Die Couchingzone
13.08.2010 - 13:19 Uhr
29.02.2016 - 10:39 Uhr
Englische Woche, es geht Schlag auf Schlag:
Jahrgang 6 – Ausgabe 25
THE DIG DEEP
von Devil_till_Death
Seit Tagen lag der Regen schwer über der grauen Stadt. Der Herbst hatte das letzte Grün schon lange verschluckt und was blieb, war ein bleierner Schatten von Leben. Marlowe streifte seinen Trenchcoat über, zog den Fedora tief in die Stirn, ging entschlossen hinaus in die Straße und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Klienten.
Sein letzter Job lag kaum eine Woche zurück und er erinnerte sich noch lebhaft an die erste Unterredung mit seinem Auftraggeber, einem internationalen Unterhaltungskonzern. Es hätte ihn schon gleich zu Beginn der Unterredung stutzig machen sollen, dass dieser millionenschwere Konzern als gemeinnützige Organisation geführt wurde, aber Marlowe war wieder mal knapp bei Kasse und auf den Auftrag angewiesen. Also wischte er alle Bedenken schnell weg; die wöchentlich 1000 Dollar Honorar plus Spesen konnte er gut gebrauchen. Zumal der Auftrag selbst ihn kaum vor Probleme stellen sollte: Der Konzern litt unter akuter Führungslosigkeit und Marlowe sollte die fünf Bewerber auf den Vorsitz genauer unter die Lupe nehmen und ihre Keller nach Leichen durchsuchen. Keine große Sache, nichts anderes als die Fälle, in denen er Beweise für die Schuld oder Unschuld eines vermeintlichen Ehebrechers beschaffte. Und im Grunde überhaupt kein Unterschied zu den Aufträgen, bei denen er den Hintergrund und die Vertrauenswürdigkeit künftiger Schwiegersöhne im Auftrag des Brautvaters untersuchte. Wie sehr er sich doch getäuscht hatte!
Als Marlowe in seinem Plymouth gerade den Highway erreicht hatte und er den Fall noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ, stellte es ihm die Härchen an den Armen auf. Nicht nur die Kandidaten, auch sein Auftraggeber selbst steckte bis zum Hals im Dreck von Korruption und Verbrechen. So was war ihm noch nie untergekommen. Unwillkürlich schlug Marlowe seinen Kragen hoch. Da wurden Schmiergelder für die Vermarktung der Fernsehrechte empfangen, Schmiergelder für die passenden Wahlergebnisse gezahlt, da wurde Geld veruntreut, schwarze Kassen gefüllt, bestochen und korrumpiert. Was für ein ekelhafter Laden! Und die suchten jetzt also einen neuen Vorsitzenden, nachdem der Alte mitsamt dem Großteil seiner Mischpoke aus dem Amt gejagt und teilweise hinter Gitter gesteckt wurde. Hätte er vorher gewusst, dass es der schmutzigste Job werden sollte, den er je übernommen hatte, Marlowe hätte trotz des für seine Verhältnisse exorbitanten Honorars das Weite gesucht.
Die Kandidaten selbst waren ein bunter Querschnitt durch alle Rassen und Religionen. Einer der Anwärter war ein Franzmann, der so hieß wie die Weinbrause, die Marlowe so verabscheute. Er war bereits zuvor im Konzern tätig gewesen, wurde aber aus undurchsichtigen Gründen rausgeworfen. Außerdem war er für sein Land im diplomatischen Auslandsdienst gewesen. Er setzte sich glaubwürdig für eine neue Organisationskultur, für Transparenz und Ehrlichkeit ein. Und trotzdem Marlowe während seiner Untersuchen heraus fand, dass der Mann praktisch ohne Chance auf den Vorsitz war, schien er für ihn eigentlich der geeignetste Kandidat zu sein.
Der nächste, den er unter die Lupe nahm, war ein waschechter Prinz aus dem Morgenland. Er war schon einmal angetreten, den Vorsitz des Konzerns zu übernehmen, war aber gescheitert. Und auch dieses mal, trotzdem er sich eigentlich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, sah es nicht so aus, als ob der junge Prinz eine Chance haben würde.
Dann war da ein Schwarzer aus dem tiefsten Afrika, einst ein inhaftierter Widerstandskämpfer gegen ein unterdrückerisches Regime. Dieser hatte sich zum Multimillionär hochgearbeitet, als habe er den amerikanischen Traum mit der Muttermilch aufgesogen. Was Marlowe zunächst einen gewissen Respekt einflößte, wandelte sich aber bald in das genaue Gegenteil: Unterschlagung, Korruption, Briefkastenfirmen, Blutdiamanten – mit diesen vier Bällen hatte der ehrenwerte Mann jongliert und sie lange genug in der Luft gehalten, so dass jeder staunte und nicht hinter die Kulissen seiner billigen Schmierenkomödie zu blicken wagte. Und dieser Aushilfs-Capone wollte den Vorsitz des Konzerns übernehmen? Für Marlowe undenkbar.
Zweifel überkamen Marlowe auch bei dem Kandidaten aus der Schweiz. Dieser war der Wunschkandidat der mächtigen Europäer und kurzfristig für seinen aus dem Verkehr gezogenen Ex-Chef eingesprungen. Zwar hatte er sich die unschuldige Maske des unwissenden Lakaien aufgesetzt, aber Marlowe traute dem Braten nicht. Denn auch der eloquente Schweizer bediente sich derselben Mittel, die schon seinen Landsmann zuvor auf den Chefsessel gehoben hatten: Er versprach einfach allen wichtigen Wählern mehr Geld, mehr Macht und mehr Prestige. Ob dieser Mann ein geeigneter Vorsitzender wäre? Marlowe konnte sich das nicht so recht vorstellen.
Aber den Vogel schoss ein weiterer Araber ab. Ebenfalls aus königlichem Haus, erschien dieser Mann Marlowe als ebenso wenig ehrenwerte Figur: Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen, Duldung von Verhaftungen und Folterungen von Demonstranten während des arabischen Frühlings. Selbst Sportler, die der Mann in seiner Funktion als Vorsitzender des asiatischen Regionalverbandes eigentlich hätte schützen müssen, wurden zu Opfern dieser Brutalität – so stellte sich Marlowe sicher nicht den neuen Vorsitzenden des Großkonzerns vor.
Als er der Wahlkommission voll grauer Anzüge und ebenso grauen Männern seine Ergebnisse präsentierte, lag betretenes Schweigen in der Luft. Marlowe schnürte es den Hals zu, er hatte das Gefühl, man würde ihn lebendig begraben. Dann aber brandete Applaus auf, er wurde gelobt und ihm wurde auf die Schulter geklopft. Man bedankte sich für die gute und sorgfältige Arbeit. Man wisse nun genau, wen man zu wählen habe und wen nicht.
Marlowe empfing seinen Scheck und schüttelte ein paar lasche und schwitzige Hände. Er war kein großer Psychologe, aber er hatte den Eindruck, dass die vielen Gesichter, die ihm entgegen lächelten, sich zu diesem Lächeln zwingen mussten. Vielleicht, so dachte Marlowe kurz, lag es ja am üppigen Honorar, das auf seinem Scheck aufgedruckt war. Immerhin war der Betrag höher als alles, was er in den letzten drei Jahren zusammen verdient hatte. Im Grunde könnte er sich jetzt zur Ruhe setzen und mit Myra endlich die Ferien in Acapulco verbringen, die sie sich immer gewünscht hatte. Vielleicht könnte er auch für immer in Acapulco bleiben. Scheidungsfälle und zwielichtige Schwiegersöhne würde es ja auch unter der angenehmen Sonne Mexikos geben. Trotzdem verließ er das Kongresszentrum mit einem Gefühl von Unbehagen. Er traute den grauen Männern und deren Urteilsvermögen nicht. Der Regen war stärker geworden und auch der Wind hatte aufgefrischt.
Marlowe zwang sich, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Der neue Auftrag , der vor ihm lag, brauchte seine volle Konzentration. Reflektieren konnte er immer noch, wenn ihn die mexikanische Sonne briet. Wieder war sein Klient in spe ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche. Hatte er sich durch ein bisschen Schnüffelei zum Experten fürs Showbiz hochgearbeitet? Hatten seine letzen Auftraggeber ihn weiter empfohlen? Er war sich nicht sicher, dachte aber auch nicht lange darüber nach. Er freute sich auf einen weiteren gut dotierten Scheck.
Erste Zweifel überkamen Marlowe, als er vor dem Hauptquartier seines Klienten aus seinem Plymouth DeLuxe ausstieg. Das Gebäude mag ja vor Jahren mal modern und wegweisend gewesen sein, aber inzwischen sah selbst ein Blinder die Risse im Gemäuer, die undichten Scheiben, die unverputzte Außenhaut. Als er flüchtig über die Stadt hinweg sah, die sich im Tal vor seinen Füßen ausbreitete, lag sie genauso grau und düster unter ihm wie die seine. Er rückte seinen Fedora zurecht, richtete seine Krawatte und betrat das Innere des schmucklosen Baus. Es empfingen ihn verwaiste Büros, auf den Gängen schlurften desillusionierte Gestalten herum, keiner schien ihn überhaupt wahrzunehmen.
Als er an dem Büro anklopfte, das man ihm am Fernsprecher genannt hatte, rief ihn eine Stimme nach kurzem Warten herein. Marlowe öffnete die Tür und betrat den kahlen Raum, der nur einen Schreibtisch, einen ledernen Drehsessel, zwei ungemütlich wirkende Stühle, einen kleinen Beistelltisch und einen Aktenschrank beherbergte. »Setzen Sie sich, Herr Marlowe«, bat ihn der freundliche Mann, der sich als Vorsitzender des Aufsichtsrates zu erkennen gab. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.« »Warten wir es ab«, entgegnete Marlowe nonchalant. »Ich habe schon zu viele Leute getroffen, die ihre Meinung schneller wechseln als ich meine Unterhosen.« Nikolai Riesenkampff, so hieß der dynamisch auftretende Mann, runzelte die Stirn. Er bot Marlowe einen Drink, den dieser gerne annahm. »Ich hoffe nicht, dass ich meine Meinung werde ändern müssen, Herr Marlowe. Ich bin ein Mann, der seine Grundsätze gedenkt einzuhalten.« Marlowe konnte eine gewisse Sympathie nicht verhehlen. »Was wollen Sie von mir«, kam Marlowe zur Sache. »Es ist ein beschissenes Wetter in ihrer K-Stadt und obschon ich so ein Sauwetter gewohnt bin, hätte ich nix dagegen, so schnell wie möglich meine Aufgabe zu erledigen und mich wieder aus dem Staub zu machen.« Riesenkampff setzte ein breites Lächeln auf, das sein schmuckloses Büro beinahe zum Glänzen brachte. »Sie gefallen mir, Philipp. Ich darf Sie doch Philipp nennen? Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack! Gut, kommen wir zur Sache!«
Riesenkampff fing an, die Geschichte seiner Organisation herunter zu beten. Er erzählte vom Krieg, von harten Zeiten, von einem Zauberer und seinen vier Gefährten. Er sprach vom Überleben als Maus im Löwenkäfig, von unerwarteten Erfolgen, vom nahen Tod und der triumphalen Auferstehung. »Sehen Sie, Philipp, wir sind eine ganz besondere Organisation mit ganz besonderen Anhängern. Wir glauben nicht an Wunder, wir wissen, dass es sie gibt.« Marlowe kam sich vor, als säße er seinem Beichtvater gegenüber. »Aber in letzter Zeit», so fuhr Riesenkampff fort, »in letzter Zeit ist unser seit Jahrzehnten gepflegtes Weltbild gefährlich ins Wanken gekommen.« Riesenkampff drehte sich in seinem ledernen Sessel dem Fenster zu. »Sie haben bestimmt schon die Stadt da unten gesehen. Aber es ist nicht nur diese Stadt, die sich an uns aufrichtet – es ist eine ganze Region. Es sind eine Million und mehr Menschen, die ihre Lebensqualität an unserer Arbeit messen. Dem müssen wir gerecht werden. Und das ist uns in den letzten Jahren nicht mehr gelungen.« Marlowe überkam ein ungutes Gefühl, während Riesenkampff sich wieder zu ihm umdrehte. Er beugte sich langsam über den mit Papieren übersäten Schreibtisch zu Marlowe hinüber, der unwillkürlich sein Glas Bourbon fester griff.
Eindringlich sah ihm Riesenkampff in die Augen. Er sprach langsam und mit Nachdruck. »Wir müssen das Ruder herum reißen, Philipp. Wir müssen das Ruder herum reißen. Zum Wohle meiner Organisation, zum Wohle der Stadt, zum Wohle der Menschen!« Marlowe nahm einen Schluck. Er schmeckte bitter. »Wie kann ausgerechnet ich ihnen helfen« fragte er. »Ich kenne hier niemanden, ich habe keine Kontakte in der Gegend, wie sollte ich ihnen helfen können?« Riesenkampff lehnte sich zurück und legte seine Arme auf die Lehnen seines Drehsessels. »Genau deshalb, Philipp, sind Sie der richtige Mann. Sie kennen hier niemanden? Ich sage: Gut, denn niemand kennt Sie! Sie haben hier keine Kontakte? Ich sage: Umso besser, denn niemand wird Sie in Ihrer Unvoreingenommenheit beeinflussen können! Sie fragen sich, wie Sie mir helfen können? Ich sage: Sie schickt der Himmel!« Marlowe wurde flau im Magen. So hatte er sich damals gefühlt, kurz bevor er Vivian kennen und lieben gelernt hatte. Und auch da war er in große Schwierigkeiten gekommen.
»Gut Nikolai – ich darf Sie doch Nikolai nennen?» Riesenkampff nickte lächelnd. »Gut Nikolai, sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen der Himmel geschickt hat. Und sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen helfen kann. Sagen Sie mir dann auch endlich, was zum Henker Sie eigentlich von mir wollen?« Sein Gegenüber schälte sich langsam aus seinem Sessel, breitete die Arme leicht aus und setzte zu einem weiteren Monolog an. Er erzählte vom Beinahe-Ruin und wie eine Lichtgestalt plötzlich die klapprige Bühne betrat. Er erzählte von einer wundersamen Rettung, von der Renaissance der kleinen Firma, ihrem plötzlichen Höhenflug und einem jähen Absturz. Marlowe wunderte sich, wie sehr die Menschen am Schicksal dieses kleinen Boulevardtheaters Anteil nahmen. Aber er war fremd hier, er verstand die Menschen nicht. Das Einzige, was sie verband, war der graue Regen und die Gräue der Stadt. Marlowe musste sich zwingen, Riesenkampff bei seinen Ausführungen zu folgen und nicht in seinen eigenen Gedanken hängen zu bleiben. Als Riesenkampff begann, von der finanziellen, personellen und sportlichen Fehlplanung der Lichtgestalt zu dozieren, unterbrach ihn Marlowe plötzlich: »Nikolai, kommen Sie bitte zur Sache, mir brummt schon der Schädel. Ich habe verstanden, dass ihre Firma in Stadt und Land tief verwurzelt ist, dass sie immer der Underdog gewesen ist, dass sie aus dieser Rolle heraus erfolgreich gewesen ist, dass sie irgendwann das Glück verließ, dass sie von einem alten Helden wieder reanimiert wurde, dass dieser Held sich aber nicht als Heiland heraus gestellt hat und in Kürze wohl gehen wird. Aber verschwenden Sie jetzt nicht länger meine Zeit, Nikolai, und sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen!«
Riesenkampff nahm wieder in seinem dick gepolsterten Sessel Platz und beugte sich über seinen Schreibtisch. »Wir brauchen einen Sportchef und einen Marketingvorstand, Philipp. Und Sie sind der Mann, der sie für uns finden soll.« Marlowe kam es so vor, als erlebe er ein Déjà-vu. »Dieses Leute müssen Fachkompetenz mitbringen und möglichst unvoreingenommen an die Arbeit gehen. Sie sollten ein dickes Fell haben und Kritik standhalten können. Einschlägige Berufserfahrung ist ein Muss, nicht so wichtig ist es, ob sie einen großen Namen haben, den Menschen hier bekannt sind oder gar hier schon mal tätig waren. Eigentlich wäre es am Besten, wenn sie hier noch nicht gearbeitet hätten. Das verwirrt die Menschen nur.« Riesenkampff lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Marlowe mit durchdringendem Blick an. »Philipp, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße und ich brauche die besten Leute, die wir uns leisten können. Wir müssen auf Teufel komm raus wieder in die Top-15 unserer Branche, sonst fliegt uns der Laden in den nächsten Jahren um die Ohren.« Riesenkampff machte eine kurze Pause. »Philipp, Sie sind der wichtigste Mann in meinem Masterplan. Sie können es schaffen, diese Leute zu finden, davon bin ich überzeugt. Was halten Sie davon?«
Marlowe nahm den letzten Schluck seines inzwischen wässrig gewordenen Bourbons. Die Eiswürfel waren geschmolzen und auch Marlowe fühlte sich, als schmölzen ihm die Knie. Trotzdem erhob er sich aus seinem Sessel. Er hatte sich Gedanken gemacht, während Riesenkampff über seine Lage und die seiner Organisation referierte. »Nikolai, ich weiß nicht, ob ich der richtige Mann für Sie bin. Ihr Vertrauen in meine Arbeit ehrt mich, aber mein letzter Job in ihrer Branche war kein Zuckerschlecken. Mit so viel Schmutz, Lügen und dunklen Geschäften bin ich in meiner ganzen Laufbahn als Privatdetektiv nicht in Berührung gekommen.« Marlowe stellte sein Glas ab, griff zu seinem Trenchcoat und setzte seinen inzwischen wieder trockenen Fedora auf. »Ich brauche ein bisschen Bedenkzeit, Nikolai. Ich melde mich bei Ihnen.« »Sie haben drei Tage, Philipp, die Zeit drängt.« Riesenkampff reichte Marlowe die Hand und mit einem gewinnenden Lächeln verabschiedete er ihn.
Marlowe stieg in seinen Plymouth und dachte kurz über das Treffen nach. Der Mann schien wirklich in einer verzweifelten Lage zu sein. Darüber konnte weder sein Auftreten noch sein Überzeugungstalent hinweg täuschen. Aber Marlowe mochte ihn irgendwie. Und die Aufgabe war reizvoll und auch finanziell würde sie sich für ihn lohnen. Als Marlowe die Stadtgrenzen passierte, ließ auch der Regen langsam nach und die Sonne schob sich zwischen den schwarzen Wolken durch. Sie vertrieb auch Marlowes grüblerische Gedanken. Er schaltete den Empfänger ein, den er von seinem letzten Honorar in seinen Wagen hatte einbauen lassen. Es hatte sich gelohnt, die 15 Dollar extra für das Luxusmodell zu investieren; das Duke Ellington Orchestra klang so viel besser, wenn der Empfang klar und störungsfrei war. Marlowe versank förmlich in der Musik und hing seinen Tagträumen nach. Myra und er am Strand von Acapulco, er mit einem kühlen Corona, sie mit ihrem Gin and Tonic. Nur langsam drang die Stimme des Ansagers zu ihm vor, doch plötzlich, wie durch einen Blitzschlag wurde er aus seinen Träumen gerissen:
»… hat in Zürich die FIFA-Vollversammlung Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa aus Bahrein zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Er setzte sich mit 124 zu –«
Marlowe schaltete benommen das Radio ab. Die Information zuckte in seinem Kopf hin und her. Wie konnte das sein? Den Kandidaten, der am meisten Dreck am Stecken hatte, den machten diese Knallchargen zu ihrem neuen Anführer? Er konnte es nicht glauben. Fassungslos steuerte Marlowe seinen Wagen an den Straßenrand. Er stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Aber auch der heiße Rauch vermochte ihn kaum zu beruhigen. Doch er fasste einen Entschluss. Marlowe warf die nicht mal halb gerauchte Zigarette weg, setzte sich wieder in den Wagen, fuhr zur nächten Telefonzelle, warf einen Vierteldollar ein und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete man sich nach kurzer Zeit. »1. FC Kaiserslautern, Nikolai Riesenkampff.« »Ich bin es Nikolai, Marlowe.« »Philipp, wie schön, so schnell von Ihnen zu hören« sagte Riesenkampff hörbar erfreut. »Schießen Sie los.« »Nikolai«, entgegnete Marlowe mit entschlossener Stimme, »suchen Sie sich einen anderen Clown für den Job. Ich habe schon viel erlebt und gesehen und ich dachte, mich könne wirklich nix mehr überraschen. Aber Ihre Branche schlägt alles, was ich an Stumpfsinn, Ignoranz und Dummheit je erlebt habe. Verstehen Sie mich nicht falsch, Sie sind ja ein netter Kerl, und der Scheck, den Sie mir ausgestellt hätten, der wäre für viele Männer meines Schlags Grund genug, über Leichen zu gehen. Aber auch ich habe meine Grundsätze, und auch ich gedenke diese einzuhalten. Ich bin nicht der Erfüllungsgehilfe für die Spielchen, die in Ihrer Branche gespielt werden. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei Ihrer Suche, aber ich bin aus der Nummer raus!«
Marlowe ließ Riesenkampff nicht mal mehr zu Wort kommen und hängte den Hörer in die Gabel. Wie von einer Last befreit stieg er in seinen Wagen, ließ den Motor an und schaltete das Radio wieder ein. Der Weg nach Hause war lang und er sehnte sich nach Myra. Aber wenigstens schien wieder die Sonne.
_________________________
Auf der Couch brauchen wir keinen schwarz-weißen Privatdetektiven. Wo Kohlmeyers Bier steht, das wissen wir und wer es leer säuft, kann er sich auch von alleine denken. Und um uns daran zu erinnern, dass wir uns vor jedem verdammten Spieltag auf die Spur des Falken begeben, dafür brauchen wir auch keinen Helden aus der Schwarzen Serie.
