kevin hier nicht wohl fühlt.“
Genau! Genau, Mann! Ich fühle mich hier gar nicht wohl! Jetzt, wo Herr Tittmann es sagt, merke ich es auch. Ich will hier raus. Ich will nach Wimpelding… oder wie hieß das gleich nochmal?
Herr Buchstaben presst die Lippen aufeinander. Dann blickt er mich gereizt an und sagt mit einer Stimme, als sei er in einen Zementmischer reingeraten: „Kevin, ich bin sehr enttäuscht. Wir haben dich extra von Bayer Leberkuchen losgeeist, weil du dich dort nicht wohlgefühlt hast. Wir ermöglichen dir hier eine einzigartige Karriere. Das komplette Mannschaftsspiel ist nur auf dich zugeschnitten. Ich bin nicht bereit, weiter zu diskutieren. Ich will Leistung von dir sehen, und sonst nichts.“
Jetzt weiß ich, was ich ihm erwidern muss! Dank Herrn Litfaßski weiß ich das. Ich richte mich zu meiner vollen Größe auf und sage cool und souverän: „Kein Kommentar!“
„Bravo, Gratulation!“ ruft Herr Tittmann höhnisch in Richtung von Herrn Buchstaben. „Jetzt haben Sie es endgültig geschafft, die Motivation meines Schützlings in den Keller zu ziehen. Kevin wird jetzt auf dem Platz und im Training nur noch Dienst nach Vorschrift verrichten, bis er endlich wechseln darf.“
Herr Mullbindo grinst sehr smart und sagt: „Fünfundachtzig Millionen.“
Herr Buchstaben greift sich an den Hals und röchelt. „Fünfundach…“ gurgelt er hervor. „Wo ist der Vertrag?“ Dann schüttelt ihn ein heftiger Hustenanfall, der sich seltsamerweise so anhört wie das Läuten von Big Ben…
Das Läuten von Big Ben??!
Aber das ist ja die Melodie meines Weckers! Ist es denn wirklich schon halb sechs? Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, kreidebleich und schweißgebadet. Dorn! Dorn! Dorn! Ich bin der Dorn und nicht der Herr de Dorne! Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mich das erleichtert. Ich bin ein kleiner langweiliger Angestellter ohne Manager, ohne Fans, ohne Image-Berater, ohne Mediencoach – dafür aber mit nem chronisch magenkranken Chef und einem schwindsüchtigen Portemonnaie. Und dafür war ich noch nie so dankbar wie in diesem Augenblick. Danke, danke, danke!
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Auf der Couch ist zum Glück tagtäglich Koma-Saufen angesagt. Das erhöht nicht nur die Kreativität der Couchisten, sondern garantiert auch einen tiefen traumlosen Schlaf. Kevin-de-Dorne-Träume gibt es deshalb nur in unserer Phantasie. Zum Glück.
DIE FABELHAFTE WELT DES KEVIN DE DORNE
von Vic Dorn
Eigentlich habe ich nie Alpträume. Wirklich nie. So was wie „Nightmare on Dorn Street“ stand nie auf dem Programm bei mir. Als vorpubertärer zwölfjähriger John-Sinclair-Anbeter waren zwar meine Hirnwindungen ausschließlich angefüllt mit Vampiren, Werwölfen, Zombies, Teufeln und Dämonen – aber nicht mal einer von denen schaffte es, die nächtlichen Landschaften meines Schlafs mit Schreckensfarben anzustreichen. Sie waren eher so was wie unterhaltsame Kumpels für mich. Vic und Alpträume: Never!