Jahrgang 6 – Ausgabe 25
THE DIG DEEP
von Devil_till_Death
Seit Tagen lag der Regen schwer über der grauen Stadt. Der Herbst hatte das letzte Grün schon lange verschluckt und was blieb, war ein bleierner Schatten von Leben. Marlowe streifte seinen Trenchcoat über, zog den Fedora tief in die Stirn, ging entschlossen hinaus in die Straße und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Klienten.
Sein letzter Job lag kaum eine Woche zurück und er erinnerte sich noch lebhaft an die erste Unterredung mit seinem Auftraggeber, einem internationalen Unterhaltungskonzern. Es hätte ihn schon gleich zu Beginn der Unterredung stutzig machen sollen, dass dieser millionenschwere Konzern als gemeinnützige Organisation geführt wurde, aber Marlowe war wieder mal knapp bei Kasse und auf den Auftrag angewiesen. Also wischte er alle Bedenken schnell weg; die wöchentlich 1000 Dollar Honorar plus Spesen konnte er gut gebrauchen. Zumal der Auftrag selbst ihn kaum vor Probleme stellen sollte: Der Konzern litt unter akuter Führungslosigkeit und Marlowe sollte die fünf Bewerber auf den Vorsitz genauer unter die Lupe nehmen und ihre Keller nach Leichen durchsuchen. Keine große Sache, nichts anderes als die Fälle, in denen er Beweise für die Schuld oder Unschuld eines vermeintlichen Ehebrechers beschaffte. Und im Grunde überhaupt kein Unterschied zu den Aufträgen, bei denen er den Hintergrund und die Vertrauenswürdigkeit künftiger Schwiegersöhne im Auftrag des Brautvaters untersuchte. Wie sehr er sich doch getäuscht hatte!
Als Marlowe in seinem Plymouth gerade den Highway erreicht hatte und er den Fall noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ, stellte es ihm die Härchen an den Armen auf. Nicht nur die Kandidaten, auch sein Auftraggeber selbst steckte bis zum Hals im Dreck von Korruption und Verbrechen. So was war ihm noch nie untergekommen. Unwillkürlich schlug Marlowe seinen Kragen hoch. Da wurden Schmiergelder für die Vermarktung der Fernsehrechte empfangen, Schmiergelder für die passenden Wahlergebnisse gezahlt, da wurde Geld veruntreut, schwarze Kassen gefüllt, bestochen und korrumpiert. Was für ein ekelhafter Laden! Und die suchten jetzt also einen neuen Vorsitzenden, nachdem der Alte mitsamt dem Großteil seiner Mischpoke aus dem Amt gejagt und teilweise hinter Gitter gesteckt wurde. Hätte er vorher gewusst, dass es der schmutzigste Job werden sollte, den er je übernommen hatte, Marlowe hätte trotz des für seine Verhältnisse exorbitanten Honorars das Weite gesucht.
Die Kandidaten selbst waren ein bunter Querschnitt durch alle Rassen und Religionen. Einer der Anwärter war ein Franzmann, der so hieß wie die Weinbrause, die Marlowe so verabscheute. Er war bereits zuvor im Konzern tätig gewesen, wurde aber aus undurchsichtigen Gründen rausgeworfen. Außerdem war er für sein Land im diplomatischen Auslandsdienst gewesen. Er setzte sich glaubwürdig für eine neue Organisationskultur, für Transparenz und Ehrlichkeit ein. Und trotzdem Marlowe während seiner Untersuchen heraus fand, dass der Mann praktisch ohne Chance auf den Vorsitz war, schien er für ihn eigentlich der geeignetste Kandidat zu sein.
Der nächste, den er unter die Lupe nahm, war ein waschechter Prinz aus dem Morgenland. Er war schon einmal angetreten, den Vorsitz des Konzerns zu übernehmen, war aber gescheitert. Und auch dieses mal, trotzdem er sich eigentlich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, sah es nicht so aus, als ob der junge Prinz eine Chance haben würde.
Dann war da ein Schwarzer aus dem tiefsten Afrika, einst ein inhaftierter Widerstandskämpfer gegen ein unterdrückerisches Regime. Dieser hatte sich zum Multimillionär hochgearbeitet, als habe er den amerikanischen Traum mit der Muttermilch aufgesogen. Was Marlowe zunächst einen gewissen Respekt einflößte, wandelte sich aber bald in das genaue Gegenteil: Unterschlagung, Korruption, Briefkastenfirmen, Blutdiamanten – mit diesen vier Bällen hatte der ehrenwerte Mann jongliert und sie lange genug in der Luft gehalten, so dass jeder staunte und nicht hinter die Kulissen seiner billigen Schmierenkomödie zu blicken wagte. Und dieser Aushilfs-Capone wollte den Vorsitz des Konzerns übernehmen? Für Marlowe undenkbar.
Zweifel überkamen Marlowe auch bei dem Kandidaten aus der Schweiz. Dieser war der Wunschkandidat der mächtigen Europäer und kurzfristig für seinen aus dem Verkehr gezogenen Ex-Chef eingesprungen. Zwar hatte er sich die unschuldige Maske des unwissenden Lakaien aufgesetzt, aber Marlowe traute dem Braten nicht. Denn auch der eloquente Schweizer bediente sich derselben Mittel, die schon seinen Landsmann zuvor auf den Chefsessel gehoben hatten: Er versprach einfach allen wichtigen Wählern mehr Geld, mehr Macht und mehr Prestige. Ob dieser Mann ein geeigneter Vorsitzender wäre? Marlowe konnte sich das nicht so recht vorstellen.
Aber den Vogel schoss ein weiterer Araber ab. Ebenfalls aus königlichem Haus, erschien dieser Mann Marlowe als ebenso wenig ehrenwerte Figur: Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen, Duldung von Verhaftungen und Folterungen von Demonstranten während des arabischen Frühlings. Selbst Sportler, die der Mann in seiner Funktion als Vorsitzender des asiatischen Regionalverbandes eigentlich hätte schützen müssen, wurden zu Opfern dieser Brutalität – so stellte sich Marlowe sicher nicht den neuen Vorsitzenden des Großkonzerns vor.
Als er der Wahlkommission voll grauer Anzüge und ebenso grauen Männern seine Ergebnisse präsentierte, lag betretenes Schweigen in der Luft. Marlowe schnürte es den Hals zu, er hatte das Gefühl, man würde ihn lebendig begraben. Dann aber brandete Applaus auf, er wurde gelobt und ihm wurde auf die Schulter geklopft. Man bedankte sich für die gute und sorgfältige Arbeit. Man wisse nun genau, wen man zu wählen habe und wen nicht.
Marlowe empfing seinen Scheck und schüttelte ein paar lasche und schwitzige Hände. Er war kein großer Psychologe, aber er hatte den Eindruck, dass die vielen Gesichter, die ihm entgegen lächelten, sich zu diesem Lächeln zwingen mussten. Vielleicht, so dachte Marlowe kurz, lag es ja am üppigen Honorar, das auf seinem Scheck aufgedruckt war. Immerhin war der Betrag höher als alles, was er in den letzten drei Jahren zusammen verdient hatte. Im Grunde könnte er sich jetzt zur Ruhe setzen und mit Myra endlich die Ferien in Acapulco verbringen, die sie sich immer gewünscht hatte. Vielleicht könnte er auch für immer in Acapulco bleiben. Scheidungsfälle und zwielichtige Schwiegersöhne würde es ja auch unter der angenehmen Sonne Mexikos geben. Trotzdem verließ er das Kongresszentrum mit einem Gefühl von Unbehagen. Er traute den grauen Männern und deren Urteilsvermögen nicht. Der Regen war stärker geworden und auch der Wind hatte aufgefrischt.
Marlowe zwang sich, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Der neue Auftrag , der vor ihm lag, brauchte seine volle Konzentration. Reflektieren konnte er immer noch, wenn ihn die mexikanische Sonne briet. Wieder war sein Klient in spe ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche. Hatte er sich durch ein bisschen Schnüffelei zum Experten fürs Showbiz hochgearbeitet? Hatten seine letzen Auftraggeber ihn weiter empfohlen? Er war sich nicht sicher, dachte aber auch nicht lange darüber nach. Er freute sich auf einen weiteren gut dotierten Scheck.
Erste Zweifel überkamen Marlowe, als er vor dem Hauptquartier seines Klienten aus seinem Plymouth DeLuxe ausstieg. Das Gebäude mag ja vor Jahren mal modern und wegweisend gewesen sein, aber inzwischen sah selbst ein Blinder die Risse im Gemäuer, die undichten Scheiben, die unverputzte Außenhaut. Als er flüchtig über die Stadt hinweg sah, die sich im Tal vor seinen Füßen ausbreitete, lag sie genauso grau und düster unter ihm wie die seine. Er rückte seinen Fedora zurecht, richtete seine Krawatte und betrat das Innere des schmucklosen Baus. Es empfingen ihn verwaiste Büros, auf den Gängen schlurften desillusionierte Gestalten herum, keiner schien ihn überhaupt wahrzunehmen.
Als er an dem Büro anklopfte, das man ihm am Fernsprecher genannt hatte, rief ihn eine Stimme nach kurzem Warten herein. Marlowe öffnete die Tür und betrat den kahlen Raum, der nur einen Schreibtisch, einen ledernen Drehsessel, zwei ungemütlich wirkende Stühle, einen kleinen Beistelltisch und einen Aktenschrank beherbergte. »Setzen Sie sich, Herr Marlowe«, bat ihn der freundliche Mann, der sich als Vorsitzender des Aufsichtsrates zu erkennen gab. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.« »Warten wir es ab«, entgegnete Marlowe nonchalant. »Ich habe schon zu viele Leute getroffen, die ihre Meinung schneller wechseln als ich meine Unterhosen.« Nikolai Riesenkampff, so hieß der dynamisch auftretende Mann, runzelte die Stirn. Er bot Marlowe einen Drink, den dieser gerne annahm. »Ich hoffe nicht, dass ich meine Meinung werde ändern müssen, Herr Marlowe. Ich bin ein Mann, der seine Grundsätze gedenkt einzuhalten.« Marlowe konnte eine gewisse Sympathie nicht verhehlen. »Was wollen Sie von mir«, kam Marlowe zur Sache. »Es ist ein beschissenes Wetter in ihrer K-Stadt und obschon ich so ein Sauwetter gewohnt bin, hätte ich nix dagegen, so schnell wie möglich meine Aufgabe zu erledigen und mich wieder aus dem Staub zu machen.« Riesenkampff setzte ein breites Lächeln auf, das sein schmuckloses Büro beinahe zum Glänzen brachte. »Sie gefallen mir, Philipp. Ich darf Sie doch Philipp nennen? Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack! Gut, kommen wir zur Sache!«
Riesenkampff fing an, die Geschichte seiner Organisation herunter zu beten. Er erzählte vom Krieg, von harten Zeiten, von einem Zauberer und seinen vier Gefährten. Er sprach vom Überleben als Maus im Löwenkäfig, von unerwarteten Erfolgen, vom nahen Tod und der triumphalen Auferstehung. »Sehen Sie, Philipp, wir sind eine ganz besondere Organisation mit ganz besonderen Anhängern. Wir glauben nicht an Wunder, wir wissen, dass es sie gibt.« Marlowe kam sich vor, als säße er seinem Beichtvater gegenüber. »Aber in letzter Zeit», so fuhr Riesenkampff fort, »in letzter Zeit ist unser seit Jahrzehnten gepflegtes Weltbild gefährlich ins Wanken gekommen.« Riesenkampff drehte sich in seinem ledernen Sessel dem Fenster zu. »Sie haben bestimmt schon die Stadt da unten gesehen. Aber es ist nicht nur diese Stadt, die sich an uns aufrichtet – es ist eine ganze Region. Es sind eine Million und mehr Menschen, die ihre Lebensqualität an unserer Arbeit messen. Dem müssen wir gerecht werden. Und das ist uns in den letzten Jahren nicht mehr gelungen.« Marlowe überkam ein ungutes Gefühl, während Riesenkampff sich wieder zu ihm umdrehte. Er beugte sich langsam über den mit Papieren übersäten Schreibtisch zu Marlowe hinüber, der unwillkürlich sein Glas Bourbon fester griff.
Eindringlich sah ihm Riesenkampff in die Augen. Er sprach langsam und mit Nachdruck. »Wir müssen das Ruder herum reißen, Philipp. Wir müssen das Ruder herum reißen. Zum Wohle meiner Organisation, zum Wohle der Stadt, zum Wohle der Menschen!« Marlowe nahm einen Schluck. Er schmeckte bitter. »Wie kann ausgerechnet ich ihnen helfen« fragte er. »Ich kenne hier niemanden, ich habe keine Kontakte in der Gegend, wie sollte ich ihnen helfen können?« Riesenkampff lehnte sich zurück und legte seine Arme auf die Lehnen seines Drehsessels. »Genau deshalb, Philipp, sind Sie der richtige Mann. Sie kennen hier niemanden? Ich sage: Gut, denn niemand kennt Sie! Sie haben hier keine Kontakte? Ich sage: Umso besser, denn niemand wird Sie in Ihrer Unvoreingenommenheit beeinflussen können! Sie fragen sich, wie Sie mir helfen können? Ich sage: Sie schickt der Himmel!« Marlowe wurde flau im Magen. So hatte er sich damals gefühlt, kurz bevor er Vivian kennen und lieben gelernt hatte. Und auch da war er in große Schwierigkeiten gekommen.
»Gut Nikolai – ich darf Sie doch Nikolai nennen?» Riesenkampff nickte lächelnd. »Gut Nikolai, sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen der Himmel geschickt hat. Und sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen helfen kann. Sagen Sie mir dann auch endlich, was zum Henker Sie eigentlich von mir wollen?« Sein Gegenüber schälte sich langsam aus seinem Sessel, breitete die Arme leicht aus und setzte zu einem weiteren Monolog an. Er erzählte vom Beinahe-Ruin und wie eine Lichtgestalt plötzlich die klapprige Bühne betrat. Er erzählte von einer wundersamen Rettung, von der Renaissance der kleinen Firma, ihrem plötzlichen Höhenflug und einem jähen Absturz. Marlowe wunderte sich, wie sehr die Menschen am Schicksal dieses kleinen Boulevardtheaters Anteil nahmen. Aber er war fremd hier, er verstand die Menschen nicht. Das Einzige, was sie verband, war der graue Regen und die Gräue der Stadt. Marlowe musste sich zwingen, Riesenkampff bei seinen Ausführungen zu folgen und nicht in seinen eigenen Gedanken hängen zu bleiben. Als Riesenkampff begann, von der finanziellen, personellen und sportlichen Fehlplanung der Lichtgestalt zu dozieren, unterbrach ihn Marlowe plötzlich: »Nikolai, kommen Sie bitte zur Sache, mir brummt schon der Schädel. Ich habe verstanden, dass ihre Firma in Stadt und Land tief verwurzelt ist, dass sie immer der Underdog gewesen ist, dass sie aus dieser Rolle heraus erfolgreich gewesen ist, dass sie irgendwann das Glück verließ, dass sie von einem alten Helden wieder reanimiert wurde, dass dieser Held sich aber nicht als Heiland heraus gestellt hat und in Kürze wohl gehen wird. Aber verschwenden Sie jetzt nicht länger meine Zeit, Nikolai, und sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen!«
Riesenkampff nahm wieder in seinem dick gepolsterten Sessel Platz und beugte sich über seinen Schreibtisch. »Wir brauchen einen Sportchef und einen Marketingvorstand, Philipp. Und Sie sind der Mann, der sie für uns finden soll.« Marlowe kam es so vor, als erlebe er ein Déjà-vu. »Dieses Leute müssen Fachkompetenz mitbringen und möglichst unvoreingenommen an die Arbeit gehen. Sie sollten ein dickes Fell haben und Kritik standhalten können. Einschlägige Berufserfahrung ist ein Muss, nicht so wichtig ist es, ob sie einen großen Namen haben, den Menschen hier bekannt sind oder gar hier schon mal tätig waren. Eigentlich wäre es am Besten, wenn sie hier noch nicht gearbeitet hätten. Das verwirrt die Menschen nur.« Riesenkampff lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Marlowe mit durchdringendem Blick an. »Philipp, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße und ich brauche die besten Leute, die wir uns leisten können. Wir müssen auf Teufel komm raus wieder in die Top-15 unserer Branche, sonst fliegt uns der Laden in den nächsten Jahren um die Ohren.« Riesenkampff machte eine kurze Pause. »Philipp, Sie sind der wichtigste Mann in meinem Masterplan. Sie können es schaffen, diese Leute zu finden, davon bin ich überzeugt. Was halten Sie davon?«
Marlowe nahm den letzten Schluck seines inzwischen wässrig gewordenen Bourbons. Die Eiswürfel waren geschmolzen und auch Marlowe fühlte sich, als schmölzen ihm die Knie. Trotzdem erhob er sich aus seinem Sessel. Er hatte sich Gedanken gemacht, während Riesenkampff über seine Lage und die seiner Organisation referierte. »Nikolai, ich weiß nicht, ob ich der richtige Mann für Sie bin. Ihr Vertrauen in meine Arbeit ehrt mich, aber mein letzter Job in ihrer Branche war kein Zuckerschlecken. Mit so viel Schmutz, Lügen und dunklen Geschäften bin ich in meiner ganzen Laufbahn als Privatdetektiv nicht in Berührung gekommen.« Marlowe stellte sein Glas ab, griff zu seinem Trenchcoat und setzte seinen inzwischen wieder trockenen Fedora auf. »Ich brauche ein bisschen Bedenkzeit, Nikolai. Ich melde mich bei Ihnen.« »Sie haben drei Tage, Philipp, die Zeit drängt.« Riesenkampff reichte Marlowe die Hand und mit einem gewinnenden Lächeln verabschiedete er ihn.
Marlowe stieg in seinen Plymouth und dachte kurz über das Treffen nach. Der Mann schien wirklich in einer verzweifelten Lage zu sein. Darüber konnte weder sein Auftreten noch sein Überzeugungstalent hinweg täuschen. Aber Marlowe mochte ihn irgendwie. Und die Aufgabe war reizvoll und auch finanziell würde sie sich für ihn lohnen. Als Marlowe die Stadtgrenzen passierte, ließ auch der Regen langsam nach und die Sonne schob sich zwischen den schwarzen Wolken durch. Sie vertrieb auch Marlowes grüblerische Gedanken. Er schaltete den Empfänger ein, den er von seinem letzten Honorar in seinen Wagen hatte einbauen lassen. Es hatte sich gelohnt, die 15 Dollar extra für das Luxusmodell zu investieren; das Duke Ellington Orchestra klang so viel besser, wenn der Empfang klar und störungsfrei war. Marlowe versank förmlich in der Musik und hing seinen Tagträumen nach. Myra und er am Strand von Acapulco, er mit einem kühlen Corona, sie mit ihrem Gin and Tonic. Nur langsam drang die Stimme des Ansagers zu ihm vor, doch plötzlich, wie durch einen Blitzschlag wurde er aus seinen Träumen gerissen:
»… hat in Zürich die FIFA-Vollversammlung Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa aus Bahrein zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Er setzte sich mit 124 zu –«
Marlowe schaltete benommen das Radio ab. Die Information zuckte in seinem Kopf hin und her. Wie konnte das sein? Den Kandidaten, der am meisten Dreck am Stecken hatte, den machten diese Knallchargen zu ihrem neuen Anführer? Er konnte es nicht glauben. Fassungslos steuerte Marlowe seinen Wagen an den Straßenrand. Er stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Aber auch der heiße Rauch vermochte ihn kaum zu beruhigen. Doch er fasste einen Entschluss. Marlowe warf die nicht mal halb gerauchte Zigarette weg, setzte sich wieder in den Wagen, fuhr zur nächten Telefonzelle, warf einen Vierteldollar ein und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete man sich nach kurzer Zeit. »1. FC Kaiserslautern, Nikolai Riesenkampff.« »Ich bin es Nikolai, Marlowe.« »Philipp, wie schön, so schnell von Ihnen zu hören« sagte Riesenkampff hörbar erfreut. »Schießen Sie los.« »Nikolai«, entgegnete Marlowe mit entschlossener Stimme, »suchen Sie sich einen anderen Clown für den Job. Ich habe schon viel erlebt und gesehen und ich dachte, mich könne wirklich nix mehr überraschen. Aber Ihre Branche schlägt alles, was ich an Stumpfsinn, Ignoranz und Dummheit je erlebt habe. Verstehen Sie mich nicht falsch, Sie sind ja ein netter Kerl, und der Scheck, den Sie mir ausgestellt hätten, der wäre für viele Männer meines Schlags Grund genug, über Leichen zu gehen. Aber auch ich habe meine Grundsätze, und auch ich gedenke diese einzuhalten. Ich bin nicht der Erfüllungsgehilfe für die Spielchen, die in Ihrer Branche gespielt werden. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei Ihrer Suche, aber ich bin aus der Nummer raus!«
Marlowe ließ Riesenkampff nicht mal mehr zu Wort kommen und hängte den Hörer in die Gabel. Wie von einer Last befreit stieg er in seinen Wagen, ließ den Motor an und schaltete das Radio wieder ein. Der Weg nach Hause war lang und er sehnte sich nach Myra. Aber wenigstens schien wieder die Sonne.
_________________________
Auf der Couch brauchen wir keinen schwarz-weißen Privatdetektiven. Wo Kohlmeyers Bier steht, das wissen wir und wer es leer säuft, kann er sich auch von alleine denken. Und um uns daran zu erinnern, dass wir uns vor jedem verdammten Spieltag auf die Spur des Falken begeben, dafür brauchen wir auch keinen Helden aus der Schwarzen Serie.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Devil_till_Death am 29.02.2016 um 10:55 Uhr bearbeitet
03.03.2016 - 15:44 Uhr
Jahrgang 6, Ausgabe 26
LOOKING FOR ERIC - ODER: DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF
Ein Mann um die 50, einfacher Postbote in Manchester, hat sich in seinem Leben festgefahren. Seine beiden Stiefsöhne sind Kleinkriminelle, die immer tiefer von der Unterwelt aufgesogen werden, von seiner Frau ist er vor Jahren im Unfrieden auseinander gegangen, und dass er sich jetzt mit ihr die Betreuung des gemeinsamen Enkelkinds teilen soll, verstört ihn noch mehr. Er leidet unter Panikattacken, verursacht dabei einen Autounfall, landet vorübergehend im Krankenhaus. Als er sich nicht mehr beschissener fühlen kann, erscheint ihm sein Fußballidol. Es wird zu seinem imaginierten Ratgeber, hilft ihm, wieder mit seiner Ex-Frau klarzukommen und auch, seine Kinder wieder auf die rechte Bahn zu führen.