Einmal schlich sich nachts ein besonders finsterer Traum an den schlafenden Vic heran und versuchte, ihn keuchend in die Knie zu zwingen: Ich träumte, ich sei nach einem rechtmäßigen Urteil enthauptet worden und eine Reihe bedeutungsvoll dreinblickender Würdenträger blickten nun in eine runde Silberschüssel hinein, in der sich mein abgetrennter Kopf befand. Und was geschah dann? Ich drängte mich durch diese seriösen Herren durch und rief, von Neugier angetrieben: „Kann ich auch mal sehen? Es ist ja schließlich mein Kopf.“
Ja, das war wirklich so gewesen. Das hab‘ ich nicht erfunden. Ich habe das wirklich so geträumt. Das ist etwa fünfundzwanzig Jahre her, und es war bis dato der letzte klägliche Versuch meines Unterbewusstseins geblieben, mich nachts in ein angstschweiß-durchtränktes Schocklabyrinth zu locken.
Aber dann, letzte Woche, als ich als der gereifte Ü40er, der ich jetzt bin, schon wirklich nicht mehr damit gerechnet habe, passierte es schließlich doch: Ein Alptraum! Und was für einer! Urplötzlich sank sein eisiger Hauch auf mich hinab, schnürte mir die Luft ab und trat mir kräftig in die Eier.
Ich sank in die samtigen, schwerelosen Tiefen des Traumlandes hinunter. Mein Bewusstsein floss aus meinen Körperzellen hinaus in die von dunklem Nachtglanz durchzogene Umgebung und manifestierte sich an anderer Stelle neu. Es schuf oder eroberte sich einen anderen Menschenkörper. Und plötzlich war ich… ja, ich war… ich war wirklich…. Aaaaaarghhh! Ich war plötzlich Fußballprofi. Ich hieß… Darf man es aussprechen? Ich hieß tatsächlich Kevin de Dorne. ***KEVIN DE DORNE***! Ist das nicht furchtbar? Ist das nicht entsetzlich? Ist das nicht ein absoluter Alptraum? Ich, Kevin de Dorne! Aaaaaarghhh!
Ich hatte plötzlich einen starken linken Fuß, aber eine schwache linke Gehirnhälfte. Ich hatte einen noch stärkeren rechten Fuß und eine noch schwächere rechte Gehirnhälfte. Ich hatte plötzlich ähnlich viel Charisma wie ein Koi-Karpfen und dachte sowieso auf einmal, Charisma sei sowieso nur irgend eine Art Salat mit Zwiebeln und Radieschen.
Dann verdichtet sich das Bild: Ich sitze im chromig glänzenden Vereins-Bistro meines Klubs HasenStallsport Leipzig, eingekleidet in und umhüllt von Armani, Hugo Boss und Co. und komme mir dabei unfassbar männlich und bedeutsam vor. Mein Selbstwertgefühl steht in umgekehrter Proportionalität zu meiner Milchgesichtigkeit. Das behauptet jedenfalls der „Ziegel Online“ – oder heißt er vielleicht doch „Zwiebel Online“? „Siegel Online‘“? Ach, nee, „Spiegel Online“ oder so. Jetzt fällt’s mir wieder ein.
Um zu demonstrieren, was für eine coole Sau ich bin, trage ich zum glänzend braunen Armani-Anzug eine quietsch-orangene NewYorkers-Kappe auf dem Kopf. Am liebsten hätte ich auch überall Tattoos, so wie mein Kumpel Arturo Vidalgra. Bei dem schimmert kaum noch ungefärbte Haut durch – so muss es eigentlich sein als Dirty Rotten Fußball-Hipster. Aber Tattoos hat mir mein persönlicher Image-Manager verboten. Die würden nicht zu meinem Typ passen, sagt er. Ich sei ja schließlich so was wie die liechtensteinische Antwort auf Cristiano Ronaldo. Ich verstehe nicht wirklich, was er damit meint. Passen nicht zu meinem Typ? Meinem Typ, hä? Da hab ich natürlich gleich gefragt: „Hab ich echt ‘nen Typen, oder was? Bin ich jetzt auf einmal andersrum geworden?“ Und wisst ihr, was mein Image-Manager dann zu mir gesagt hat? „Kevin, tust du mir einen Gefallen?“ hat er mich gefragt.
„Klar“, hab ich gesagt.