Die Filmfans haben es schon erkannt: Kohlmeyer hat seinen turnusgemäßen Inselurlaub zum Jahresbeginn genutzt, um tonnenweise Bücher und Filme zu konsumieren. Und ist auf „Looking for Eric“ gestoßen, dieser grandiosen britischen Filmkomödie mit dem noch grandioseren Eric Cantona.
Was Kohlmeyer fast zu Tränen rührte: Wie der Film zeigt, welche Bedeutung Fußball für den einfachen Mann immer noch haben kann, wie seine Helden ihren Fans Kraft und Hoffnung geben, ja, sogar ihrem Leben einen Sinn geben können.
Denn: Der Film stammt, wohlgemerkt, von 2009. Damals war der Fußball schon längst Industrieprodukt geworden und von korrupten Blattern gezeichnet. Arabische Scheichs legten sich Premier League-Klubs zu wie Kohlmeyer einst Matchboxautos, „Sky“ diktierte die Anstoßzeiten in den Amüsierbetrieben, die früher einmal Fußballstadien waren, Loddar Matthäus vögelte osteuropäische Migrantinnen und laberte gemeinsam mit Boris Becker in sogenannten Expertenrunden mehr Scheizze, als Heribert Faßbender es selbst im Zenit seiner Verblödung vermocht hatte.
Und dennoch: Es gab auch 2009 noch Menschen, die es für Wert hielten, einen solchen Film zu machen – weil sie glaubten, dass der Fußball für andere Menschen immer noch diesen Wert haben kann.
Dass man Fußball immer noch lieben kann.
Okay, damals hatten sich deutsche Loserklubs noch zu keiner „Mittelstandsvereinigung“ zusammengefunden, die offenbar entschlossen ist, auch noch das letzte fruchtbare Spermium Sportlichkeit im Bundesligawix zu töten. Weil sie infolge Jahre währender, sachverständiger Impotenz den Anschluss an die florierenden fußballernden Bordellbetriebe verloren haben, wollen sie jetzt verhindern, dass kleinere Vereine an ihnen vorbeiziehen – und setzen sich dafür ein, dass Zweitligaklubs nicht mitverdienen, wenn beim Aushandeln der neuen Fernsehverträge demnächst der deutsche Fußball in eine neue wirtschaftliche Dimension geschwurbelt werden soll, damit er „international wettbewerbsfähig“ bleibt und Scheizz - nicht, dass noch mehr Darmstädte an den Fischköpp und den Schäufele vorbeiziehen, am Ende sogar noch, weil sie mehr rennen, kämpfen und sich klüger dranstellen, wo kommen wir denn da hin, am Ende denken die noch, das wäre Sport…
Mann o Mann, manchmal wünscht sich Kohlmeyer schon, die Hells Angels würden den FCK übernehmen, die wüssten nämlich, wie man gegenüber solchen „Wettbewerbern“ die eigenen Interessen wahrt.
Und dennoch: Die Leute, die 2009 „Looking for Eric“ drehten, würden den Film auch 2016 noch drehen. Wahrscheinlich wieder mit Cantona, weil sich seither kein Idol mehr gefunden hat, dass die Titelrolle zeitgemäßer ausfüllen könnte. „11Freunde“ etwa zeigt in der aktuellen Ausgabe ein Foto von Lionel Messi, wie er mit seinen Anwälten seinem Prozesstermin wegen Steuerhinterziehung entgegenstiefelt: eine Gruppe Männer in einer Reihe, die alle nahezu identische dunkle Anzüge tragen, und dazu die Bildunterschrift „Reservoir Dogs“… Doch, das passt, hat aber nichts „Looking for Eric“ zu tun“.
Kohlmeyer hat auch mal überlegt, mit welchem deutschen Fußballer man eine teutonische „Looking for Eric“-Version drehen könnte. Mit Franz Beckenbauer? Da wäre nicht zu unterscheiden, ob tatsächlich der Kaiser oder doch nur Olli Dittrich mitspielt. Mit Gerd Müller? Würde wohl eher „Leaving Las Vegas“ bei rauskommen. Am ehesten funktionierte eine Comedy-Version mit Mario Basler – „Super-Mario“ gesellt sich an die Seite eines Spießers, dessen Leben zwar geordnet, aber todlangweilig ist, bringt ihm Saufen, ***** n, Zocken, Rauchen, Dummbabbeln und eine perfekte Schusstechnik bei, und am Ende des Films steht die Erkenntnis: Gute Buben kommen in den Himmel, böse überall hin.
Wer eigentlich Kohlmeyers persönlicher Cantona wäre? Vermutlich Ronnie Hellström. Von allen FCK-Heroen in Kohlmeyers fast 40-jährigen Fan-Dasein der beständigste, angenehmste, authentischste. Das Problem: Ronnie hat eigentlich nie viel geredet. Wär irgendwie auch nicht gut, weil eine zu stumme Rolle für, sagen wir mal Mads Mikkelsen.
Dennoch: Man kann den Fußball auch heute noch lieben.
Es gibt zum Beispiel den Live-Ticker von 11Freunde. Der einem eine neue Form des Fußballkonsums erschließt – neue Medien können also durchaus auch Sinnvolles leisten ist. Indem abgedrehte Schreiber so tickern, dass man sich selbst über Siffspiele noch verömmeln kann. Beispiel: „Der FC spielte in der ersten Halbzeit glücklos, in der zweiten hilflos. Klingt, als wäre es mein Leben.“
Und es gibt Mannschaften wie Leicester, die dem ganzen „Geld schießt Tore“-Gedöns einfach den blanken Ar.sch entgegenstrecken – und trotzdem Meister werden. Mit Spielern wie James Vardy, der schon als Jugendspieler elektrische Fußfesseln trug und in Auswärtsspielen früh ausgewechselt werden musste, damit er rechtzeitig zurück im Jugendknast war… Doch, der hat durchaus das Zeug, ein paar Jahren eine Neuauflage von „Looking for Eric“ zu tragen.
Und es gibt immer noch Spieler wie Leroy Sane, denen man einfach gerne zuguckt, wenn sie mit dem Ball am Fuß losmarschieren. Okay, der trägt ein blaues Trikot. Aber bei Osei-Kwadwo, da empfindet Kohlmeyer ähnlich. Der Manni müsste halt mal wieder spielen.
Und, ja: Selbst in einer öden Saison wie dieser hat es unser Team immer mal geschafft, tiefe Gefühle in Kohlmeyer zu wecken. Etwa in Bochum, als es in den letzten Minuten das 2:1 über die Zeit zu zittern galt – da spürte man doch, dass man noch lebt. Oder beim Sieg in Leipzig, in dem Moment, in dem Deville das 2:0 macht - der hat den gesamten Restsonntag so überirdisch strahlen lassen, dass nicht einmal ein schlechter Tatort ihn verdüstern konnte. Oder beim 4:0 über den Tiger, der nun Schiffbruch erlitten hat.
Den gleichen Tiger übrigens, mit dem Kohlmeyer kurz darauf schon wieder mitfühlte, als er von einem gewissen Ralf R. angepisst wurde. Hat der sich doch darüber echauffiert, dass der Tiger gegen seine roten Bullen mit einer Taktik wie vor 30 Jahren gespielt hätte. Dabei hat er in die Kamera geguckt, als sei er als Jugendlicher von seinem Therapiedelphin vergewaltigt worden. Manndeckung, wo gibt’s denn sowas noch, soll das am Ende Sport sein?
Überhaupt: Wie die Underdogs, die nicht immer ästhetisch schöne Mittel wählen, um sich gegen die böse Übermacht zu behaupten, neuerdings von dieser Saat des Bösen wegen „unschönen Spiels“ angemacht werden, so, als würden sie in der vornehme Tischrunde, in der sie ohnehin nur gnädiger Weise sitzen dürfen, immerfort laut furzen… Als ob das Gekicke der Mittelstandsvereinigung ästhetisch anspruchsvoller wäre.
Aber nein, auch das wird Kohlmeyer nicht die Liebe zu diesem Sport vermiesen können, es wird ihn nur noch stärker mit den Underdogs mitfühlen lassen.
Kohlmeyers Wahlheimat Mainz hat übrigens jetzt einen neuen „Stadtschreiber“, was immer genau das auch sein soll. Der hat in seinem Antrittsinterview erklärt, er sei Fußballfan, gucke sich aber nur noch die unteren Klassen an, über Liga 3 sei’s für ihn nicht mehr zu ertragen, das sei nur noch ***** ngewerbe. Scheint ein guter Mann zu sein, der sich obendrein auskennt, spielt sein Roman „Im Stein“ doch im ostdeutschen Puffmilieu. In, ohne Scheizz, Leipzig. Kann das denn Zufall sein?
Womit Kohlmeyer nicht sagen möchte, dass sein FCK erst noch weiter absteigen muss, bis der Fußball für ihn wieder erträglich wird. Er will nur damit sagen: Die Liebe muss nicht enden, wenn es noch weiter abwärts geht. Auch wenn die Glücksmomente, die diese Mannschaft uns beschert, seltener geworden sind, und auch nicht mehr so lange andauern. Dafür müssen wir sie umso bewusster auskosten.
In einem anderen Interview hat Huub Stevens unlängst erzählt, dass er ab und zu noch Rudi Assauer besuche – und gelegentlich erkenne er bei seinem alten Weggefährten ein Flackern im Auge... Da, glaube er, erkenne der Rudi ihn wieder und erinnere sich an die gemeinsamen Euro-Fighter-Zeiten. Selbst in Alzheimerscher Dunkelheit gibt es gelegentlich also noch Licht.
Schließen wir mit Paulus und seinem berühmten Post an die Korinthenkacker:
„Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird“.
Und ergänzen wir diese klugen Worte mit einem wohlmeinenden und verschmitzten:
F.ick dich, Rangnick.
Amen,
Kohlmeyer
In der Couchingzone haben sich sowieso immer alle lieb.
LOOKING FOR ERIC - ODER: DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF
Ein Mann um die 50, einfacher Postbote in Manchester, hat sich in seinem Leben festgefahren. Seine beiden Stiefsöhne sind Kleinkriminelle, die immer tiefer von der Unterwelt aufgesogen werden, von seiner Frau ist er vor Jahren im Unfrieden auseinander gegangen, und dass er sich jetzt mit ihr die Betreuung des gemeinsamen Enkelkinds teilen soll, verstört ihn noch mehr. Er leidet unter Panikattacken, verursacht dabei einen Autounfall, landet vorübergehend im Krankenhaus. Als er sich nicht mehr beschissener fühlen kann, erscheint ihm sein Fußballidol. Es wird zu seinem imaginierten Ratgeber, hilft ihm, wieder mit seiner Ex-Frau klarzukommen und auch, seine Kinder wieder auf die rechte Bahn zu führen.
Die Filmfans haben es schon erkannt: Kohlmeyer hat seinen turnusgemäßen Inselurlaub zum Jahresbeginn genutzt, um tonnenweise Bücher und Filme zu konsumieren. Und ist auf „Looking for Eric“ gestoßen, dieser grandiosen britischen Filmkomödie mit dem noch grandioseren Eric Cantona.
Was Kohlmeyer fast zu Tränen rührte: Wie der Film zeigt, welche Bedeutung Fußball für den einfachen Mann immer noch haben kann, wie seine Helden ihren Fans Kraft und Hoffnung geben, ja, sogar ihrem Leben einen Sinn geben können.
Denn: Der Film stammt, wohlgemerkt, von 2009. Damals war der Fußball schon längst Industrieprodukt geworden und von korrupten Blattern gezeichnet. Arabische Scheichs legten sich Premier League-Klubs zu wie Kohlmeyer einst Matchboxautos, „Sky“ diktierte die Anstoßzeiten in den Amüsierbetrieben, die früher einmal Fußballstadien waren, Loddar Matthäus vögelte osteuropäische Migrantinnen und laberte gemeinsam mit Boris Becker in sogenannten Expertenrunden mehr Scheizze, als Heribert Faßbender es selbst im Zenit seiner Verblödung vermocht hatte.
Und dennoch: Es gab auch 2009 noch Menschen, die es für Wert hielten, einen solchen Film zu machen – weil sie glaubten, dass der Fußball für andere Menschen immer noch diesen Wert haben kann.
Dass man Fußball immer noch lieben kann.
Okay, damals hatten sich deutsche Loserklubs noch zu keiner „Mittelstandsvereinigung“ zusammengefunden, die offenbar entschlossen ist, auch noch das letzte fruchtbare Spermium Sportlichkeit im Bundesligawix zu töten. Weil sie infolge Jahre währender, sachverständiger Impotenz den Anschluss an die florierenden fußballernden Bordellbetriebe verloren haben, wollen sie jetzt verhindern, dass kleinere Vereine an ihnen vorbeiziehen – und setzen sich dafür ein, dass Zweitligaklubs nicht mitverdienen, wenn beim Aushandeln der neuen Fernsehverträge demnächst der deutsche Fußball in eine neue wirtschaftliche Dimension geschwurbelt werden soll, damit er „international wettbewerbsfähig“ bleibt und Scheizz - nicht, dass noch mehr Darmstädte an den Fischköpp und den Schäufele vorbeiziehen, am Ende sogar noch, weil sie mehr rennen, kämpfen und sich klüger dranstellen, wo kommen wir denn da hin, am Ende denken die noch, das wäre Sport…
Mann o Mann, manchmal wünscht sich Kohlmeyer schon, die Hells Angels würden den FCK übernehmen, die wüssten nämlich, wie man gegenüber solchen „Wettbewerbern“ die eigenen Interessen wahrt.
Und dennoch: Die Leute, die 2009 „Looking for Eric“ drehten, würden den Film auch 2016 noch drehen. Wahrscheinlich wieder mit Cantona, weil sich seither kein Idol mehr gefunden hat, dass die Titelrolle zeitgemäßer ausfüllen könnte. „11Freunde“ etwa zeigt in der aktuellen Ausgabe ein Foto von Lionel Messi, wie er mit seinen Anwälten seinem Prozesstermin wegen Steuerhinterziehung entgegenstiefelt: eine Gruppe Männer in einer Reihe, die alle nahezu identische dunkle Anzüge tragen, und dazu die Bildunterschrift „Reservoir Dogs“… Doch, das passt, hat aber nichts „Looking for Eric“ zu tun“.
Kohlmeyer hat auch mal überlegt, mit welchem deutschen Fußballer man eine teutonische „Looking for Eric“-Version drehen könnte. Mit Franz Beckenbauer? Da wäre nicht zu unterscheiden, ob tatsächlich der Kaiser oder doch nur Olli Dittrich mitspielt. Mit Gerd Müller? Würde wohl eher „Leaving Las Vegas“ bei rauskommen. Am ehesten funktionierte eine Comedy-Version mit Mario Basler – „Super-Mario“ gesellt sich an die Seite eines Spießers, dessen Leben zwar geordnet, aber todlangweilig ist, bringt ihm Saufen, ***** n, Zocken, Rauchen, Dummbabbeln und eine perfekte Schusstechnik bei, und am Ende des Films steht die Erkenntnis: Gute Buben kommen in den Himmel, böse überall hin.
Wer eigentlich Kohlmeyers persönlicher Cantona wäre? Vermutlich Ronnie Hellström. Von allen FCK-Heroen in Kohlmeyers fast 40-jährigen Fan-Dasein der beständigste, angenehmste, authentischste. Das Problem: Ronnie hat eigentlich nie viel geredet. Wär irgendwie auch nicht gut, weil eine zu stumme Rolle für, sagen wir mal Mads Mikkelsen.
Dennoch: Man kann den Fußball auch heute noch lieben.
Es gibt zum Beispiel den Live-Ticker von 11Freunde. Der einem eine neue Form des Fußballkonsums erschließt – neue Medien können also durchaus auch Sinnvolles leisten ist. Indem abgedrehte Schreiber so tickern, dass man sich selbst über Siffspiele noch verömmeln kann. Beispiel: „Der FC spielte in der ersten Halbzeit glücklos, in der zweiten hilflos. Klingt, als wäre es mein Leben.“
Und es gibt Mannschaften wie Leicester, die dem ganzen „Geld schießt Tore“-Gedöns einfach den blanken Ar.sch entgegenstrecken – und trotzdem Meister werden. Mit Spielern wie James Vardy, der schon als Jugendspieler elektrische Fußfesseln trug und in Auswärtsspielen früh ausgewechselt werden musste, damit er rechtzeitig zurück im Jugendknast war… Doch, der hat durchaus das Zeug, ein paar Jahren eine Neuauflage von „Looking for Eric“ zu tragen.
Und es gibt immer noch Spieler wie Leroy Sane, denen man einfach gerne zuguckt, wenn sie mit dem Ball am Fuß losmarschieren. Okay, der trägt ein blaues Trikot. Aber bei Osei-Kwadwo, da empfindet Kohlmeyer ähnlich. Der Manni müsste halt mal wieder spielen.
Und, ja: Selbst in einer öden Saison wie dieser hat es unser Team immer mal geschafft, tiefe Gefühle in Kohlmeyer zu wecken. Etwa in Bochum, als es in den letzten Minuten das 2:1 über die Zeit zu zittern galt – da spürte man doch, dass man noch lebt. Oder beim Sieg in Leipzig, in dem Moment, in dem Deville das 2:0 macht - der hat den gesamten Restsonntag so überirdisch strahlen lassen, dass nicht einmal ein schlechter Tatort ihn verdüstern konnte. Oder beim 4:0 über den Tiger, der nun Schiffbruch erlitten hat.
Den gleichen Tiger übrigens, mit dem Kohlmeyer kurz darauf schon wieder mitfühlte, als er von einem gewissen Ralf R. angepisst wurde. Hat der sich doch darüber echauffiert, dass der Tiger gegen seine roten Bullen mit einer Taktik wie vor 30 Jahren gespielt hätte. Dabei hat er in die Kamera geguckt, als sei er als Jugendlicher von seinem Therapiedelphin vergewaltigt worden. Manndeckung, wo gibt’s denn sowas noch, soll das am Ende Sport sein?
Überhaupt: Wie die Underdogs, die nicht immer ästhetisch schöne Mittel wählen, um sich gegen die böse Übermacht zu behaupten, neuerdings von dieser Saat des Bösen wegen „unschönen Spiels“ angemacht werden, so, als würden sie in der vornehme Tischrunde, in der sie ohnehin nur gnädiger Weise sitzen dürfen, immerfort laut furzen… Als ob das Gekicke der Mittelstandsvereinigung ästhetisch anspruchsvoller wäre.
Aber nein, auch das wird Kohlmeyer nicht die Liebe zu diesem Sport vermiesen können, es wird ihn nur noch stärker mit den Underdogs mitfühlen lassen.
Kohlmeyers Wahlheimat Mainz hat übrigens jetzt einen neuen „Stadtschreiber“, was immer genau das auch sein soll. Der hat in seinem Antrittsinterview erklärt, er sei Fußballfan, gucke sich aber nur noch die unteren Klassen an, über Liga 3 sei’s für ihn nicht mehr zu ertragen, das sei nur noch ***** ngewerbe. Scheint ein guter Mann zu sein, der sich obendrein auskennt, spielt sein Roman „Im Stein“ doch im ostdeutschen Puffmilieu. In, ohne Scheizz, Leipzig. Kann das denn Zufall sein?
Womit Kohlmeyer nicht sagen möchte, dass sein FCK erst noch weiter absteigen muss, bis der Fußball für ihn wieder erträglich wird. Er will nur damit sagen: Die Liebe muss nicht enden, wenn es noch weiter abwärts geht. Auch wenn die Glücksmomente, die diese Mannschaft uns beschert, seltener geworden sind, und auch nicht mehr so lange andauern. Dafür müssen wir sie umso bewusster auskosten.
In einem anderen Interview hat Huub Stevens unlängst erzählt, dass er ab und zu noch Rudi Assauer besuche – und gelegentlich erkenne er bei seinem alten Weggefährten ein Flackern im Auge... Da, glaube er, erkenne der Rudi ihn wieder und erinnere sich an die gemeinsamen Euro-Fighter-Zeiten. Selbst in Alzheimerscher Dunkelheit gibt es gelegentlich also noch Licht.
Schließen wir mit Paulus und seinem berühmten Post an die Korinthenkacker:
„Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird“.
Und ergänzen wir diese klugen Worte mit einem wohlmeinenden und verschmitzten:
F.ick dich, Rangnick.
Amen,
Kohlmeyer
In der Couchingzone haben sich sowieso immer alle lieb.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Kohlmeyer am 03.03.2016 um 15:50 Uhr bearbeitet
11.03.2016 - 09:43 Uhr
Jahrgang 6, Ausgabe 27
VON LIEBESDURST UND LEBERWURST
„Hallo, du süße Schnalle. Ich bin der bärige Butduma.“
…
„Darf ich meinen Prachtkörper hier auf dem Hocker neben dir niederlassen?“
…
*Räusper*
…
„Komm schon, kleine Praline. Tolle Rehaugen und ebenso scheu wie die grazilen Tierchen, was?“
…
„Deine sexy Lippen lechzen doch nach einem Drink… ich gebe dir einen aus. Einverstanden, süße Schnalle?“
„Ja.“
„Sex on the beach?“
„Ja.“
*Hocker näher ran rückt*
„Also. Mich kennst du ja schon. Wie heißt du, mein Leckermäulchen?“
„Tschantal Edeltraud.“
„Ohhh, ein hübscher Name!“
„Ja. Von mein Eltern.“
„Und was treibst du heute Abend noch so, schnuckelige Chantal Edeltraud?“
„Kein Ahnung. Niemand.“
*Chance wittert*
„Wir können danach ja noch zusammen was treiben. Wie sieht’s aus, süße Schnalle?“
„Noch ein Seks onse bitch, Oper!“
Gut. Jetzt gilt es eigentlich nur abzuwarten. Der Alkohol ist dem gewünschten Ergebnis sicherlich nicht abträglich. Butduma legt sich ins Zeug und zahlt einen Drink nach dem anderen. Der Abend vergeht und die Hormone stauen sich im gleichen Maße wie das Geld zerrinnt.
„Noch durstig, mein Leckermäulchen?“
„Nö. Es muss raus. Ich geh pissen.“
„Alles klar, kleine Praline. Ich zahle die letzte Runde und warte auf dich.“
Das wird ein schöner Abend. Heute ist Return on Invest angesagt, wertes Publikum. Butdumas Blick schweift durch den Raum und ins leere Portemonnaie. Chantal Edeltraut kommt auf ihren hohen Stöckelschuhen vom Klo zurück, mit geschickter Hand zupft sie den Minirock zurecht. Ihr Haar wallt. Im Windschatten ihres geschwungenen Prachtkörpers folgt ein Typ.
„Sollen wir, meine schnuckelige Chantal Edeltraud? Habe es kaum ohne dich ausgehalten.“
„Was soll ich?“
„Zu dir oder zu mir, süße Schnalle?“
„Hast du Seks onse bitch in Wohnung?“
„Das hoffe ich doch, kleine Praline.“
Der Typ hat genug von dem aufopferungsvollen Dialog. Er stellt sich vor Butduma. Sein breites Kreuz versperrt zwar die Sicht, aber nicht den Weg der nun folgenden und überaus niederschlagenden Schallwellen.
„Hey, lass jucken, Alte!“
„Okay.“
Chantal Edeltraud und der Typ verlassen die Bar. Butduma sitzt ausgebrannt und irgendwie doch mächtig aufgeheizt auf seinem Hocker. Tränen kullern von den Wangen auf den Laminatboden.
Tja. Was soll ich sagen, treue Leser der Couch? Eine Szene aus dem wahren Leben, die ich hier als eindrucksvolle Parabel zum aktuellen Geschehen rund um die Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern zum Besten gebe. Einige von euch haben es sicherlich schon erkannt und richtig interpretiert: Großer Aufwand für kein Ertrag. Stundenlang geschmiert und am Ende kommt einer angeschissen und stiehlt einem die ganze Lewwerworschd vom Brot. Gut gespielt und doch verloren… etc. pp. Kurzum das, was die Roten Teufel in den letzten Jahren kultiviert und in 2016 scheinbar endgültig zur Perfektion getrieben haben.
Einige von euch werden jetzt sagen: „Aber einen riesigen Unterschied gibt es dann doch…!“ Und dieser Einwand ist überaus berechtigt. Während man sich nach der hohen Verführungskunst à la Casanova und der nahezu cyranohaften Wortgewandtheit über den Abgang von Chantal Edeltraud nur ungläubig die Augäpfel reiben kann, wundert sich beim regelmäßigen Last-Minute-Versagen der Roten Teufel keiner mehr. Man nimmt es mit einem Kniezucken hin oder erachtet es gar als natürliche Selbstverständlichkeit. Und das, liebe Freunde, das ist hochgefährlich! Das Versagen wird zum Normalzustand. Dämliche Punktverluste sind Teil des FCK-spezifischen Schicksals. Bräuchten wir ein neues Markenzeichen, hier hätten wir es. Vor allem zuhause ist die Bremsspur in der Unterbuchse fast so breit wie der Standstreifen auf der A6. Wo man sich früher nach einem 0:2 Rückstand in der Pause noch auf die Aufholjagd in Halbzeit Zwei gefreut hat, zittert man heute bei einer 2:0 Pausenführung dem Schlusspfiff entgegen. „Hoffentlich geht das gut“ wäre auf der Trikotbrust mittlerweile besser angebracht als „Platz da - Maxda“.
Hier kurzfristig, aber auch auf lange Sicht die Kurve zu kriegen, erfordert mehr als Kick&Rush mit einer homöopathischen Prise Feng-Shui. Wir brauchen einen tiefgreifenden Mentalitätswechsel auf allen Ebenen des Vereins. Was nützt das größte Kämpferherz, wenn das Sieger-Gen deaktiviert und der Glaube an sich selbst auf Südsee-Reise ist? Was bringt die beste Pferdelunge, wenn die Angst vorm Versagen zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird? Überhaupt nichts, sag ich euch.
So kann man nur hoffen, dass die neu eingeläutete Lebensphase des 1. FC Kaiserslautern endlich eine Abkehr vom Jammern sowie den Ausreden und Ausflüchten ist. Eine mutige, zuversichtliche und selbstbewusste Vereinsführung ist die grundlegende Bedingung dafür, dass diese Einstellung auch wieder auf dem Platz und den Tribünen Einzug hält. In letzter Zeit kam ich mir angesichts der Vereinsverlautbarungen nämlich dezent veräppelt vor. In etwa so wie wenn mir in sozialen Netzwerken mal wieder ein Abgänger der „Schule des Lebens“ mit wahlweise einer Katze oder einem Hund (bevorzugt Rottweiler) im Profilbild erklärt, warum nur er den totalen politisch-gesellschaftlichen Durchblick besitzt und wir deshalb eine bestimmte Partei mit Pfeil wählen sollen. Wo Halbwahrheiten in großen Teilen der FCK-Anhängerschaft noch gerne geschluckt oder gar beklatscht werden, fallen Jammerei und Ausflüchte mittlerweile auf unfruchtbaren Boden. Ist es doch so, dass uns gerade die kollektive Kompensation der durchaus vorhandenen Nachteile in der glorreichen Vergangenheit stark gemacht hat. Aus der Position der vermeintlichen Schwäche haben wir unsere Stärke gezogen und diverse Goliaths ein ums andere Mal gefährlich zum Wanken gebracht.
Ich will nicht abstreiten, dass die turbokapitalistische Fußball-Neuzeit zu Goliaths auf Steroiden geführt hat, denen rückgratlose Fanboys in sinnbefreiter Extase auch noch eifrig zujubeln, aber gerade deshalb tut effektives Mentalitätsdoping überaus Not. Immerhin kann man auf dem Betzenberg nicht nur das Glück, sondern auch Wunder erzwingen. Das lehrt uns die Geschichte, liebe Freunde. Aus diesem Grund schlage ich dem FCK für sämtliche Stellenbeschreibungen im Führungskräftebereich folgende Passe vor:
„Bergaufbaukompetenz ist unerwünscht, stattdessen sollte der Bewerber über ausgeprägte Kenntnisse im Berge versetzen verfügen – auch ohne schweres Material. 250 Gramm Hausmacher Leberwurst pro Woche gratis.“
In diesem Sinne!
Ba beneen
Butduma
Auch auf der Couch schmiert man Lewwerworschd-Brote. Berti öffnet mit seinen langen Eckzähnen die Dose, Bahli schneidet im Rhythmus alter Lieder das Brot, Kohlmeyer trägt dick auf, während Newtrial mit buddhistisch-ruhiger Hand die Scheibe hält. Dann kommt Vic und gibt seinen Senf dazu und Butduma hätte eigentlich lieber Lewwerworschd-Baguette. Derart gut mit Pfälzer Kraftnahrung versorgt, liefern die Jungs dann pünktlich ihre Couchings ab, zumindest wenn ihnen niemand kurz vor Schluss die Wurst vom Brot zieht. Denn auch beim größten Durst, schmeckt das Brot nicht ohne Wurst!
VON LIEBESDURST UND LEBERWURST
„Hallo, du süße Schnalle. Ich bin der bärige Butduma.“
…
„Darf ich meinen Prachtkörper hier auf dem Hocker neben dir niederlassen?“
…
*Räusper*
…
„Komm schon, kleine Praline. Tolle Rehaugen und ebenso scheu wie die grazilen Tierchen, was?“
…
„Deine sexy Lippen lechzen doch nach einem Drink… ich gebe dir einen aus. Einverstanden, süße Schnalle?“
„Ja.“
„Sex on the beach?“
„Ja.“
*Hocker näher ran rückt*
„Also. Mich kennst du ja schon. Wie heißt du, mein Leckermäulchen?“
„Tschantal Edeltraud.“
„Ohhh, ein hübscher Name!“
„Ja. Von mein Eltern.“
„Und was treibst du heute Abend noch so, schnuckelige Chantal Edeltraud?“
„Kein Ahnung. Niemand.“
*Chance wittert*
„Wir können danach ja noch zusammen was treiben. Wie sieht’s aus, süße Schnalle?“
„Noch ein Seks onse bitch, Oper!“
Gut. Jetzt gilt es eigentlich nur abzuwarten. Der Alkohol ist dem gewünschten Ergebnis sicherlich nicht abträglich. Butduma legt sich ins Zeug und zahlt einen Drink nach dem anderen. Der Abend vergeht und die Hormone stauen sich im gleichen Maße wie das Geld zerrinnt.
„Noch durstig, mein Leckermäulchen?“
„Nö. Es muss raus. Ich geh pissen.“
„Alles klar, kleine Praline. Ich zahle die letzte Runde und warte auf dich.“
Das wird ein schöner Abend. Heute ist Return on Invest angesagt, wertes Publikum. Butdumas Blick schweift durch den Raum und ins leere Portemonnaie. Chantal Edeltraut kommt auf ihren hohen Stöckelschuhen vom Klo zurück, mit geschickter Hand zupft sie den Minirock zurecht. Ihr Haar wallt. Im Windschatten ihres geschwungenen Prachtkörpers folgt ein Typ.
„Sollen wir, meine schnuckelige Chantal Edeltraud? Habe es kaum ohne dich ausgehalten.“
„Was soll ich?“
„Zu dir oder zu mir, süße Schnalle?“
„Hast du Seks onse bitch in Wohnung?“
„Das hoffe ich doch, kleine Praline.“
Der Typ hat genug von dem aufopferungsvollen Dialog. Er stellt sich vor Butduma. Sein breites Kreuz versperrt zwar die Sicht, aber nicht den Weg der nun folgenden und überaus niederschlagenden Schallwellen.
„Hey, lass jucken, Alte!“
„Okay.“
Chantal Edeltraud und der Typ verlassen die Bar. Butduma sitzt ausgebrannt und irgendwie doch mächtig aufgeheizt auf seinem Hocker. Tränen kullern von den Wangen auf den Laminatboden.
Tja. Was soll ich sagen, treue Leser der Couch? Eine Szene aus dem wahren Leben, die ich hier als eindrucksvolle Parabel zum aktuellen Geschehen rund um die Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern zum Besten gebe. Einige von euch haben es sicherlich schon erkannt und richtig interpretiert: Großer Aufwand für kein Ertrag. Stundenlang geschmiert und am Ende kommt einer angeschissen und stiehlt einem die ganze Lewwerworschd vom Brot. Gut gespielt und doch verloren… etc. pp. Kurzum das, was die Roten Teufel in den letzten Jahren kultiviert und in 2016 scheinbar endgültig zur Perfektion getrieben haben.
Einige von euch werden jetzt sagen: „Aber einen riesigen Unterschied gibt es dann doch…!“ Und dieser Einwand ist überaus berechtigt. Während man sich nach der hohen Verführungskunst à la Casanova und der nahezu cyranohaften Wortgewandtheit über den Abgang von Chantal Edeltraud nur ungläubig die Augäpfel reiben kann, wundert sich beim regelmäßigen Last-Minute-Versagen der Roten Teufel keiner mehr. Man nimmt es mit einem Kniezucken hin oder erachtet es gar als natürliche Selbstverständlichkeit. Und das, liebe Freunde, das ist hochgefährlich! Das Versagen wird zum Normalzustand. Dämliche Punktverluste sind Teil des FCK-spezifischen Schicksals. Bräuchten wir ein neues Markenzeichen, hier hätten wir es. Vor allem zuhause ist die Bremsspur in der Unterbuchse fast so breit wie der Standstreifen auf der A6. Wo man sich früher nach einem 0:2 Rückstand in der Pause noch auf die Aufholjagd in Halbzeit Zwei gefreut hat, zittert man heute bei einer 2:0 Pausenführung dem Schlusspfiff entgegen. „Hoffentlich geht das gut“ wäre auf der Trikotbrust mittlerweile besser angebracht als „Platz da - Maxda“.
Hier kurzfristig, aber auch auf lange Sicht die Kurve zu kriegen, erfordert mehr als Kick&Rush mit einer homöopathischen Prise Feng-Shui. Wir brauchen einen tiefgreifenden Mentalitätswechsel auf allen Ebenen des Vereins. Was nützt das größte Kämpferherz, wenn das Sieger-Gen deaktiviert und der Glaube an sich selbst auf Südsee-Reise ist? Was bringt die beste Pferdelunge, wenn die Angst vorm Versagen zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird? Überhaupt nichts, sag ich euch.
So kann man nur hoffen, dass die neu eingeläutete Lebensphase des 1. FC Kaiserslautern endlich eine Abkehr vom Jammern sowie den Ausreden und Ausflüchten ist. Eine mutige, zuversichtliche und selbstbewusste Vereinsführung ist die grundlegende Bedingung dafür, dass diese Einstellung auch wieder auf dem Platz und den Tribünen Einzug hält. In letzter Zeit kam ich mir angesichts der Vereinsverlautbarungen nämlich dezent veräppelt vor. In etwa so wie wenn mir in sozialen Netzwerken mal wieder ein Abgänger der „Schule des Lebens“ mit wahlweise einer Katze oder einem Hund (bevorzugt Rottweiler) im Profilbild erklärt, warum nur er den totalen politisch-gesellschaftlichen Durchblick besitzt und wir deshalb eine bestimmte Partei mit Pfeil wählen sollen. Wo Halbwahrheiten in großen Teilen der FCK-Anhängerschaft noch gerne geschluckt oder gar beklatscht werden, fallen Jammerei und Ausflüchte mittlerweile auf unfruchtbaren Boden. Ist es doch so, dass uns gerade die kollektive Kompensation der durchaus vorhandenen Nachteile in der glorreichen Vergangenheit stark gemacht hat. Aus der Position der vermeintlichen Schwäche haben wir unsere Stärke gezogen und diverse Goliaths ein ums andere Mal gefährlich zum Wanken gebracht.
Ich will nicht abstreiten, dass die turbokapitalistische Fußball-Neuzeit zu Goliaths auf Steroiden geführt hat, denen rückgratlose Fanboys in sinnbefreiter Extase auch noch eifrig zujubeln, aber gerade deshalb tut effektives Mentalitätsdoping überaus Not. Immerhin kann man auf dem Betzenberg nicht nur das Glück, sondern auch Wunder erzwingen. Das lehrt uns die Geschichte, liebe Freunde. Aus diesem Grund schlage ich dem FCK für sämtliche Stellenbeschreibungen im Führungskräftebereich folgende Passe vor:
„Bergaufbaukompetenz ist unerwünscht, stattdessen sollte der Bewerber über ausgeprägte Kenntnisse im Berge versetzen verfügen – auch ohne schweres Material. 250 Gramm Hausmacher Leberwurst pro Woche gratis.“
In diesem Sinne!
Ba beneen
Butduma
Auch auf der Couch schmiert man Lewwerworschd-Brote. Berti öffnet mit seinen langen Eckzähnen die Dose, Bahli schneidet im Rhythmus alter Lieder das Brot, Kohlmeyer trägt dick auf, während Newtrial mit buddhistisch-ruhiger Hand die Scheibe hält. Dann kommt Vic und gibt seinen Senf dazu und Butduma hätte eigentlich lieber Lewwerworschd-Baguette. Derart gut mit Pfälzer Kraftnahrung versorgt, liefern die Jungs dann pünktlich ihre Couchings ab, zumindest wenn ihnen niemand kurz vor Schluss die Wurst vom Brot zieht. Denn auch beim größten Durst, schmeckt das Brot nicht ohne Wurst!
17.03.2016 - 16:58 Uhr
Jahrgang 6, Ausgabe 28
GESPENSTISCHE ZEITEN
von Vic Dorn
Eigenartig, dass einem mitten im schönsten Frühlingsanfang die Kälte derart ungefiltert ins Herz eindringen kann. Rund herum ist alles auf Sonne, Wärme und auf sich entfaltende Blütenfarbenpracht ausgerichtet… - und ich? Ich schlurfe frierend übers Kopfsteinpflaster und ziehe den Reißverschluss des Daunenmantels so hoch, dass sich mein dergestalt eingeengter Kehlkopf fragt, ob ich noch richtig ticke. Es ist Samstagnacht, es ist zwei Uhr vorbei. Eine Uhrzeit, in der eine Stadt wie Kaiserslautern mehr als tot ist. Selbst die grölenden Amis und ihre sie anhimmelnden deutschen Blond-Miezen haben die Altstadt sich selber überlassen. Ich stehe allein auf dem Martinsplatz, hinter mir der Brunnen, vor mir das St. Martin…
Wenn dieser malerische Altstadtfleck der einzige Eindruck wäre, den man von unserem Kaiserslautern hätte, könnte man fast meinen, wie wunders hübsch die Stadt doch ist. Das St. Martin, das Stadthaus, Goebel & Müller, der Brunnen, die beiden hohen Bürgerhäuser, die den Eingang in die Marktstraße flankieren… Alles sehr hübsch. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie sich die Silhouette von Bernd Franzingers Kommissar Tannenberg aus dem Dunkel dieser Gasse schält… Würgereiz wallt in mir auf. Monsieur Dorn findet nämlich die literarischen Ergüsse rund um diesen Pfalz-Kommissar ziemlich… ziemlich… hm… ja, wie eigentlich? - Ich will an dieser Stelle nicht frech und dreist behaupten, jeder einzelne von uns Couchisten könnte es besser, aber… hm… - Sind wir ein Land der freien Meinungsäußerung oder sind wir es nicht? Ich bin eigentlich der festen Überzeugung, jeder einzelne von uns Couchisten könnte es deutlich b… – Aber genug jetzt. Ich schweife gerade gedanklich ab, merke ich. Ich verdränge die Vorstellung von Kommissar Tannenberg, der sich aus dem Dunkel dieser Gasse manifestiert, und prompt ist der Würgereiz verschwunden. Immerhin.
Mich durchfährt erneut ein Frösteln. Ich ziehe den Knoten meines Schals dichter an den Hals heran. Mein Kehlkopf schimpft erneut, ich sei wohl ein Idiót. Wie angewurzelt stehe ich mitten auf dem Platz, in der Absicht, mich so weit wie möglich von einer dunklen Gasse, einer angelehnten Tür oder einem Torbogen fernzuhalten. Auch Nischen und Mauervorsprünge will ich tunlichst meiden.
Das ist keine klimatisch bedingte Kälte, die mich da im Griff hat. Das ist Angst. Angst frieren Herz ein, oder so ähnlich… - Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Das Leben ist doch eigentlich so schön langweilig – und ich? Ich wollte es mal wieder spannend haben. Typisch!
Ich stehe. Ich lausche. Ich zittere und friere.
Dann endlich ein Geräusch! Ein Geräusch von der Kategorie „Passt“. Ein hohles luftiges Kichern, albern, kindlich und doch auch irgendwie bedrohlich. Wenn das nicht passt, dann weiß ich’s auch nicht. „Ich kann dich nicht sehen!“ rufe ich in die leicht neblige Dunkelheit hinein. „Nur hören.“
„Aber ich bin trotzdem da“, ruft unvermittelt eine kichernde Stimme zurück. Sie ist so stark mit Hall angereichert, dass sie recht klischeehaft rüberkommt.
„Wo denn?“ frage ich.
„Hinter dir.“
Ich drehe mich sofort um. Niemand da.
„Hör bitte auf“, sage ich. „Ich hab sowieso schon Angst genug.“
„Okay“. Ein bläulich-silbernes Blitzen produziert rotierende Licht-Streifen direkt vor meinen Augen, und keine fünf Sekunden später hat sich dieses Wesen aus dem Nichts heraus verdichtet. Durchsichtig und glänzend, spitzwangig, mit einem lanzenhaften Kinn, das Gesicht kindlich und albern. Die schlotternde Gestalt in einem zerschlissenen und flickenübersäten Kapuzenumhang, der irgendwie genauso durchsichtig wirkt wie die Person an sich.
Oder ist das überhaupt eine Person? Eine echte Person im ursprünglichen Sinne des Wortes.
„Hallo Abstiegsgespenst“, sage ich dumpf. So dumpf, dass meine Tenorstimme in tiefste Bass-lastige Abgründe hinuntergesackt ist. Um mich herum trage ich ein Gewand aus kaltem Schweiß.
„Hallo Vic“, sagt es und kichert. „Komm, wir setzen uns ein bisschen an den Brunnen. Sitzen kostet das gleiche Geld.“
Wir setzen uns also hin. Das Gespenst schlägt entspannt die Beine übereinander. Ein zugegebenermaßen recht groteskes Bild. Es grinst und schweigt. Kein Zweifel, dass es von mir erwartet, dass ich das Gespräch eröffne. Also tue ich ihm den Gefallen. „Hast du über meine E-Mail nachgedacht?“ frage ich.
„Jjjjjjjjjjjja“, sagt es.
„Und?“
„Ich habe nichts dagegen einzuwenden“, sagt es und kichert leicht hysterisch. „Mir ist nur nicht ganz klar, warum du als Fan eine FCK-Saison, die eigentlich schon im tristen Mittelmaß versandet ist, wieder künstlich spannend machen willst. Warum willst du von mir, dass ich deinen FCK in den Abstiegssumpf hineinziehe und ihn dann im zweiten Relegationsspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach aus tiefsten Trümmern wieder auferstehen lasse?“
Eine leichte Schamesröte streift mir über meine Wangen. „Na ja… Weil ich glaube, dass wir FCK-Fans so was brauchen…“
„Was braucht ihr?“ fragt das Gespenst und popelt dabei grinsend in der Nase. „Drama?“
Ich stelle irritiert fest, dass sogar der Popel, den es aus seinen Nüstern zieht, silbrig grau und durchsichtig ist.