„Hör bitte auf zu denken, Kevin“, sagt er dann. „Tu einfach, was ich sage.“
Find ich gar nicht übel, den Vorschlag. Denken ist auf Dauer eh zu anstrengend. Vor allem im Profifußball. Denn ob ihr’s glaubt oder nicht Leute: Profifußball ist echt kompliziert. Ohne Scheiß.
Gerade studiere ich bei einem alkoholfr… äh… koffeinfreien Latte mit angestrengtem Gesicht die Antworten fürs Interview nach dem nächsten Spiel. Mein persönlicher Mediencoach Pierre Litfaßski hat mir Wort für Wort aufgeschrieben, was ich dem Hirni mit dem Mikrofon antworten soll, wenn das Spiel vorbei ist. Ganz oben auf dem Merkzettel steht in fetten roten Lettern und mit jeweils fünf Ausrufezeichen davor und dahinter: „Die Sätze NICHT mit ‚ÄH‘ oder ‚JA GUT‘ beginnen!“ – Dann steht da: „Nach einem Sieg sagst du folgendes: ‚Wir sind gut in die Partie hineingekommen. Wir haben sehr konzentriert und engagiert unsere Chance gesucht. Hier hat jeder für jeden gefightet und gekämpft. Man merkt, dass wir eine kompakte Einheit sind.“
Ganz schön schwer, diese Worte auswendig zu lernen. Vor allem dieses „Kompakte Einheit“. Herr Litfaßski kennt keine Gnade; er hört mich immer und immer wieder ab. Bis ich Wort für Wort aufsagen kann, was da auf dem Zettel steht.
„Und wenn er mich nach dem Sieg fragt: ‚Wie fühlen Sie sich, Kevin?‘“ frage ich und komme mir dabei ein bisschen ratlos vor. „Dann passt die Antwort doch gar nicht.“
Herr Litfaßski wischt den Einwand mit einer souveränen und irgendwie saucoolen Handbewegung weg. „Das passt immer. Egal, was er dich fragt.“
Ich bin mit dieser Antwort nicht ganz einverstanden. „Und wenn er mich fragt: ‚Kevin, warum hast du in dieser Szene selbst aufs Tor geschossen, anstatt nach rechts auf deinen Mitspieler Shinji Kadaver abzulegen?“
„Egal. Du sagst immer das selbe. Das fällt nicht auf.“ Boah, kann dieser Typ so souverän lächeln. Ich fände es ja besser, wenn er die Interviews nach Spielschluss für mich führen würde. Dann müsste ich mich nicht mit den Deppen am Mikro rumschlagen.
„Was sagst du nach einem Unentschieden?“ fragt Herr Litfaßski mit der gestrengen Stimme eines Lehrers.
„Ich sage, ja gut, also…“
„Stopp! Was sollst du nicht sagen?“
„Ich soll nicht ‚ja gut‘ oder ‚also‘ sagen.“
„Genau. Also nochmal. Was sagst du nach einem Unentschieden?“
Der Schweiß tritt mir auf die Stirn. Diese Sätze aufzusagen, das ist schwieriger als einen Konter mit einem Solo abzuschließen. Ich fühle mich angestrengt wie eine Ente, kurz bevor sie ein Ei legen muss. Aber ein Gänse-Ei. Tapfer wie ich bin wage ich trotzdem einen neuen Anlauf: „Ich sage: ‚Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber äh…“
„Kein ‚Äh‘!“ donnert Herr Litfaßski. „Nochmal von vorne!“
„Och, menno!“
„Noch mal von vorne!“ Boah, ist der streng!
Ich beiße die Zähne zusammen und sage also pflichtgetreu: „Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber… aber der Gegner war heute auch nicht schlecht und… und die Partie läuft anders, wenn er Elfmeter für uns pfeift.“
„Na also. Geht doch.“ Herr Litfaßski lächelt ein väterliches Lächeln.
„Und wenn es im Spiel gar keine Elfmeter-Situation gegeben hat?“ frage ich ein wenig ratlos.