„Nein, nein, es geht mir nicht ums Drama“, sage ich verlegen und stiere dabei voller Verlegenheit das Kopfsteinpflaster an. „Es geht mir um… Wir Fans, wir brauchen ein neues Wir-Gefühl, eine Initialzündung… einen Neustart, eine Art ‚Auferstanden aus Ruinen‘, so etwas wie damals 2008. Weißt du noch?“
„Klar“, sagt es und kratzt sich dabei genussvoll am Gesäß. „Ich war ja schließlich mit dabei.“
Ich hätte nie gedacht, dass ein so mystisches und sagenumwobenes Wesen wie das Abstiegsgespenst so unappetitlich sein kann… Ein neuer Würgereiz entsteht in meiner eingeschnürten Kehle, auch ganz ohne Kommissar Tannenberg…
„Einen Wendepunkt, damit alles wieder besser wird“, fasst es zusammen und fingert in seinen eigenen Gehörgängen rum. Ich wende mich leicht angeekelt ab.
„In Wirklichkeit geht es dir nicht um die anderen Fans, sondern nur um dein eigenes Fan-Ego“, sagt es, während es mit Hingabe an seinen Fingernägeln kaut. „Du warst seit dem letzten Abstieg maximal fünf oder sechs Mal überhaupt im Stadion – und du willst den eigenen Adrenalin-Kick, um deiner verloschenen Liebe zum Verein neues Leben einzuhauchen. Du willst dich nicht damit abfinden, dass der FCK dir so egal geworden ist.“
Meine eingequetschte Kehle ringt sich ein genervtes Stöhnen ab. Warum begegne ich in letzter Zeit nur ständig irgendwelchen Fuzzis, die Gedanken lesen können? Allmählich nervt es. Ehrlich! „Kommen wir zum Geschäftlichen“, sage ich. Endlich kehrt die gebotene Strenge in meine Sprachmelodie zurück. Es wurde aber auch Zeit. „Wieviel kriegst du – für den Beinahe-Absturz in die 3. Liga, für die Rettung in letzter Sekunde gegen Sonnenhof Großaspach und für die Folgesaison, die dann mit dem Aufstieg in die Beletage abschließt?
Das Abstiegsgespenst überlegt kurz. Dieses Mal zum Glück, ohne irgendwas Unappetitliches zu tun.
„Ein Zehntel deiner Seele“, sagt es schließlich. „Das genügt.“
Ich atme erleichtert auf und lockere den Knoten meines Schals. „Okay, das kannst du haben.“
Das Abstiegsgespenst grinst sich eins und hält mir seine Hand hin, um den Deal mit einem Handschlag abzuschließen. Ich stelle mir vor, was es gerade kurz zuvor mit seinen Händen alles getan hat. Und bevor der Würgereiz erneut durch die Speiseröhre nach oben schießen kann, ergreife ich die Hand und besiegele den Deal. Als ich die Hand zurückziehe, bleibt wie ein Erinnerungsstück ein bisschen silbrig-blauer Popel auf meiner Handfläche zurück, und das Abstiegsgespenst ist verschwunden.
Ich atme erleichtert durch. Was für eine Nacht. Aber jetzt wird alles besser. Oder?
Ich biege in die Steinstraße ein, um mich auf den Heimweg zu machen. Da, ganz plötzlich, weht mir diese alberne Kicherstimme schon wieder die Ohren. „Das Problem ist aber“, sagt das Gespenst, nun als körperlose Stimme: „Ich bin nur für Abstieg oder Nichtabstieg zuständig. Da du dir aber für 2017 einen Aufstieg wünschst, solltest du dich gleich im Anschluss noch mit meinem Kollegen zusammensetzen.“
„Mit deinem Kollegen?“ frage ich erstaunt.
„Natürlich. Mit dem Aufstiegsgespenst.“
Ich runzle meine Stirn in meiner Überraschung. „Es gibt auch ein Aufstiegsgespenst?“
„Na klar. Geh weiter bis zum Kaiserbrunnen. Dort wird es auf dich warten.“
Dann kichert seine Stimme nochmals, wie ein Funkeln, wie ein Klirren. Für einen kurzen Moment fühlt es sich so an, als ob mir ein kalter Finger im Gehörgang popelt, aber wirklich nur für einen Sekundenbruchteil. Und dann bin ich allein. Endlich allein. Ich höre auf zu frieren. Mein Herz wird wieder warm.
Zwei Minuten später dann der nächste Schock. Das Aufstiegsgespenst. Meine Fresse! Leute, falls ihr glauben solltet, das Abstiegsgespenst sei eine schreckliche und furchterregende Erscheinung, dann solltet ihr euch mal das Aufstiegsgespenst betrachten. Dieses Wesen spielt in einer noch höheren Liga des Schreckens, glaubt es mir. Ich will es kurz machen, weil die Episode so grässlich, so erschrecken ist, dass ich euch die Details ersparen will:
Das Aufstiegsgespenst sieht aus wie eine Dose. Eine Dose mit Gesicht und mit Armen und Beinen. Aber nicht wie irgendeine Dose. Sondern viel zu schlank, fast auf feminine Weise schlank, mit silbrig-blauem Quadratmuster und mit rot-gelben Zier-Emblemen. Außerdem spricht es einen eigenartigen Mischdialekt aus österreichisch und sächsisch. Könnte es stattdessen nicht lieber aussehen wie Kommissar Tannenberg? Das ist in diesem Augenblick des Schreckens mein sehnlichster Wunsch.
Für einen kurzen Moment fragt man sich da, ob man überhaupt noch aufsteigen möchte. Aber die Gier nach Erster Liga ist zu groß, zu übermächtig. Ich mach’s kurz: Ich einige mich mit dem Aufstiegsgespenst darauf, dass sich der Verein 2017 in der Stunde des Triumphs in „Rote Betzekicker Kaiserslautern“ umbenennt. Dann hat sich die sprechende Dose aufgelöst und lässt mich in der bangen Hoffnung zurück, dass ich sie nie wieder sehen möge.
Ich merke, dass ich meinen Rucksack auf dem Brunnen des Martinsplatzes vergessen habe. Deshalb begebe ich mich nicht schnurstracks auf den Heimweg, sondern erst mal wieder zurück in Richtung Altstadt. Da dringt erneut diese Stimme an mein Ohr. Eine Stimme wie das Aufziehen einer Dosenlasche. Eine Stimme, die so klingt, wie Gummibärchesbrause schmeckt. „Jetzt hast du zwar den Abstieg 2016 abgewendet und den Aufstieg 2017 eingetütet – aber beides, lieber Vicky, funktioniert nicht ohne Teamgeist.“
„Wie? Nicht ohne Teamgeist?“ frage ich verblüfft und leer.
„Das ist ein Kollege vom Abstiegsgespenst und von mir. Der Herr Teamgeist oder auch Teamgespenst genannt.“
Es stößt ein glucksendes Lachen aus, das mich an Flüssigkeit erinnert, welche stoßweise aus einer Dose herausschießt und dann ist dieser Dosenspuk zum Glück ein- für allemal vorbei. Aber noch nicht diese geisterhafte Nacht. Die hat eine weitere Zugabe für mich parat. Am Martinsplatz wartet nicht nur mein herrenloser Rucksack, sondern auch das Teamgespenst auf mich. Ich will es kurz machen: Es sieht aus wie Harald Juhnke, es trägt Hut, Fliege und Trenchcoat und es hält eine Schnapsflasche in der Hand. Was das Teamgespenst von mir fordert? Dass der FCK sein ganzes Team austauscht. Dass anstelle der zum Gähnen anregenden Abziehbilder und Schwiegermama-Lieblingsbübchen wie Müller, Schulze oder Pritsche wieder echte Typen auf dem Rasen stehen. Großmäuler, Egomanen, Säufer, Bordell-Abonnenten, Kettenraucher, Knochenbrecher, Fremdgeher, Amöbengehirne, Mantafahrer, Schniedel-Abfotografierer, Gorillas… - Das liebgewordene Klientel von damals eben.
„Von mir aus. Ist mir doch egal“, sage ich reichlich resigniert. Es nicht einfach, einzusehen, dass der Erfolg um jeden Preis die Züge einer Brause-Dose und eines Harald-Juhnke-Doppelgängers trägt…
„Ich danke dir“, sagt das Teamgespenst sehr weltmännisch und sanft und deutet dabei eine knappe Verbeugung an. Dann stärkt es sich mit einem Schluck aus der Pulle und strahlt mich mit seinen blütenweißen Blendax-Zähnen an.
„Was ich nicht verstehe“, sage ich reichlich dumpf und ausgelaugt von meiner Desillusionierung. „Ich bin doch nur ein einfacher popeliger Fan… - Das heißt… äh… nicht popelig. Das Wort ‚Popel‘ hat seit heute Abend eine etwas unheilvolle Bedeutung für mich gewonnen. Ich meine: Ich bin ein einfacher, machtloser Fan ohne jegliche Entscheidungsbefugnis. Wie kann ich mein Versprechen einhalten? Das Versprechen, dass das FCK-Team ausgetauscht wird? Das Versprechen, dass mein Klub sich nach dem Aufstieg umbenennt? Ich habe hier in diesem Verein nichts zu entscheiden, überhaupt nichts.“
Das Teamgespenst lächelt milde. Es ist das milde, weise Lächeln eines lebensreifen griechischen Philosophen, der es einfach besser weiß. „Du bist ein Couchist“, sagt es. „Ihr erschafft die Wirklichkeit. Was ihr in euren Couchings schreibt, das wird geschehen.“
Dann löst es sich, während es eine Trinkbewegung andeutet, auf und verschwindet im Nebel dieser Nacht. Ich reibe mir müde die Augen und blicke Richtung Osten. Ein schmaler Streifen von nahender Dämmerung malt bereits seine blassgrauen Farben in den Himmel. Warum nur bin ich noch immer nicht im Bett?
„Übrigens, Vic!“ Erneut weht mir diese weltmännische Stimme mit jetzt schon leicht erkennbar schwerer Zunge um die Ohren. „Für den letztendlichen Erfolg deines Herzensklubs bedarf es noch einer weiteren Begegnung.“
„Oh nein, nicht noch ein Gespenst!“ rufe ich erschüttert.
„Nur eines noch“, besänftigt mich Herr Juhnke… äh… Herr Teamgeist.
„Das da wäre?“ frage ich schicksalsergeben.
„Der Sportsgeist. Auch Sportsgespenst genannt. Er wartet auf dich am Kaiserbrunnen.“
„Der Sportsgeist“, wiederhole ich mechanisch und schlurfe los. „Sieht das Sportsgespenst denn aus wie ein sprechender Fußball mit Armen und Beinen?“
Nun fängt die Stimme des Teamgespenstes auch noch an zu singen. „Lass dich überraschen… schnell kann es geschehen…“ – Rudi Carrell, bist das wirklich du…?
„Und vergiss diesmal deinen Rucksack nicht“, sagt die Stimme, jetzt wieder ganz Harald Juhnke. Dann ist der Spuk vorbei.
Der nächste Spuk wartet dann am Kaiserbrunnen. Auf den ersten Blick bin ich fast ein bisschen enttäuscht. „Hallo Sportsgespenst“, sage ich, mittlerweile überhaupt nicht mehr beängstigt über all die Gespenster, denen ich begegne, sondern eher… hm… gelangweilt?
Das Sportsgespenst sieht aus wie eine riesenhafte, abstoßende Mischung aus Yeti, Werwolf und Krümelmonster. Haarig, zottelig, wulstige Gesichtszüge. Körperproportionen, die eigentlich nur ein Elefant erschaffen kann, der sich zum Bildhauer berufen fühlt.
„Du hast mich dir etwas anders vorgestellt“, sagt der Sportsgeist mit der grollenden Stimme eines Unholds, aber eines immerhin gut gelaunten Unholds.
„Um ehrlich zu sein… äh… Bei der Nennung deines Namens dachte ich eher an einen weisen lächelnden Mann mit weißem Bart und mit Heiligenschein und Engelszügen…“
Ich wundere mich gerade selber, wie offenherzig mich diese Nacht gemacht hat.
„Weil ich Sportsgeist heiße?“
„Ja, eben deshalb“, gebe ich zu.
„Gut. Dann schau dir doch mal an, du naives Früchtchen, was für eine Art von Geist in unseren Stadien weht: Selbstsucht, Gewinnen um jeden Preis, Schwalben, Blutgrätschen, Sterbende Schwäne, Einschüchtern des Schiedsrichters, Zeitspiel, Bestechung… - DAS ist der wahre Sportsgeist. Wundert es dich also, dass ich so aussehe wie das, was du vor Augen hast?“
„Nein“, sage ich dumpf und mit irgendwie emotional abgetöteter Stimme. „Nenn mir deine Forderung und lass mich dann in Frieden.“
„Ich verlange gar nicht viel“, sagt das Sportsgespenst und grinst dabei auf rätselhafte Weise jovial. „Ich will nur, dass du vor mir deine Hosen runter lässt.“
„Du willst nur, dass ich vor dir…“, wiederhole ich, bis mein hysterisches Gelächter mitten im Satz meine Fähigkeit zum Sprechen außer Kraft setzt.
„Klar“, sagt Mr. Yeti. Und dann bückst du dich und wir beide haben ein bisschen Spaß miteinander. Das ist alles, kleines Dörnchen. Das ist die allerletzte Hürde, die deinen Herzensklub noch vom Erfolg trennt.“
„D… d… du meinst“, frage ich stammelnd. „Alle, die im Fußball je erfolgreich waren, haben… haben… Ich meine, haben die wirklich… Haben die denn wirklich… äh… alle… äh… mit dir…?“
Der Sportsgeist grinst genüsslich. „Zweifelst du daran?“
„D… d… das glaube ich dir nicht“, wispere ich eingeschüchtert. „Du meinst, ALLE?“ – Ich stelle mir gerade die Herren Hoeneß, Breitner oder Beckenbauer vor, wie sie vor dem Sportsgeist die Hosen runter lassen…
„Nein, das kann ich dir nicht glauben“, sage ich und freue mich darüber, dass der Klang meiner Stimme so etwas wie Nachdruck zurückbekommen hat.
„Komm schon, kleines Dörnchen, lass die Hosen runter!“ sagt der Sportsgeist grinsend. „Der Weg zum Erfolg ist nichts anderes als ein riesengroßes Bordell. Das ist schon immer so gewesen. Schon immer.“
„Nee, du, sorry“, hauche ich. „Da muss ich erst mal drüber schlafen… Vielleicht auch zwei Mal… oder fünfzig Mal…“ – Ich beginne mich so rasch wie möglich zu entfernen.
„Mach ruhig!“ ruft mir das Sportsgespenst lachend hinterher. Ein Lachen, das wie eine Gerölllawine klingt. „Bis Sommer 2017 ist es ja noch lange hin. Und die Wartezeit steigert bekanntlich den Genuss.“
Ich beginne zu rennen. Zu sprinten. Zu fliegen. Ich teleporte mich geradezu nach Hause. Sportlicher Erfolg, was trägst du nur für ein absonderliches Gesicht? Dann habe ich es geschafft. Ich schlage die Haustür hinter mir zu und drehe den Schüssel zweimal um. Soll der FCK doch machen, was er will! Was habe ich damit zu tun? Ich bin nur ein kleiner, einflussloser Fan… - Das Abstiegsgespenst war ja noch halbwegs okay, aber die drei anderen Psychos… - also, mal ehrlich! Nö! Einfach nur nö!
Tags darauf plagt mich mein Gewissen…
Ich allein habe es in der Hand, ich allein. Mit unseren Couchings erschaffen wir die Welt… Mit unseren Couchings erschaffen wir… - Ja, zum Teufel! Wollen wir nicht alle unseren FCK wieder in der Bundesliga sehen? Ich spüre die geradezu faustische Tragik des Erlebten…
Ob ich dem Angebot des Sportsgespenstes schließlich doch nachgegeben habe…?
Das werdet ihr erst erfahren, wenn ihr im Sommer 2017 auf die Tabelle der zweiten Bundesliga schaut…
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Auf der Couch sitzt noch ein fünfter Geist – der Geist der Kreativität. Seine Jünger heißen Berti, Bahli, Kohlmeyer, Butduma, Devil_till_Death, Newtrial und Vic. Das Opfer, das er von uns fordert für die Kreativität, mit der er uns versorgt? Das werdet ihr niiiiiieeee von uns erfahren! Niiiiieeehieeeee!
GESPENSTISCHE ZEITEN
von Vic Dorn
Eigenartig, dass einem mitten im schönsten Frühlingsanfang die Kälte derart ungefiltert ins Herz eindringen kann. Rund herum ist alles auf Sonne, Wärme und auf sich entfaltende Blütenfarbenpracht ausgerichtet… - und ich? Ich schlurfe frierend übers Kopfsteinpflaster und ziehe den Reißverschluss des Daunenmantels so hoch, dass sich mein dergestalt eingeengter Kehlkopf fragt, ob ich noch richtig ticke. Es ist Samstagnacht, es ist zwei Uhr vorbei. Eine Uhrzeit, in der eine Stadt wie Kaiserslautern mehr als tot ist. Selbst die grölenden Amis und ihre sie anhimmelnden deutschen Blond-Miezen haben die Altstadt sich selber überlassen. Ich stehe allein auf dem Martinsplatz, hinter mir der Brunnen, vor mir das St. Martin…
Wenn dieser malerische Altstadtfleck der einzige Eindruck wäre, den man von unserem Kaiserslautern hätte, könnte man fast meinen, wie wunders hübsch die Stadt doch ist. Das St. Martin, das Stadthaus, Goebel & Müller, der Brunnen, die beiden hohen Bürgerhäuser, die den Eingang in die Marktstraße flankieren… Alles sehr hübsch. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie sich die Silhouette von Bernd Franzingers Kommissar Tannenberg aus dem Dunkel dieser Gasse schält… Würgereiz wallt in mir auf. Monsieur Dorn findet nämlich die literarischen Ergüsse rund um diesen Pfalz-Kommissar ziemlich… ziemlich… hm… ja, wie eigentlich? - Ich will an dieser Stelle nicht frech und dreist behaupten, jeder einzelne von uns Couchisten könnte es besser, aber… hm… - Sind wir ein Land der freien Meinungsäußerung oder sind wir es nicht? Ich bin eigentlich der festen Überzeugung, jeder einzelne von uns Couchisten könnte es deutlich b… – Aber genug jetzt. Ich schweife gerade gedanklich ab, merke ich. Ich verdränge die Vorstellung von Kommissar Tannenberg, der sich aus dem Dunkel dieser Gasse manifestiert, und prompt ist der Würgereiz verschwunden. Immerhin.
Mich durchfährt erneut ein Frösteln. Ich ziehe den Knoten meines Schals dichter an den Hals heran. Mein Kehlkopf schimpft erneut, ich sei wohl ein Idiót. Wie angewurzelt stehe ich mitten auf dem Platz, in der Absicht, mich so weit wie möglich von einer dunklen Gasse, einer angelehnten Tür oder einem Torbogen fernzuhalten. Auch Nischen und Mauervorsprünge will ich tunlichst meiden.
Das ist keine klimatisch bedingte Kälte, die mich da im Griff hat. Das ist Angst. Angst frieren Herz ein, oder so ähnlich… - Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Das Leben ist doch eigentlich so schön langweilig – und ich? Ich wollte es mal wieder spannend haben. Typisch!
Ich stehe. Ich lausche. Ich zittere und friere.
Dann endlich ein Geräusch! Ein Geräusch von der Kategorie „Passt“. Ein hohles luftiges Kichern, albern, kindlich und doch auch irgendwie bedrohlich. Wenn das nicht passt, dann weiß ich’s auch nicht. „Ich kann dich nicht sehen!“ rufe ich in die leicht neblige Dunkelheit hinein. „Nur hören.“
„Aber ich bin trotzdem da“, ruft unvermittelt eine kichernde Stimme zurück. Sie ist so stark mit Hall angereichert, dass sie recht klischeehaft rüberkommt.
„Wo denn?“ frage ich.
„Hinter dir.“
Ich drehe mich sofort um. Niemand da.
„Hör bitte auf“, sage ich. „Ich hab sowieso schon Angst genug.“
„Okay“. Ein bläulich-silbernes Blitzen produziert rotierende Licht-Streifen direkt vor meinen Augen, und keine fünf Sekunden später hat sich dieses Wesen aus dem Nichts heraus verdichtet. Durchsichtig und glänzend, spitzwangig, mit einem lanzenhaften Kinn, das Gesicht kindlich und albern. Die schlotternde Gestalt in einem zerschlissenen und flickenübersäten Kapuzenumhang, der irgendwie genauso durchsichtig wirkt wie die Person an sich.
Oder ist das überhaupt eine Person? Eine echte Person im ursprünglichen Sinne des Wortes.
„Hallo Abstiegsgespenst“, sage ich dumpf. So dumpf, dass meine Tenorstimme in tiefste Bass-lastige Abgründe hinuntergesackt ist. Um mich herum trage ich ein Gewand aus kaltem Schweiß.
„Hallo Vic“, sagt es und kichert. „Komm, wir setzen uns ein bisschen an den Brunnen. Sitzen kostet das gleiche Geld.“
Wir setzen uns also hin. Das Gespenst schlägt entspannt die Beine übereinander. Ein zugegebenermaßen recht groteskes Bild. Es grinst und schweigt. Kein Zweifel, dass es von mir erwartet, dass ich das Gespräch eröffne. Also tue ich ihm den Gefallen. „Hast du über meine E-Mail nachgedacht?“ frage ich.
„Jjjjjjjjjjjja“, sagt es.