Herr Litfaßski schüttelt cool den Kopf und sieht dabei aus wie eine souveränere Version von SpongeBob. „Du musst dich natürlich irgendwann mal fallen lassen.“
„Fallen lassen? Beim Interview?“
„Nein, während des Spiels. Im Strafraum.“
„Ach so.“ Fußball ist echt kompliziert. Echt, Leute! Wenn ich vorher gewusst hätte, dass Profifußball so kompliziert ist, dann wäre ich lieber Rennfahrer geworden…
„Und was sagst du nach einer Niederlage zu dem Journalisten?“ fragt mich Herr Litfaßski mit seinem drohenden Mach-jetzt-bloß-keinen-Fehler-Blick.
Das ist einfach. „Dann sage ich: ‚Kein Kommentar‘“, sage ich sehr stolz und lächele jetzt fast so cool wie er. Herr Litfaßski lächelt jetzt nicht mehr – er strahlt. „So will ich das hören!“ lobt er mich.
Zum Glück war es das für heute mit dem Unterricht. Leider war es das aber noch nicht mit dem Alptraum. Das Gesicht von Herrn Litfaßski beginnt zu wabern und löst sich im nachtgetrübten Raum auf. Dafür manifestiert sich ein anderes Gesicht. Ein Gesicht, das zu sagen scheint: „Ich bin der Geilste und stecke euch alle in die Tasche.“
Aber mir macht das nichts aus, zu mir ist der Mann nämlich immer sehr, sehr väterlich und sanft. Er ist mein Berater und heißt Roger Tittmann.
Herr Tittmann sitzt gegenüber von mir, links sitzt unser Vereins-Manager Herr Buchstaben und rechts ein Typ mit graumelierter Schmalztolle, der nur ein paar Brocken Deutsch kann, und das auch nur mit englischem Akzent. Könnte aber auch spanisch sein. Er ist der Manager von Wimbledon United FC. Ich glaub‘, das liegt in England. Also ist es wohl doch eher englisch, was der Typ so von sich gibt.
Herr Tittmann erklärt gegenüber Herrn Buchstaben, der Mann rechts sei Herr Mullbindo. Herr Mullbindo und er selbst seien beide der Meinung, mein wöchentliches Gehalt von 100.000 Euro netto hier in Leipzig sei ja mehr als kläglich. Ich sei ja schließlich DIE Hoffnung auf einen besseren und perfekteren Fußball für ganz Europa. Und Herr Mullbindo würde mir 250.000 Euro netto pro Woche bieten.
„Ist Herr Mullbindo denn der neue Boss von HasenStallsport Leipzig?“ frage ich ein bisschen schüchtern. Herr Tittmann und Herr Mullbindo lachen herzhaft.
„Nein, dafür musst du natürlich nach Wimbledon wechseln“, erklärt Herr Tittmann, und irgendwie habe ich den Eindruck, am liebsten hätte er mir dabei fürsorglich übers Haar gestrichen. Ich bin froh, dass er es nicht getan hat. Wäre ja schon ein bisschen peinlich gewesen für so ‘nen ultimativen Testosteron-Hecht wie mich.
„Ich soll schon wieder wechseln?“ frage ich entgeistert.
Eigentlich bin ich ja erst vor einem halben Jahr von Bayer Leberkuchen zu HasenStallsport Leipzig gewechselt. Und eigentlich will ich nicht schon wieder umziehen. Es ist immer so anstrengend, den Möbelpackern beim Packen zuzusehen. Aber Herr Tittmann sagt, das muss so sein. Mein Karriereplan sieht das so vor. Und er weiß immer ganz genau, was gut für mich ist. Schließlich hat er mir ja auch meine letzte Freundin ausgesucht, und das war wirklich eine scharfe ***** . Leider ist sie dann mit meinem Idol Zlatan Invalidovic durchgebrannt. Vielleicht lag es ja doch daran, dass ich keine Tattoos habe? Ich muss echt nochmal meinen Image-Manager fragen.
„Nein, du wechselst nicht!“ wettert Herr Buchstaben. „Du hast hier einen gut dotierten Vertrag bis 2020. Dafür hast du Leistung zu bringen und damit Ende der Diskussion.“
Hä? Was geht denn hier gerade ab? Hab‘ ich hier diskutiert oder was? Blöd, dass Herr Litfaßski schon gegangen ist. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich antworten soll. Irgendwas Handfestes muss ich antworten. Nur was?
Auf gut Glück sage ich zu Herrn Buchstaben: „Wir sind schwer in die Partie hineingekommen. Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen, aber der Gegner war heute auch nicht schlecht, und die Partie läuft anders, wenn er Elfmeter für uns pfeift.“
Anscheinend war das nicht die Antwort, die man von mir erwartet hat. Alle schauen mich auf einmal an, als hätte ich vor dem Kacken vergessen, die Hose runterzuziehen. Ich sag’s ja: Profifußball ist echt kompliziert!
Zum Glück weiß Herr Tittmann besser als ich, wie man Herrn Buchstaben entgegentreten muss. „Diesen Ton muss mein Schützling sich nicht bieten lassen“, tobt er, und eine Zornesader zieht sich quer über seine feuerrote Stirn. „Da mangelt es komplett an der Wertschätzung. Das ist ein Skandal! Kein Wunder, dass sich Kevin hier nicht wohl fühlt.“
Genau! Genau, Mann! Ich fühle mich hier gar nicht wohl! Jetzt, wo Herr Tittmann es sagt, merke ich es auch. Ich will hier raus. Ich will nach Wimpelding… oder wie hieß das gleich nochmal?
Herr Buchstaben presst die Lippen aufeinander. Dann blickt er mich gereizt an und sagt mit einer Stimme, als sei er in einen Zementmischer reingeraten: „Kevin, ich bin sehr enttäuscht. Wir haben dich extra von Bayer Leberkuchen losgeeist, weil du dich dort nicht wohlgefühlt hast. Wir ermöglichen dir hier eine einzigartige Karriere. Das komplette Mannschaftsspiel ist nur auf dich zugeschnitten. Ich bin nicht bereit, weiter zu diskutieren. Ich will Leistung von dir sehen, und sonst nichts.“
Jetzt weiß ich, was ich ihm erwidern muss! Dank Herrn Litfaßski weiß ich das. Ich richte mich zu meiner vollen Größe auf und sage cool und souverän: „Kein Kommentar!“
„Bravo, Gratulation!“ ruft Herr Tittmann höhnisch in Richtung von Herrn Buchstaben. „Jetzt haben Sie es endgültig geschafft, die Motivation meines Schützlings in den Keller zu ziehen. Kevin wird jetzt auf dem Platz und im Training nur noch Dienst nach Vorschrift verrichten, bis er endlich wechseln darf.“
Herr Mullbindo grinst sehr smart und sagt: „Fünfundachtzig Millionen.“
Herr Buchstaben greift sich an den Hals und röchelt. „Fünfundach…“ gurgelt er hervor. „Wo ist der Vertrag?“ Dann schüttelt ihn ein heftiger Hustenanfall, der sich seltsamerweise so anhört wie das Läuten von Big Ben…
Das Läuten von Big Ben??!
Aber das ist ja die Melodie meines Weckers! Ist es denn wirklich schon halb sechs? Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, kreidebleich und schweißgebadet. Dorn! Dorn! Dorn! Ich bin der Dorn und nicht der Herr de Dorne! Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mich das erleichtert. Ich bin ein kleiner langweiliger Angestellter ohne Manager, ohne Fans, ohne Image-Berater, ohne Mediencoach – dafür aber mit nem chronisch magenkranken Chef und einem schwindsüchtigen Portemonnaie. Und dafür war ich noch nie so dankbar wie in diesem Augenblick. Danke, danke, danke!
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Auf der Couch ist zum Glück tagtäglich Koma-Saufen angesagt. Das erhöht nicht nur die Kreativität der Couchisten, sondern garantiert auch einen tiefen traumlosen Schlaf. Kevin-de-Dorne-Träume gibt es deshalb nur in unserer Phantasie. Zum Glück.