„Und?“
„Ich habe nichts dagegen einzuwenden“, sagt es und kichert leicht hysterisch. „Mir ist nur nicht ganz klar, warum du als Fan eine FCK-Saison, die eigentlich schon im tristen Mittelmaß versandet ist, wieder künstlich spannend machen willst. Warum willst du von mir, dass ich deinen FCK in den Abstiegssumpf hineinziehe und ihn dann im zweiten Relegationsspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach aus tiefsten Trümmern wieder auferstehen lasse?“
Eine leichte Schamesröte streift mir über meine Wangen. „Na ja… Weil ich glaube, dass wir FCK-Fans so was brauchen…“
„Was braucht ihr?“ fragt das Gespenst und popelt dabei grinsend in der Nase. „Drama?“
Ich stelle irritiert fest, dass sogar der Popel, den es aus seinen Nüstern zieht, silbrig grau und durchsichtig ist.
„Nein, nein, es geht mir nicht ums Drama“, sage ich verlegen und stiere dabei voller Verlegenheit das Kopfsteinpflaster an. „Es geht mir um… Wir Fans, wir brauchen ein neues Wir-Gefühl, eine Initialzündung… einen Neustart, eine Art ‚Auferstanden aus Ruinen‘, so etwas wie damals 2008. Weißt du noch?“
„Klar“, sagt es und kratzt sich dabei genussvoll am Gesäß. „Ich war ja schließlich mit dabei.“
Ich hätte nie gedacht, dass ein so mystisches und sagenumwobenes Wesen wie das Abstiegsgespenst so unappetitlich sein kann… Ein neuer Würgereiz entsteht in meiner eingeschnürten Kehle, auch ganz ohne Kommissar Tannenberg…
„Einen Wendepunkt, damit alles wieder besser wird“, fasst es zusammen und fingert in seinen eigenen Gehörgängen rum. Ich wende mich leicht angeekelt ab.
„In Wirklichkeit geht es dir nicht um die anderen Fans, sondern nur um dein eigenes Fan-Ego“, sagt es, während es mit Hingabe an seinen Fingernägeln kaut. „Du warst seit dem letzten Abstieg maximal fünf oder sechs Mal überhaupt im Stadion – und du willst den eigenen Adrenalin-Kick, um deiner verloschenen Liebe zum Verein neues Leben einzuhauchen. Du willst dich nicht damit abfinden, dass der FCK dir so egal geworden ist.“
Meine eingequetschte Kehle ringt sich ein genervtes Stöhnen ab. Warum begegne ich in letzter Zeit nur ständig irgendwelchen Fuzzis, die Gedanken lesen können? Allmählich nervt es. Ehrlich! „Kommen wir zum Geschäftlichen“, sage ich. Endlich kehrt die gebotene Strenge in meine Sprachmelodie zurück. Es wurde aber auch Zeit. „Wieviel kriegst du – für den Beinahe-Absturz in die 3. Liga, für die Rettung in letzter Sekunde gegen Sonnenhof Großaspach und für die Folgesaison, die dann mit dem Aufstieg in die Beletage abschließt?
Das Abstiegsgespenst überlegt kurz. Dieses Mal zum Glück, ohne irgendwas Unappetitliches zu tun.
„Ein Zehntel deiner Seele“, sagt es schließlich. „Das genügt.“
Ich atme erleichtert auf und lockere den Knoten meines Schals. „Okay, das kannst du haben.“
Das Abstiegsgespenst grinst sich eins und hält mir seine Hand hin, um den Deal mit einem Handschlag abzuschließen. Ich stelle mir vor, was es gerade kurz zuvor mit seinen Händen alles getan hat. Und bevor der Würgereiz erneut durch die Speiseröhre nach oben schießen kann, ergreife ich die Hand und besiegele den Deal. Als ich die Hand zurückziehe, bleibt wie ein Erinnerungsstück ein bisschen silbrig-blauer Popel auf meiner Handfläche zurück, und das Abstiegsgespenst ist verschwunden.
Ich atme erleichtert durch. Was für eine Nacht. Aber jetzt wird alles besser. Oder?
Ich biege in die Steinstraße ein, um mich auf den Heimweg zu machen. Da, ganz plötzlich, weht mir diese alberne Kicherstimme schon wieder die Ohren. „Das Problem ist aber“, sagt das Gespenst, nun als körperlose Stimme: „Ich bin nur für Abstieg oder Nichtabstieg zuständig. Da du dir aber für 2017 einen Aufstieg wünschst, solltest du dich gleich im Anschluss noch mit meinem Kollegen zusammensetzen.“
„Mit deinem Kollegen?“ frage ich erstaunt.
„Natürlich. Mit dem Aufstiegsgespenst.“
Ich runzle meine Stirn in meiner Überraschung. „Es gibt auch ein Aufstiegsgespenst?“
„Na klar. Geh weiter bis zum Kaiserbrunnen. Dort wird es auf dich warten.“
Dann kichert seine Stimme nochmals, wie ein Funkeln, wie ein Klirren. Für einen kurzen Moment fühlt es sich so an, als ob mir ein kalter Finger im Gehörgang popelt, aber wirklich nur für einen Sekundenbruchteil. Und dann bin ich allein. Endlich allein. Ich höre auf zu frieren. Mein Herz wird wieder warm.
Zwei Minuten später dann der nächste Schock. Das Aufstiegsgespenst. Meine Fresse! Leute, falls ihr glauben solltet, das Abstiegsgespenst sei eine schreckliche und furchterregende Erscheinung, dann solltet ihr euch mal das Aufstiegsgespenst betrachten. Dieses Wesen spielt in einer noch höheren Liga des Schreckens, glaubt es mir. Ich will es kurz machen, weil die Episode so grässlich, so erschrecken ist, dass ich euch die Details ersparen will:
Das Aufstiegsgespenst sieht aus wie eine Dose. Eine Dose mit Gesicht und mit Armen und Beinen. Aber nicht wie irgendeine Dose. Sondern viel zu schlank, fast auf feminine Weise schlank, mit silbrig-blauem Quadratmuster und mit rot-gelben Zier-Emblemen. Außerdem spricht es einen eigenartigen Mischdialekt aus österreichisch und sächsisch. Könnte es stattdessen nicht lieber aussehen wie Kommissar Tannenberg? Das ist in diesem Augenblick des Schreckens mein sehnlichster Wunsch.
Für einen kurzen Moment fragt man sich da, ob man überhaupt noch aufsteigen möchte. Aber die Gier nach Erster Liga ist zu groß, zu übermächtig. Ich mach’s kurz: Ich einige mich mit dem Aufstiegsgespenst darauf, dass sich der Verein 2017 in der Stunde des Triumphs in „Rote Betzekicker Kaiserslautern“ umbenennt. Dann hat sich die sprechende Dose aufgelöst und lässt mich in der bangen Hoffnung zurück, dass ich sie nie wieder sehen möge.
Ich merke, dass ich meinen Rucksack auf dem Brunnen des Martinsplatzes vergessen habe. Deshalb begebe ich mich nicht schnurstracks auf den Heimweg, sondern erst mal wieder zurück in Richtung Altstadt. Da dringt erneut diese Stimme an mein Ohr. Eine Stimme wie das Aufziehen einer Dosenlasche. Eine Stimme, die so klingt, wie Gummibärchesbrause schmeckt. „Jetzt hast du zwar den Abstieg 2016 abgewendet und den Aufstieg 2017 eingetütet – aber beides, lieber Vicky, funktioniert nicht ohne Teamgeist.“
„Wie? Nicht ohne Teamgeist?“ frage ich verblüfft und leer.
„Das ist ein Kollege vom Abstiegsgespenst und von mir. Der Herr Teamgeist oder auch Teamgespenst genannt.“
Es stößt ein glucksendes Lachen aus, das mich an Flüssigkeit erinnert, welche stoßweise aus einer Dose herausschießt und dann ist dieser Dosenspuk zum Glück ein- für allemal vorbei. Aber noch nicht diese geisterhafte Nacht. Die hat eine weitere Zugabe für mich parat. Am Martinsplatz wartet nicht nur mein herrenloser Rucksack, sondern auch das Teamgespenst auf mich. Ich will es kurz machen: Es sieht aus wie Harald Juhnke, es trägt Hut, Fliege und Trenchcoat und es hält eine Schnapsflasche in der Hand. Was das Teamgespenst von mir fordert? Dass der FCK sein ganzes Team austauscht. Dass anstelle der zum Gähnen anregenden Abziehbilder und Schwiegermama-Lieblingsbübchen wie Müller, Schulze oder Pritsche wieder echte Typen auf dem Rasen stehen. Großmäuler, Egomanen, Säufer, Bordell-Abonnenten, Kettenraucher, Knochenbrecher, Fremdgeher, Amöbengehirne, Mantafahrer, Schniedel-Abfotografierer, Gorillas… - Das liebgewordene Klientel von damals eben.
„Von mir aus. Ist mir doch egal“, sage ich reichlich resigniert. Es nicht einfach, einzusehen, dass der Erfolg um jeden Preis die Züge einer Brause-Dose und eines Harald-Juhnke-Doppelgängers trägt…
„Ich danke dir“, sagt das Teamgespenst sehr weltmännisch und sanft und deutet dabei eine knappe Verbeugung an. Dann stärkt es sich mit einem Schluck aus der Pulle und strahlt mich mit seinen blütenweißen Blendax-Zähnen an.
„Was ich nicht verstehe“, sage ich reichlich dumpf und ausgelaugt von meiner Desillusionierung. „Ich bin doch nur ein einfacher popeliger Fan… - Das heißt… äh… nicht popelig. Das Wort ‚Popel‘ hat seit heute Abend eine etwas unheilvolle Bedeutung für mich gewonnen. Ich meine: Ich bin ein einfacher, machtloser Fan ohne jegliche Entscheidungsbefugnis. Wie kann ich mein Versprechen einhalten? Das Versprechen, dass das FCK-Team ausgetauscht wird? Das Versprechen, dass mein Klub sich nach dem Aufstieg umbenennt? Ich habe hier in diesem Verein nichts zu entscheiden, überhaupt nichts.“
Das Teamgespenst lächelt milde. Es ist das milde, weise Lächeln eines lebensreifen griechischen Philosophen, der es einfach besser weiß. „Du bist ein Couchist“, sagt es. „Ihr erschafft die Wirklichkeit. Was ihr in euren Couchings schreibt, das wird geschehen.“
Dann löst es sich, während es eine Trinkbewegung andeutet, auf und verschwindet im Nebel dieser Nacht. Ich reibe mir müde die Augen und blicke Richtung Osten. Ein schmaler Streifen von nahender Dämmerung malt bereits seine blassgrauen Farben in den Himmel. Warum nur bin ich noch immer nicht im Bett?
„Übrigens, Vic!“ Erneut weht mir diese weltmännische Stimme mit jetzt schon leicht erkennbar schwerer Zunge um die Ohren. „Für den letztendlichen Erfolg deines Herzensklubs bedarf es noch einer weiteren Begegnung.“
„Oh nein, nicht noch ein Gespenst!“ rufe ich erschüttert.
„Nur eines noch“, besänftigt mich Herr Juhnke… äh… Herr Teamgeist.
„Das da wäre?“ frage ich schicksalsergeben.
„Der Sportsgeist. Auch Sportsgespenst genannt. Er wartet auf dich am Kaiserbrunnen.“
„Der Sportsgeist“, wiederhole ich mechanisch und schlurfe los. „Sieht das Sportsgespenst denn aus wie ein sprechender Fußball mit Armen und Beinen?“
Nun fängt die Stimme des Teamgespenstes auch noch an zu singen. „Lass dich überraschen… schnell kann es geschehen…“ – Rudi Carrell, bist das wirklich du…?
„Und vergiss diesmal deinen Rucksack nicht“, sagt die Stimme, jetzt wieder ganz Harald Juhnke. Dann ist der Spuk vorbei.
Der nächste Spuk wartet dann am Kaiserbrunnen. Auf den ersten Blick bin ich fast ein bisschen enttäuscht. „Hallo Sportsgespenst“, sage ich, mittlerweile überhaupt nicht mehr beängstigt über all die Gespenster, denen ich begegne, sondern eher… hm… gelangweilt?
Das Sportsgespenst sieht aus wie eine riesenhafte, abstoßende Mischung aus Yeti, Werwolf und Krümelmonster. Haarig, zottelig, wulstige Gesichtszüge. Körperproportionen, die eigentlich nur ein Elefant erschaffen kann, der sich zum Bildhauer berufen fühlt.
„Du hast mich dir etwas anders vorgestellt“, sagt der Sportsgeist mit der grollenden Stimme eines Unholds, aber eines immerhin gut gelaunten Unholds.
„Um ehrlich zu sein… äh… Bei der Nennung deines Namens dachte ich eher an einen weisen lächelnden Mann mit weißem Bart und mit Heiligenschein und Engelszügen…“
Ich wundere mich gerade selber, wie offenherzig mich diese Nacht gemacht hat.
„Weil ich Sportsgeist heiße?“
„Ja, eben deshalb“, gebe ich zu.
„Gut. Dann schau dir doch mal an, du naives Früchtchen, was für eine Art von Geist in unseren Stadien weht: Selbstsucht, Gewinnen um jeden Preis, Schwalben, Blutgrätschen, Sterbende Schwäne, Einschüchtern des Schiedsrichters, Zeitspiel, Bestechung… - DAS ist der wahre Sportsgeist. Wundert es dich also, dass ich so aussehe wie das, was du vor Augen hast?“
„Nein“, sage ich dumpf und mit irgendwie emotional abgetöteter Stimme. „Nenn mir deine Forderung und lass mich dann in Frieden.“
„Ich verlange gar nicht viel“, sagt das Sportsgespenst und grinst dabei auf rätselhafte Weise jovial. „Ich will nur, dass du vor mir deine Hosen runter lässt.“
„Du willst nur, dass ich vor dir…“, wiederhole ich, bis mein hysterisches Gelächter mitten im Satz meine Fähigkeit zum Sprechen außer Kraft setzt.
„Klar“, sagt Mr. Yeti. Und dann bückst du dich und wir beide haben ein bisschen Spaß miteinander. Das ist alles, kleines Dörnchen. Das ist die allerletzte Hürde, die deinen Herzensklub noch vom Erfolg trennt.“
„D… d… du meinst“, frage ich stammelnd. „Alle, die im Fußball je erfolgreich waren, haben… haben… Ich meine, haben die wirklich… Haben die denn wirklich… äh… alle… äh… mit dir…?“
Der Sportsgeist grinst genüsslich. „Zweifelst du daran?“
„D… d… das glaube ich dir nicht“, wispere ich eingeschüchtert. „Du meinst, ALLE?“ – Ich stelle mir gerade die Herren Hoeneß, Breitner oder Beckenbauer vor, wie sie vor dem Sportsgeist die Hosen runter lassen…
„Nein, das kann ich dir nicht glauben“, sage ich und freue mich darüber, dass der Klang meiner Stimme so etwas wie Nachdruck zurückbekommen hat.
„Komm schon, kleines Dörnchen, lass die Hosen runter!“ sagt der Sportsgeist grinsend. „Der Weg zum Erfolg ist nichts anderes als ein riesengroßes Bordell. Das ist schon immer so gewesen. Schon immer.“
„Nee, du, sorry“, hauche ich. „Da muss ich erst mal drüber schlafen… Vielleicht auch zwei Mal… oder fünfzig Mal…“ – Ich beginne mich so rasch wie möglich zu entfernen.
„Mach ruhig!“ ruft mir das Sportsgespenst lachend hinterher. Ein Lachen, das wie eine Gerölllawine klingt. „Bis Sommer 2017 ist es ja noch lange hin. Und die Wartezeit steigert bekanntlich den Genuss.“
Ich beginne zu rennen. Zu sprinten. Zu fliegen. Ich teleporte mich geradezu nach Hause. Sportlicher Erfolg, was trägst du nur für ein absonderliches Gesicht? Dann habe ich es geschafft. Ich schlage die Haustür hinter mir zu und drehe den Schüssel zweimal um. Soll der FCK doch machen, was er will! Was habe ich damit zu tun? Ich bin nur ein kleiner, einflussloser Fan… - Das Abstiegsgespenst war ja noch halbwegs okay, aber die drei anderen Psychos… - also, mal ehrlich! Nö! Einfach nur nö!
Tags darauf plagt mich mein Gewissen…
Ich allein habe es in der Hand, ich allein. Mit unseren Couchings erschaffen wir die Welt… Mit unseren Couchings erschaffen wir… - Ja, zum Teufel! Wollen wir nicht alle unseren FCK wieder in der Bundesliga sehen? Ich spüre die geradezu faustische Tragik des Erlebten…
Ob ich dem Angebot des Sportsgespenstes schließlich doch nachgegeben habe…?
Das werdet ihr erst erfahren, wenn ihr im Sommer 2017 auf die Tabelle der zweiten Bundesliga schaut…
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Auf der Couch sitzt noch ein fünfter Geist – der Geist der Kreativität. Seine Jünger heißen Berti, Bahli, Kohlmeyer, Butduma, Devil_till_Death, Newtrial und Vic. Das Opfer, das er von uns fordert für die Kreativität, mit der er uns versorgt? Das werdet ihr niiiiiieeee von uns erfahren! Niiiiieeehieeeee!
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Vic Dorn am 17.03.2016 um 16:59 Uhr bearbeitet
01.04.2016 - 06:41 Uhr
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Jahrgang 6, Ausgabe 29
WAS BLEIBT
von Newtrial
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DIE LETZTE NACHT
Morgen früh ist es soweit! Nur diese Nacht bleibt um Bilanz zu ziehen: 113 Jahre bei zumeist guter Gesundheit und einem mehr als ausreichenden Lebensstandard. Nun ja, mit den Frauen hätte es besser laufen können – aber wer würde das nicht von sich sagen? Voller Vorfreude und zufrieden sollte ich die Extinktion erwarten. Haben wir doch längst die Furcht vor dem, was man noch vor Jahrzehnten angstvoll „Tod“ nannte, überwunden. Heute wissen wir, welches grundlegende Missverständnis über das LEBEN diese Angst erst hervorgerufen hat: Es war der Glaube an eine seelische Substanz, an eine stabile Ich-Identität, die im Fluss der Ereignisse im Kern unveränderlich bliebe – und dann doch plötzlich und unbegreiflicher Weise den Weg alles Irdischen gehen, sprich: sterben müsse.
Heute weiß jedes Kind, dass es etwas derart „Unveränderliches“, eine solche „ICH-Identität“, gar nicht gibt. Der Glaube daran erwies sich als historisch vergänglich. „Tod“ ist nur ein anderes Wort für „Vergessen“, „Geburt“ ein anderes Wort für „Erinnern“. Beides durchläuft man jeden Tag unendlich oft, erst beides zusammen macht „Leben“ aus. Der Tod ist ein Teil des Lebens, nicht dessen unbegreiflicher Gegensatz. Das einzige, was morgen der Extinktion anheimfallen wird, ist eine hartnäckige geistige Funktion, die Erinnerungsspuren eines 113-jährigen Lebens immer wieder fiktiv zu einer „Lebensgeschichte“ zu verknüpfen sucht – so als gäbe es einen Geist in der Maschine, der diese 113 Jahre unverändert überstanden und als „Zeuge“ erlebt hätte. Und der sich infolgedessen als völlig einzigartig inszeniert, obwohl doch so viele, fast „baugleiche“ Organismen um ihn herum existieren, die ihm zu 99,9% gleichen, weshalb auch überhaupt nur zwischenmenschliche Verständigung möglich ist. Und der vergisst, dass er sich auch an seine ersten Lebensjahre nicht erinnern kann; ganz einfach deshalb, weil es eben diesen „Zeugen“, den er sein ICH nennt, damals noch gar nicht gab. War er deshalb damals „tot“? Sicher nicht!
Heute wissen wir: In der Extinktion verschwindet nicht die Welt, sondern maximal 0,1% jener lebendigen Präsenz, die einen Menschen ausmacht. Und, ach ja: Diese 0,1% erfinden sich auch jede Nacht im Traum neu, ohne dass deswegen jemand „Todesängste“ ausstünde und entsprechend rumpienzen würde.
KULTURWANDEL
Im Unterschied zu vielen meiner Altersgenossen habe ich diesen Kulturwandel mitvollzogen. Ich war schon ein alter Mann von 71 Jahren, als er sich fast zeitgleich in allen Weltteilen vollzog. Es war zu Beginn einfach ein kollektiver Erschöpfungszustand: Die Brutalität und Unglaubwürdigkeit aller rassistischen, völkischen und religiösen Raserei war unübersehbar geworden und hatte große Teile der Welt in einen Trümmerhaufen verwandelt. Und mit dem Verschwinden der westlichen Vorherrschaft waren auch Ellbogenmentalität und Konkurrenzprinzip in einer Weise verschwunden, als hätten sie nie existiert. Den Dolchstoß erhielt diese ganze Lebensform in den nur wenige Wochen währenden, aber umso heftigeren „Konzernkriegen“ im Jahre 2030, die drei Milliarden Menschen das Leben kosten sollten und weite Teile Asiens und Nordamerikas bis heute unbewohnbar hinterließen. Europa überlebte nur, weil es im Kalkül der Bosse längst unwichtig geworden war.
Das Wunder war dann jene „goldene Generation“, die in den Folgejahren des Mangels geboren wurde. Für diese jungen Menschen erscheint die jüngere Zeitgeschichte wie eine archaische Vorgeschichte, mit der sie nichts verbindet. Sie erweisen sich als auf wundersame Weise immun gegen die soziale Vererbung von Hass und Intoleranz. Es ist ein evolutionärer Sprung. Die Wissenschaft hat dafür bis heute keine Erklärung gefunden!
WAS BLEIBT?
Draußen wird es langsam hell. Mein Stammhirn rebelliert, begehrt gegen die mit dem Morgen nahende Extinktion auf. Natürlich verschmähe ich den Neuro-Konduktor nicht, dessen Einsatz die „Todesangst“ von mir nehmen wird – aber ich benutze ihn noch nicht sofort, will vielmehr auch vom bitteren Geschmack DIESER Facette körperlicher Existenz noch ein Weilchen kosten. Das panische Feuern der Synapsen scheint nur ein Ziel zu kennen: Das Konstruieren einer Identität, die einfach nur „überleben“ will, obwohl sie doch reine Fiktion ist. Natürlich wurde ich auf diese Situation drei Jahre lang spirituell vorbereitet – so wie jedes Individuum, das sich der Extinktion stellt. Doch erweist es sich als gar nicht so leicht, unter der mächtigen Herrschaft des sich aufbäumenden Körpers die Übersicht zu bewahren und die Übung geistig diszipliniert zu absolvieren. Beschämt muss ich mir eingestehen, meine Kräfte überschätzt zu haben – zitternd ergreife ich den Neuro-Konduktor und führe ihn vorschriftsgemäß zum Nackenansatz. Ein leichtes Prickeln und schon sehe ich wieder klar. Geht doch!
DIE ÜBUNG
Ruhig atmen! Warten, bis auch der Hormonspiegel bemerkt, dass die Todesangst verschwunden ist. Ich aktiviere die künstliche Intelligenz, die mich durch die Übung führen wird. Der Suchstrahl des Quantencomputers dringt durch Netzhaut und Sehnerv ins Gehirn und etabliert die Verbindung. Ist schon immer wieder ein merkwürdiges Gefühl, wenn das Bose-Einstein-Kondensat des Rechners zum Teil Deiner geistigen Welt wird: kühl und pelzig, gleichförmig summend, nach buchstäblich Nichts schmeckend und dennoch einen Geschmack aufweisend und als gekrümmter, neundimensionaler Raum erfahrbar. Man kann es nicht wirklich beschreiben, da die Empfindung keinem und allen Sinnesorganen zugleich zuordenbar erscheint. Manche werden regelrecht süchtig davon, mir kam es immer etwas befremdlich vor.
Und dann erscheint der erste Eindruck in meinem Geist. Es ist keine Stimme im Kopf, auch kein inneres Bild, es ist mehr wie ein Computerspiel, in das man quasi hineingesaugt wurde und welches man zugleich spielt. Ich scheine mich zu verdoppeln und beobachte mein ICH, wie es im verzweigten Wurzelwerk der Erinnerungen nach Festem sucht. Woran haftet mein Geist, was ist er nicht bereit, loszulassen? Durch das mentale Training der Extinktionsvorbereitungskurse geübt und vom Computerprogramm angeleitet, durchschreite ich recht routiniert und sicher die übliche Stadienfolge: Frühkindliche Introjekte, die emotionale Bindung an Partnerinnen und solche, die es partout nicht werden wollten, politische Überzeugungen, berufliche Identität, Fixierungen des Altersstarrsinns. Noch einmal erlebe ich die mächtige Rückkehr der Erinnerungen infolge der nanotechnologischen Demenzheilung in meinem 91. Lebensjahr – als seinerzeit alles zurückkam, schien es mir plötzlich der Sinn des Lebens zu sein, ein festes, unverrückbares ICH zu besitzen. Die spirituelle Rehabilitation dauerte dann volle zwei Jahre – so viel Zeit war nötig, um die wiedergefundenen Identifikationen erneut loszulassen. Alles längst verarbeitet – und doch immer noch von Bedeutung.
FEHLFUNKTION
Aber was ist das? Die kühl-pelzige Haptik weicht einer höllischen Hitze. Das gleichförmige Summen wird zum Pfeifkonzert, der Geschmack wird vertraut – ohne dass ich ihn sofort zuordnen könnte, der gekrümmte, neundimensionale Raum morpht zum Oval. Wortfetzen tönen wie durch eine überdimensionierte, jede Kreativität im Ansatz erstickende Megaphonanlage verstärkt, in meinem gepeinigten Geist: „Stadienfolge“ – „Stadion“. Dem mittlerweile saftigen, dann wieder leicht herben Geschmack ordnen sich ebenfalls Wortassoziationen zu: „Teufelswurst“ – „Karlsberg“. Was passiert da? Was soll das? Mein Blick trübt sich. Das Hologramm-Panel des Computers wirft ein Warnsignal aus: Akut drohende Dekohärenz des Quantenstroms! Abschalten, ich muss das Ding abschalten! Panik überkommt mich! Der Laserstrahl brennt in meinem Augapfel. „Der Betze brennt“ schießen mir weitere Wortfetzen durch den Kopf. Was geht hier vor? Ich muss… abschalten. Es tut so… weh! Das schmeckt jetzt nicht mehr nach Teufelswurst, das ist einfach nur noch der bittere Geschmack des totalen Scheiterns.
…
Plötzlich ist alles wieder da! Wie konnte ich DAS nur vergessen? So, als wäre es nie Teil meines Lebens gewesen. Nun ist die Erinnerung klar und deutlich: Es ist wieder der 15. Mai 2016, 17:18 Uhr. Abpfiff am Millerntor! Das 2:2 hätte zum Klassenerhalt gereicht. Doch dann ist es Vucur, der in der 93. Minute einen eigentlich harmlosen Schuss unhaltbar für Pollersbeck ins eigene Gehäuse abfälscht. Aus, alles vorbei! Einige Spieler liegen auf dem Rasen. Daniel Halfar weint, wie einstmals Andy Brehme. Ring scherzt mit einem Paulianer und tauscht mit ihm das Trikot, während beide gut gelaunt den Innenraum verlassen.
Aus und vorbei! Längst ist klar, dass es keine Lizenz für Liga 3 geben wird und ein Spielbetrieb in der Regionalliga nicht finanzierbar ist. Die Auflösung des ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern ist beschlossene Sache.
Die Szenerie verschwimmt vor meinen Augen. Plötzlich wird mir klar, dass es keine Fehlfunktion im Quantencomputer gab. Das Gerät erfüllt zuverlässig seine Aufgabe. Es führte mich zu meiner letzten – vollständig verdrängten – Identifikation, zum letzten auf Erden, dem ich je ernsthaft verhaftet war. Ich spüre das Befremden und die Scham, diesem Phantasma eines Fußballvereins nachgerannt zu sein. Das Spiel erwies sich als Ar.schloch, der Verein als treulose bit.ch. Herzblut? Wirklich? Wie peinlich ist das denn?!
Geläutert deaktiviere ich den Quantenstrom. Nun bin ich bereit für die Extinktion! Draußen scheint die Sonne und der Himmel ist so makellos blau wie in einem nachkolorierten Urlaubs-Hologramm-Prospekt. Ich öffne den port meiner auf Level 89 gelegenen Wohnbox und lege mich in die Personendrohne. Lächelnd und mich ein wenig ertappt fühlend stelle ich fest, dass ich schon vor Monaten ausgerechnet das Extinktionszentrum Kaiserslautern gebucht und den Kurs programmiert hatte. Noch ein letztes Mal werde ich also zu jenem Berg zurückkehren, der heute eine Einrichtung trägt, die alle individuellen Erinnerungen auslöscht. Jedenfalls jene maximal 0,1%, die unsere sogenannte Individualität ausmachen.
Schon nähere ich mich dem für mich vorgesehenen „Gate West“. Lächelnd und mit mir selbst im Reinen will ich die letzten Meter ins große Vergessen absolvieren, als es plötzlich durch meinen vom Neuro-Konduktor sedierten Schädel schießt:
!!! LAUTER GEBEN NIEMALS AUF !!!
Scharf wende ich die Drohne mit einem einzigen Gedankenimpuls.
EPILOG
Der Rest ist Geschichte und euch ja bestens bekannt. 2076, also vier Jahre später, war es soweit: Das Stadion war neu errichtet und der 1. FC Kaiserslautern nahm 60 Jahre nach seiner letzten Partie bei St. Pauli den Spielbetrieb wieder auf. Es folgte eine kometenhafte Entwicklung mit vier Aufstiegen in Folge. Und dann wiederholte sich die Geschichte, wenngleich der Gegner eine Farce war: Am Samstag, dem 17. Mai 2081, gewann der 1. FC Kaiserslautern im direkten und entscheidenden Traditionsduell gegen Rekordmeister Hasenpfote Leipzig am letzten Spieltag – nach 1:4-Rückstand bis zur 58. Minute – noch mit 7:4! Und damit zugleich die Fußballmeisterschaft im German District. Und das als Aufsteiger!
Noch einmal haben wir tagelang gefeiert! Und heute, am 23. Mai 2081, meinem 122. Geburtstag, werde ich die Extinktion wirklich vollziehen. Denn nun ist es kein Aufgeben mehr! Nun habe ich die Gewissheit, dass ein Teil jener 0,1%, die meine Individualität ausmachen, die Extinktion überstehen werden. Denn der Verein wird weiterleben!
Es wird nach Teufelswurst schmecken. Und nach Karlsberg. Und nach einem kleinen gallischen Dorf inmitten der Westpfalz. Und nach der süßen Todsünde jeglicher spirituellen Erleuchtung und eines jeglichen Feng Shui: IDENTIFIKATION! Also nach dem, was dem Leben Würze verleiht, anstatt sich pelzig-kühl wie Bose-Einstein-Kondensat anzufühlen. Kein gekrümmtes, neundimensionales Raumempfinden, vielmehr ein Oval mit rechteckigem Rasen drin. Nicht in gleichmäßigem Ultra-Singsang summend, sondern je nach Spielsituation schrill pfeifend, protestierend aufschreiend oder anfeuernd. Mit unseren eigenen Liedern, die man nirgendwo sonst hört.
Habe fertig. --- EXTINKTION.
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Im Jahre des Herren 2072, für viele auch das Jahr 42 nach dem Ende der Konzernkriege, kamen die Couchisten nach 56 Jahren erstmals wieder in Kohlmeyers Wohnbox zusammen, um Vereinsneugründung und Stadionneubau zu planen. Alle hatten sie Krieg und den Zahn der Zeit überstanden – Newtrial halt besser, die anderen weniger gut. In einer von Kohlmeyers Urenkeln betriebenen Produktionszone waren die Couch und der legendäre Kühlschrank wiedererstanden und wurde das Karlsberg-Couchisten-Bräu hergestellt. Wen kümmerte es da schon, dass der auf alt designte Kühlschrank von einer künstlichen Quantensingularität mit Energie versorgt wurde und eine interne App die gesamte Bierlogistik automatisch erledigte. Selbst das penetrante Klappern des Geräts klang echt, wurde in Wirklichkeit aber durch einen eingebauten Imaginator per Gehirnwellenmodulation bei allen bis zu 5m entfernten Personen induziert.
Die Führungsriege des neuen FCK ließ den Buena Vista Social Club wie eine Truppe Pubertierender aussehen. Berti hielt den AR-Vorsitz inne. Kohlmeyer sollte in den Folgejahren zum legendären Aufstiegs- und Meistertrainer mutieren und wurde dafür mit der Kalli-Ehrennadel in Weißblech – der immerhin zehnthöchsten Auszeichnung, die der Verein zu vergeben hat – geehrt. Dick Vorn wurde Vorstandsvorsitzender. Devil till Extinction übernahm das Finanzressort – mit überschaubarem Aufgabenbereich in der neuen, geldlos funktionierenden Wirtschaft. But und Bahli besetzten die beiden hoch angesehenen, eminent wichtigen Teammanagerposten: Ihre verantwortungsvolle, zwei ganze Kerle erfordernde Kernaufgabe bestand darin, für das reibungslose Funktionieren des hochmodernen, sich selbst reparierenden und versorgenden Kühlschranks zu sorgen. Newtrial gab als „Gesicht des Vereins“ vorzugsweise launische Interviews und brachte darüber hinaus die nach seinen eigenen ästhetischen Auswahlkriterien neugestalteten Miss Universum-Wahlen als zentrales außersportliches Event auf den Berg; zumindest bis zu jenem angeblichen Skandal bei der Wahl 2078, als ihm eine Liaison mit der späteren, genau hundert Jahre jüngeren Siegerin aus den Außerweltkolonien nachgesagt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, schmälert in keiner Weise seine sonstigen Verdienste und gehört nicht hierher. Lügenpresse!
Eine Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, fürwahr.
Jahrgang 6, Ausgabe 29
WAS BLEIBT
von Newtrial
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DIE LETZTE NACHT
Morgen früh ist es soweit! Nur diese Nacht bleibt um Bilanz zu ziehen: 113 Jahre bei zumeist guter Gesundheit und einem mehr als ausreichenden Lebensstandard. Nun ja, mit den Frauen hätte es besser laufen können – aber wer würde das nicht von sich sagen? Voller Vorfreude und zufrieden sollte ich die Extinktion erwarten. Haben wir doch längst die Furcht vor dem, was man noch vor Jahrzehnten angstvoll „Tod“ nannte, überwunden. Heute wissen wir, welches grundlegende Missverständnis über das LEBEN diese Angst erst hervorgerufen hat: Es war der Glaube an eine seelische Substanz, an eine stabile Ich-Identität, die im Fluss der Ereignisse im Kern unveränderlich bliebe – und dann doch plötzlich und unbegreiflicher Weise den Weg alles Irdischen gehen, sprich: sterben müsse.
Heute weiß jedes Kind, dass es etwas derart „Unveränderliches“, eine solche „ICH-Identität“, gar nicht gibt. Der Glaube daran erwies sich als historisch vergänglich. „Tod“ ist nur ein anderes Wort für „Vergessen“, „Geburt“ ein anderes Wort für „Erinnern“. Beides durchläuft man jeden Tag unendlich oft, erst beides zusammen macht „Leben“ aus. Der Tod ist ein Teil des Lebens, nicht dessen unbegreiflicher Gegensatz. Das einzige, was morgen der Extinktion anheimfallen wird, ist eine hartnäckige geistige Funktion, die Erinnerungsspuren eines 113-jährigen Lebens immer wieder fiktiv zu einer „Lebensgeschichte“ zu verknüpfen sucht – so als gäbe es einen Geist in der Maschine, der diese 113 Jahre unverändert überstanden und als „Zeuge“ erlebt hätte. Und der sich infolgedessen als völlig einzigartig inszeniert, obwohl doch so viele, fast „baugleiche“ Organismen um ihn herum existieren, die ihm zu 99,9% gleichen, weshalb auch überhaupt nur zwischenmenschliche Verständigung möglich ist. Und der vergisst, dass er sich auch an seine ersten Lebensjahre nicht erinnern kann; ganz einfach deshalb, weil es eben diesen „Zeugen“, den er sein ICH nennt, damals noch gar nicht gab. War er deshalb damals „tot“? Sicher nicht!
Heute wissen wir: In der Extinktion verschwindet nicht die Welt, sondern maximal 0,1% jener lebendigen Präsenz, die einen Menschen ausmacht. Und, ach ja: Diese 0,1% erfinden sich auch jede Nacht im Traum neu, ohne dass deswegen jemand „Todesängste“ ausstünde und entsprechend rumpienzen würde.
KULTURWANDEL
Im Unterschied zu vielen meiner Altersgenossen habe ich diesen Kulturwandel mitvollzogen. Ich war schon ein alter Mann von 71 Jahren, als er sich fast zeitgleich in allen Weltteilen vollzog. Es war zu Beginn einfach ein kollektiver Erschöpfungszustand: Die Brutalität und Unglaubwürdigkeit aller rassistischen, völkischen und religiösen Raserei war unübersehbar geworden und hatte große Teile der Welt in einen Trümmerhaufen verwandelt. Und mit dem Verschwinden der westlichen Vorherrschaft waren auch Ellbogenmentalität und Konkurrenzprinzip in einer Weise verschwunden, als hätten sie nie existiert. Den Dolchstoß erhielt diese ganze Lebensform in den nur wenige Wochen währenden, aber umso heftigeren „Konzernkriegen“ im Jahre 2030, die drei Milliarden Menschen das Leben kosten sollten und weite Teile Asiens und Nordamerikas bis heute unbewohnbar hinterließen. Europa überlebte nur, weil es im Kalkül der Bosse längst unwichtig geworden war.
Das Wunder war dann jene „goldene Generation“, die in den Folgejahren des Mangels geboren wurde. Für diese jungen Menschen erscheint die jüngere Zeitgeschichte wie eine archaische Vorgeschichte, mit der sie nichts verbindet. Sie erweisen sich als auf wundersame Weise immun gegen die soziale Vererbung von Hass und Intoleranz. Es ist ein evolutionärer Sprung. Die Wissenschaft hat dafür bis heute keine Erklärung gefunden!
WAS BLEIBT?
Draußen wird es langsam hell. Mein Stammhirn rebelliert, begehrt gegen die mit dem Morgen nahende Extinktion auf. Natürlich verschmähe ich den Neuro-Konduktor nicht, dessen Einsatz die „Todesangst“ von mir nehmen wird – aber ich benutze ihn noch nicht sofort, will vielmehr auch vom bitteren Geschmack DIESER Facette körperlicher Existenz noch ein Weilchen kosten. Das panische Feuern der Synapsen scheint nur ein Ziel zu kennen: Das Konstruieren einer Identität, die einfach nur „überleben“ will, obwohl sie doch reine Fiktion ist. Natürlich wurde ich auf diese Situation drei Jahre lang spirituell vorbereitet – so wie jedes Individuum, das sich der Extinktion stellt. Doch erweist es sich als gar nicht so leicht, unter der mächtigen Herrschaft des sich aufbäumenden Körpers die Übersicht zu bewahren und die Übung geistig diszipliniert zu absolvieren. Beschämt muss ich mir eingestehen, meine Kräfte überschätzt zu haben – zitternd ergreife ich den Neuro-Konduktor und führe ihn vorschriftsgemäß zum Nackenansatz. Ein leichtes Prickeln und schon sehe ich wieder klar. Geht doch!
DIE ÜBUNG
Ruhig atmen! Warten, bis auch der Hormonspiegel bemerkt, dass die Todesangst verschwunden ist. Ich aktiviere die künstliche Intelligenz, die mich durch die Übung führen wird. Der Suchstrahl des Quantencomputers dringt durch Netzhaut und Sehnerv ins Gehirn und etabliert die Verbindung. Ist schon immer wieder ein merkwürdiges Gefühl, wenn das Bose-Einstein-Kondensat des Rechners zum Teil Deiner geistigen Welt wird: kühl und pelzig, gleichförmig summend, nach buchstäblich Nichts schmeckend und dennoch einen Geschmack aufweisend und als gekrümmter, neundimensionaler Raum erfahrbar. Man kann es nicht wirklich beschreiben, da die Empfindung keinem und allen Sinnesorganen zugleich zuordenbar erscheint. Manche werden regelrecht süchtig davon, mir kam es immer etwas befremdlich vor.
Und dann erscheint der erste Eindruck in meinem Geist. Es ist keine Stimme im Kopf, auch kein inneres Bild, es ist mehr wie ein Computerspiel, in das man quasi hineingesaugt wurde und welches man zugleich spielt. Ich scheine mich zu verdoppeln und beobachte mein ICH, wie es im verzweigten Wurzelwerk der Erinnerungen nach Festem sucht. Woran haftet mein Geist, was ist er nicht bereit, loszulassen? Durch das mentale Training der Extinktionsvorbereitungskurse geübt und vom Computerprogramm angeleitet, durchschreite ich recht routiniert und sicher die übliche Stadienfolge: Frühkindliche Introjekte, die emotionale Bindung an Partnerinnen und solche, die es partout nicht werden wollten, politische Überzeugungen, berufliche Identität, Fixierungen des Altersstarrsinns. Noch einmal erlebe ich die mächtige Rückkehr der Erinnerungen infolge der nanotechnologischen Demenzheilung in meinem 91. Lebensjahr – als seinerzeit alles zurückkam, schien es mir plötzlich der Sinn des Lebens zu sein, ein festes, unverrückbares ICH zu besitzen. Die spirituelle Rehabilitation dauerte dann volle zwei Jahre – so viel Zeit war nötig, um die wiedergefundenen Identifikationen erneut loszulassen. Alles längst verarbeitet – und doch immer noch von Bedeutung.
FEHLFUNKTION
Aber was ist das? Die kühl-pelzige Haptik weicht einer höllischen Hitze. Das gleichförmige Summen wird zum Pfeifkonzert, der Geschmack wird vertraut – ohne dass ich ihn sofort zuordnen könnte, der gekrümmte, neundimensionale Raum morpht zum Oval. Wortfetzen tönen wie durch eine überdimensionierte, jede Kreativität im Ansatz erstickende Megaphonanlage verstärkt, in meinem gepeinigten Geist: „Stadienfolge“ – „Stadion“. Dem mittlerweile saftigen, dann wieder leicht herben Geschmack ordnen sich ebenfalls Wortassoziationen zu: „Teufelswurst“ – „Karlsberg“. Was passiert da? Was soll das? Mein Blick trübt sich. Das Hologramm-Panel des Computers wirft ein Warnsignal aus: Akut drohende Dekohärenz des Quantenstroms! Abschalten, ich muss das Ding abschalten! Panik überkommt mich! Der Laserstrahl brennt in meinem Augapfel. „Der Betze brennt“ schießen mir weitere Wortfetzen durch den Kopf. Was geht hier vor? Ich muss… abschalten. Es tut so… weh! Das schmeckt jetzt nicht mehr nach Teufelswurst, das ist einfach nur noch der bittere Geschmack des totalen Scheiterns.
…
Plötzlich ist alles wieder da! Wie konnte ich DAS nur vergessen? So, als wäre es nie Teil meines Lebens gewesen. Nun ist die Erinnerung klar und deutlich: Es ist wieder der 15. Mai 2016, 17:18 Uhr. Abpfiff am Millerntor! Das 2:2 hätte zum Klassenerhalt gereicht. Doch dann ist es Vucur, der in der 93. Minute einen eigentlich harmlosen Schuss unhaltbar für Pollersbeck ins eigene Gehäuse abfälscht. Aus, alles vorbei! Einige Spieler liegen auf dem Rasen. Daniel Halfar weint, wie einstmals Andy Brehme. Ring scherzt mit einem Paulianer und tauscht mit ihm das Trikot, während beide gut gelaunt den Innenraum verlassen.