15.10.2015 - 19:54 Uhr
Lieber Vic Dorn.
Ein solcher Alptraum kann für einen traditionsbewussen Fan nur mit Musik bekämpft werden.
Am besten mit Musik aus einer Zeit, als Spieler noch nicht ihre Haut aus Gruppendruck buntpieksen lassen mussten.
Also lasse Dich hiermit in den Schlaf wiegen.
https://www.youtube.com/watch?v=As-vKh2SLs4
Und wenn das weitere Alpträume verursacht, bekommen wir vielleicht einen neuen Alptraum geschildert, der in besseren Zeiten angesiedelt ist.
Ein solcher Alptraum kann für einen traditionsbewussen Fan nur mit Musik bekämpft werden.
Am besten mit Musik aus einer Zeit, als Spieler noch nicht ihre Haut aus Gruppendruck buntpieksen lassen mussten.
Also lasse Dich hiermit in den Schlaf wiegen.
https://www.youtube.com/watch?v=As-vKh2SLs4
Und wenn das weitere Alpträume verursacht, bekommen wir vielleicht einen neuen Alptraum geschildert, der in besseren Zeiten angesiedelt ist.
15.10.2015 - 20:11 Uhr
Nach dieser Schilderung werden ganz sicher in einigen Vereinen die Abhörsicherungsmaßnahmen verstärkt werden. Und Gott steh Dir bei wenn der Shitstorm der ***** s eintrifft.
Aber ansonsten: einwandfrei geleaked, vielen Dank fürs sharen
Aber ansonsten: einwandfrei geleaked, vielen Dank fürs sharen
15.10.2015 - 20:32 Uhr
Zitat von Vic Dorn
Ich fühle mich angestrengt wie eine Ente, kurz bevor sie ein Ei legen muss. Aber ein Gänse-Ei.
Ich fühle mich angestrengt wie eine Ente, kurz bevor sie ein Ei legen muss. Aber ein Gänse-Ei.
Mal ehrlich: Wer kennt es nicht, dieses Gefühl? Ich sage nur: allmorgendlicher Toilettengang.
Meine FCK-Träume sind übrigens komischerweise immer noch meistens positiv. Aber so etwas wie die Szene mit dem abgeschlagenen Kopf kenne ich - allerdings mit anderen Trauminhalten - auch: Habe mir in den letzten Wochen nämlich in Rekordzeit neun Staffeln '24' reingezogen und davon akut noch eine üble Matschbirne. Da gehe ich im Traum dann gerne mal frontal in Jack Bauer-Situationen rein - nur um dann etwas spät zu merken, dass mir dessen physische Fähigkeiten komplett fehlen. Da wäre ich dann um ein Repertoire geeigneter Standardsprüche (so in Richtung: "Geh weiter, Du Opfer!") dankbar um - den Überraschungseffekt nutzend - höchstselbst schleunigst Reißaus nehmen zu können; dies aber erhobenen Hauptes und wiegenden Schrittes. Klappt aber leider nicht.
Kevin de Dorne aber könnte sich an Jack Bauer ein Beispiel nehmen und einfach "das tun, was notwendig ist um Resultate zu erzielen". Handeln, nicht Nachdenken! Die Reporter müssen um ihr physisches Wohl besorgt sein, dann quälen sie den Guten auch nicht mit so komplizierten Fragen. Aber da stellt sich dann das gleiche Problem wie in meinen Träumen: Wer hat denn vor untättowierten Milchgesichtern wie de Dorne oder mir schon Angst? Diese Frage nehme ich jetzt mit ins Traumland.
...Aber ich merke schon, ich rutsche gerade in meinen eigenen Albtrum rein: Stell Dir vor, Du bist Jack Bauer und kannst kein Blut sehen. Vor allem nicht das eigene.
Couching vom Feinsten! Mal wieder!
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Newtrial am 15.10.2015 um 21:02 Uhr bearbeitet
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