Aus und vorbei! Längst ist klar, dass es keine Lizenz für Liga 3 geben wird und ein Spielbetrieb in der Regionalliga nicht finanzierbar ist. Die Auflösung des ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern ist beschlossene Sache.
Die Szenerie verschwimmt vor meinen Augen. Plötzlich wird mir klar, dass es keine Fehlfunktion im Quantencomputer gab. Das Gerät erfüllt zuverlässig seine Aufgabe. Es führte mich zu meiner letzten – vollständig verdrängten – Identifikation, zum letzten auf Erden, dem ich je ernsthaft verhaftet war. Ich spüre das Befremden und die Scham, diesem Phantasma eines Fußballvereins nachgerannt zu sein. Das Spiel erwies sich als Ar.schloch, der Verein als treulose bit.ch. Herzblut? Wirklich? Wie peinlich ist das denn?!
Geläutert deaktiviere ich den Quantenstrom. Nun bin ich bereit für die Extinktion! Draußen scheint die Sonne und der Himmel ist so makellos blau wie in einem nachkolorierten Urlaubs-Hologramm-Prospekt. Ich öffne den port meiner auf Level 89 gelegenen Wohnbox und lege mich in die Personendrohne. Lächelnd und mich ein wenig ertappt fühlend stelle ich fest, dass ich schon vor Monaten ausgerechnet das Extinktionszentrum Kaiserslautern gebucht und den Kurs programmiert hatte. Noch ein letztes Mal werde ich also zu jenem Berg zurückkehren, der heute eine Einrichtung trägt, die alle individuellen Erinnerungen auslöscht. Jedenfalls jene maximal 0,1%, die unsere sogenannte Individualität ausmachen.
Schon nähere ich mich dem für mich vorgesehenen „Gate West“. Lächelnd und mit mir selbst im Reinen will ich die letzten Meter ins große Vergessen absolvieren, als es plötzlich durch meinen vom Neuro-Konduktor sedierten Schädel schießt:
!!! LAUTER GEBEN NIEMALS AUF !!!
Scharf wende ich die Drohne mit einem einzigen Gedankenimpuls.
EPILOG
Der Rest ist Geschichte und euch ja bestens bekannt. 2076, also vier Jahre später, war es soweit: Das Stadion war neu errichtet und der 1. FC Kaiserslautern nahm 60 Jahre nach seiner letzten Partie bei St. Pauli den Spielbetrieb wieder auf. Es folgte eine kometenhafte Entwicklung mit vier Aufstiegen in Folge. Und dann wiederholte sich die Geschichte, wenngleich der Gegner eine Farce war: Am Samstag, dem 17. Mai 2081, gewann der 1. FC Kaiserslautern im direkten und entscheidenden Traditionsduell gegen Rekordmeister Hasenpfote Leipzig am letzten Spieltag – nach 1:4-Rückstand bis zur 58. Minute – noch mit 7:4! Und damit zugleich die Fußballmeisterschaft im German District. Und das als Aufsteiger!
Noch einmal haben wir tagelang gefeiert! Und heute, am 23. Mai 2081, meinem 122. Geburtstag, werde ich die Extinktion wirklich vollziehen. Denn nun ist es kein Aufgeben mehr! Nun habe ich die Gewissheit, dass ein Teil jener 0,1%, die meine Individualität ausmachen, die Extinktion überstehen werden. Denn der Verein wird weiterleben!
Es wird nach Teufelswurst schmecken. Und nach Karlsberg. Und nach einem kleinen gallischen Dorf inmitten der Westpfalz. Und nach der süßen Todsünde jeglicher spirituellen Erleuchtung und eines jeglichen Feng Shui: IDENTIFIKATION! Also nach dem, was dem Leben Würze verleiht, anstatt sich pelzig-kühl wie Bose-Einstein-Kondensat anzufühlen. Kein gekrümmtes, neundimensionales Raumempfinden, vielmehr ein Oval mit rechteckigem Rasen drin. Nicht in gleichmäßigem Ultra-Singsang summend, sondern je nach Spielsituation schrill pfeifend, protestierend aufschreiend oder anfeuernd. Mit unseren eigenen Liedern, die man nirgendwo sonst hört.
Habe fertig. --- EXTINKTION.
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Im Jahre des Herren 2072, für viele auch das Jahr 42 nach dem Ende der Konzernkriege, kamen die Couchisten nach 56 Jahren erstmals wieder in Kohlmeyers Wohnbox zusammen, um Vereinsneugründung und Stadionneubau zu planen. Alle hatten sie Krieg und den Zahn der Zeit überstanden – Newtrial halt besser, die anderen weniger gut. In einer von Kohlmeyers Urenkeln betriebenen Produktionszone waren die Couch und der legendäre Kühlschrank wiedererstanden und wurde das Karlsberg-Couchisten-Bräu hergestellt. Wen kümmerte es da schon, dass der auf alt designte Kühlschrank von einer künstlichen Quantensingularität mit Energie versorgt wurde und eine interne App die gesamte Bierlogistik automatisch erledigte. Selbst das penetrante Klappern des Geräts klang echt, wurde in Wirklichkeit aber durch einen eingebauten Imaginator per Gehirnwellenmodulation bei allen bis zu 5m entfernten Personen induziert.
Die Führungsriege des neuen FCK ließ den Buena Vista Social Club wie eine Truppe Pubertierender aussehen. Berti hielt den AR-Vorsitz inne. Kohlmeyer sollte in den Folgejahren zum legendären Aufstiegs- und Meistertrainer mutieren und wurde dafür mit der Kalli-Ehrennadel in Weißblech – der immerhin zehnthöchsten Auszeichnung, die der Verein zu vergeben hat – geehrt. Dick Vorn wurde Vorstandsvorsitzender. Devil till Extinction übernahm das Finanzressort – mit überschaubarem Aufgabenbereich in der neuen, geldlos funktionierenden Wirtschaft. But und Bahli besetzten die beiden hoch angesehenen, eminent wichtigen Teammanagerposten: Ihre verantwortungsvolle, zwei ganze Kerle erfordernde Kernaufgabe bestand darin, für das reibungslose Funktionieren des hochmodernen, sich selbst reparierenden und versorgenden Kühlschranks zu sorgen. Newtrial gab als „Gesicht des Vereins“ vorzugsweise launische Interviews und brachte darüber hinaus die nach seinen eigenen ästhetischen Auswahlkriterien neugestalteten Miss Universum-Wahlen als zentrales außersportliches Event auf den Berg; zumindest bis zu jenem angeblichen Skandal bei der Wahl 2078, als ihm eine Liaison mit der späteren, genau hundert Jahre jüngeren Siegerin aus den Außerweltkolonien nachgesagt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, schmälert in keiner Weise seine sonstigen Verdienste und gehört nicht hierher. Lügenpresse!
Eine Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, fürwahr.
06.04.2016 - 11:31 Uhr
Zitat von dieGraetschenFrage
Ich mag ja diesen Kolumnenscheisz nicht. Habe ich schon öfter erwähnt und will das hier auch nicht tun, um die Couchisten zu bashen. Das liegt mir zwar nicht fern, weil mir das auch Spaß macht. Aber ich will mal einen Gedankenanstoß geben.
Lest euch mal den aktuellen Artikel von Erb in der FAZ durch. Einfach nicht auf Inhalt gucken. Und vergleichen, was bezahlte Journalisten sprachlich so fertig bringen. Und was hier Hobby-Schreiber so an akrobatischen Nummern raushauen. Einfach mal drüber nachdenken.
Ich mag ja diesen Kolumnenscheisz nicht. Habe ich schon öfter erwähnt und will das hier auch nicht tun, um die Couchisten zu bashen. Das liegt mir zwar nicht fern, weil mir das auch Spaß macht. Aber ich will mal einen Gedankenanstoß geben.
Lest euch mal den aktuellen Artikel von Erb in der FAZ durch. Einfach nicht auf Inhalt gucken. Und vergleichen, was bezahlte Journalisten sprachlich so fertig bringen. Und was hier Hobby-Schreiber so an akrobatischen Nummern raushauen. Einfach mal drüber nachdenken.
Graetschen, was mich angeht: Ich mag deine bisweilen stinkige Art eigentlich sehr, weil sie mit dafür sorgt, dass es mir in diesem Forum nicht langweilig wird. Ich hab mir auch lange überlegt, ob ich auf diesen Post was entgegne, aber da Du ihn ja als "Gedankenanstoß" begreifst, habe ich mich entschlossen, es nun doch zu tun - nicht, dass du den Eindruck hast, dein Anstoß würde einfach, vielleicht sogar arroganter Weise, ignoriert.
Ich hab den Artikel von Erb in der FAZ zur jüngsten PK gelesen. Er ist in der Tat handwerklich sehr gut ausgeführt, denn er schafft es sogar, in seiner Kompaktheit nicht nur die Fakten, die es zu vermelden gibt, sondern auch die Fragezeichen und Konfliktlinien darzustellen, die sich aktuell auftun. Das schafft in dieser Kürze in der Tat kein anderer Artikel, der von dieser PK existiert.
Nur: Es ist ein Nachrichtentext. Keine Kolumne. Respektive Glosse, denn dann ist es, was wir hier mehrheitlich abliefern. Außer - gelegentlich - Berti, der bei seinen Analysen bisweilen auf Glossenstil verzichtet, wenn er's für angebracht hält.
Was die Qualität unserer Couchkolumnen angeht, kann ich dir versichern: Außer, dass sie vom Umfang her in schöner Regelmäßigkeit ausufern - passiert halt, wenn kein Redakteur mit einer Kalaschnikow hinter einem Schreiber steht und klare Vorgaben macht – sind sie inhaltlich und sprachlich durchaus auf dem Niveau dessen, was sogenannte professionelle Schreiber an Glossen abliefern.
Nichts dagegen, wenn du so etwas nicht magst - aber dann mach das bitte nicht am Amateurstatus fest. Wenn ein Vegetarier sagt, er mag keine Schnitzel, ist das ja auch okay. Nur sollte er leidenschaftlichen Schnitzelfressern nicht dann auch noch empfehlen, mal Fleischkäse zu versuchen.
Gruß,
Kohlmeyer
06.04.2016 - 17:29 Uhr
Bääm, da wurde ich aber mal krass mistverstanden
Meine Aussagen waren die folgenden:
1) Ich mag Kolumnen nicht, aber ich möchte mich zum Couching trotzdem positiv äußern
2) Betrachtet den Artikel von Erb mal NICHT inhaltlich, weil Erb kein gewöhnlicher Sportjournalist ist, sondern nah am FCK und genauso Fan wie wir. Und genauso gut informiert.
3) Einfache Sätze. Miese Struktur. Und außergewöhnlich beschränkte Wortwahl. Das ist das Ergebnis meiner Analyse des Artikels.
Was Kohlmeyer daran gut findet, verstehe ich absolut nicht. Selbst wenn man den Inhalt mitbetrachtet. Das steht in der FAZ, verdammt. Ich vergleiche das doch nicht mit Sport1 und artgleichen clickbaiting Seiten.
Es gibt drei Säulen. Informationsbeschaffung, Informationsselektion und Informationsaufbereitung. Ich habe lediglich die Aufbereitung betrachtet und da nur das Bild. Satzstruktur, Wortwahl, Fluss. Das Auge isst mit.
Dass Leute wie Gutgolf oder so das nicht verstehen, juckt mich nicht. Das erwarte ich nicht anders. Klingt arrogant. Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass sich Couchinsten dermaßen angegriffen fühlen, dass sie sich sogar am Strohhalm "toller Artikel" festhalten. Nein, der Artikel war nicht toll. Wer gut geschrieben Dinge über Fußball lesen will, der liest 11Freunde oder guckt mal ins Couching. So war das gemeint und nicht anders.
Aber es wird mir eine Lehre sein. Oder sogar eine Leere. Ich schreib künftig auch so stupide und langweilig wie Erb. Vielleicht komm isch dann aach in die Zeitung.
Meine Aussagen waren die folgenden:
1) Ich mag Kolumnen nicht, aber ich möchte mich zum Couching trotzdem positiv äußern
2) Betrachtet den Artikel von Erb mal NICHT inhaltlich, weil Erb kein gewöhnlicher Sportjournalist ist, sondern nah am FCK und genauso Fan wie wir. Und genauso gut informiert.
3) Einfache Sätze. Miese Struktur. Und außergewöhnlich beschränkte Wortwahl. Das ist das Ergebnis meiner Analyse des Artikels.
Was Kohlmeyer daran gut findet, verstehe ich absolut nicht. Selbst wenn man den Inhalt mitbetrachtet. Das steht in der FAZ, verdammt. Ich vergleiche das doch nicht mit Sport1 und artgleichen clickbaiting Seiten.
Es gibt drei Säulen. Informationsbeschaffung, Informationsselektion und Informationsaufbereitung. Ich habe lediglich die Aufbereitung betrachtet und da nur das Bild. Satzstruktur, Wortwahl, Fluss. Das Auge isst mit.
Dass Leute wie Gutgolf oder so das nicht verstehen, juckt mich nicht. Das erwarte ich nicht anders. Klingt arrogant. Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass sich Couchinsten dermaßen angegriffen fühlen, dass sie sich sogar am Strohhalm "toller Artikel" festhalten. Nein, der Artikel war nicht toll. Wer gut geschrieben Dinge über Fußball lesen will, der liest 11Freunde oder guckt mal ins Couching. So war das gemeint und nicht anders.
Aber es wird mir eine Lehre sein. Oder sogar eine Leere. Ich schreib künftig auch so stupide und langweilig wie Erb. Vielleicht komm isch dann aach in die Zeitung.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von dieGraetschenFrage am 06.04.2016 um 17:30 Uhr bearbeitet
06.04.2016 - 19:37 Uhr
Zitat von dieGraetschenFrage
Was Kohlmeyer daran gut findet, verstehe ich absolut nicht. Selbst wenn man den Inhalt mitbetrachtet. Das steht in der FAZ, verdammt. Ich vergleiche das doch nicht mit Sport1 und artgleichen clickbaiting Seiten.
Was Kohlmeyer daran gut findet, verstehe ich absolut nicht. Selbst wenn man den Inhalt mitbetrachtet. Das steht in der FAZ, verdammt. Ich vergleiche das doch nicht mit Sport1 und artgleichen clickbaiting Seiten.
Erklär ich dir gern.
Ist vielleicht tatsächlich auch mein Fehler: Ich hab die PK komplett im Live-Stream gesehen und am Tag darauf diverse Zeitungsartikel gelesen und mir auch angeschaut, WIE sie die Inhalte zusammenfassen. Die Gelegenheit hattest du vielleicht nicht. Weiß ich halt nicht.
Die PK war fast eine Stunde lang und hatte ungewöhnlich viel Inhalt zu bieten, den die Medien anschließend zusammenzufassen hatten: Angefangen bei der kurzfristigen Einberufung, die dann aber doch nicht überraschend rüberkommen sollte, sondern als "logischer Schritt", das Bemühen aller, Kuntz einen versöhnlichen Abschied zu bereiten, die Kritik und die Konfliktlinien, die dabei dann doch durchschimmerten, etwa bei der Darstellung der Finanzlage, die laut Kuntz solide ist, was die neuen Verantwortlichen so nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren wollten, dabei auch nicht "herumeiernd" rüberkommen wollten, die Fragen nach Nachwuchsleistungszentrum und erneuter Mietreduzierung, aber auch die Vorstellung der Neuen, der Auftritt von Gries, wie er sich gekonnt als "FCK-Junkie" verkaufte und viel griffig-emotionalen Stoff zum Zitieren bot, und darüber hinaus galt es, auch nochmal die Hintergründe aufzuzeigen, weswegen Kuntz überhaupt vorzeitig geht, denn so nett, wie alle miteinander umgingen, mochte man gar nicht glauben, dass hier eine vorzeitige Trennung vollzogen wurde, die inhaltliche Gründe hatte.
Dies alles in den 100 bis 120 Zeilen unter zu bringen, die Tageszeitungsschreiber maximal zur Verfügung haben, und das möglichst einfach, klar und verständlich, so dass auch ein Leser, der die Vorgeschichte nicht so intensiv verfolgt hat wie wir, auch noch was kapiert, ist sauschwer. Und tatsächlich: Von den Artikeln, die ich gelesen habe, ist Erb der einzige, der er es geschafft hat, alles, was ich oben geschrieben habe, wenigstens anzureißen. Bei allen anderen fehlt irgendwo was.
Insofern ist das für mich ein guter Artikel, der als zusammenfassender Bericht auch nicht besser geschrieben sein muss, auch nicht in der FAZ.
11Freunde lese ich auch mit Vergnügen: Porträts, die versuchen, ein bisschen tiefer zu gehen, Interviews abseits der üblichen 08/15-Fragen, essayistische Betrachtungen, witzige Glossen und, und, und... Aber es nennt sich nicht umsonst "Magazin für Fußballkultur". Schlichte Informationsversorgung über den Lieblingsverein ist was anderes, kann und darf gern einfacher gestrickt sein und hat andere Qualitätsansprüche. Da Vergleiche anzustellen, verhält sich wie die Sache mit den Äpfelchen und den Birnen.
Ansonsten: Wenn dein Post unterm Strich ein Lob für die Couch sein sollte - vielen Dank. So richtig zu durchschauen war's allerdings nicht. Insofern find ichs auch nicht so gut, denen, die's nicht kapiert haben, zu unterstellen, sie wären zu blöd, deine subtile Form der Ironie zu verstehen.
Aber egal. Das ist ein anonymes Forum, und du bist, wie du bist. Und, wie schon gesagt: Normalerweise habe ich mit deiner "stinkigen" Art auch kein Problem. Deine Posts sind wenigstens nie langweilig. Und das ist ja auch ein Qualitätskriterium.
Gruß,
Kohlmeyer
06.04.2016 - 19:51 Uhr
Alla, na gut. Ich werde es mir Hintern die Binsen schreiben.
Eine kleine Anmerkung sei noch erlaubt. Ich habe niemals behauptet, dass diejenigen, die meine Beitrag nicht verstanden haben, blöd sind. Es hat mich lediglich bei Leuten wie Gutgolf nicht verwundert. Das ist ein Unterschied. Ein großer Unterschied. Ich halte mich nämlich selber nicht für außergewöhnlich schlau. Aber es gibt hier im Forum genug User, die sich sehr viel Mühe geben beim unterbieten. Und das obwohl sie vielleicht schöner, schlauer und erfolgreicher sind als ich. Vielleicht haben sie sogar einen größeren Pipan. Umso verwerflicher, nicht wahr
Eine kleine Anmerkung sei noch erlaubt. Ich habe niemals behauptet, dass diejenigen, die meine Beitrag nicht verstanden haben, blöd sind. Es hat mich lediglich bei Leuten wie Gutgolf nicht verwundert. Das ist ein Unterschied. Ein großer Unterschied. Ich halte mich nämlich selber nicht für außergewöhnlich schlau. Aber es gibt hier im Forum genug User, die sich sehr viel Mühe geben beim unterbieten. Und das obwohl sie vielleicht schöner, schlauer und erfolgreicher sind als ich. Vielleicht haben sie sogar einen größeren Pipan. Umso verwerflicher, nicht wahr
08.04.2016 - 23:23 Uhr
Jahrgang 6 - Ausgabe 30: Warten auf Kohlmeyer
Ah, ihr seid das. Na wo ihr schon mal da seid, kann mir mal einer von euch einen Schraubenzieher reichen?
Dass der Kohlmeyer seinen Kühlschrank abschließt ist ja schon normal. Aber nun auch noch den Redaktionskühlschrank? Das geht zu weit. Bahli hat erklärt, wir hätten soviel Leser verloren, dass mit den Ressourcen nun sparsamer umgegangen werden müsse. Trotzdem sei die "Couchingzone" inzwischen doch viel besser aufgestellt als vor ein paar Jahren. Nur, warum müssen wir dann sparen? Und was glaubt ihr hat Bahli dann getan? Genau. Aber der kann mich mal. Und ihr könnt mir etwas zur Hand gehen.
Eine der Dinge über die sich Berti in den letzten Jahren sehr häufig geärgert hat, ist übrigens die inflationäre Verwendung des Begriffes "Ära". Das Wort beschreibt laut "Wikipedia" nichts weniger als ein "Zeitalter" oder gar eine eigene "Zeitrechnung". Es passt also nur in den seltensten Fällen wenn es um das Wirken einer einzelnen Person geht. Und schon gar nicht sollte es am Anfang eines neuen Abschnitts verwendet werden, der dann schneller wieder beendet ist, als so mancher Huldiger vorher denken mochte.
Kann mir mal einer die Zange da vom Tisch geben?
Grundsätzlich habe ich aber ein ganz anderes Problem. Meine Muse ist weg. Halt - es ist nicht das was ihr denkt. Also nicht, dass er meine Muse gewesen wäre. Aber jetzt kommt's. Diese erste Kolumne nach dem Abgang fällt ausgerechnet mir zu. Ob es das Schicksal so wollte? Na das ist wohl eher dem Bahli geschuldet. Laudere war der einzige von uns der gelegentlich in die Zukunft schauen konnte. Und das auch nur wenn er seltsame Rituale im Pfälzer Wald vollzog oder alte Eintrittskarten geraucht hat.
Feile bitte.
Aber es ist schon verrückt. Ich bin einst wegen ihm in den Verein eingetreten und nun ist er - etwas überhöht formuliert, wegen mir quasi aus dem Verein ausgetreten. Kann man mit Berti also nicht in einem Verein sein?
Ich weiß es nicht. Ich persönlich mag mich ja ganz gern. Aber diesen Kühlschrank bekomme ich nicht auf. Hammer bitte.
Nichtsdestotrotz muss ich nun darüber schreiben. Aber ich weiß nicht wie. Und ich weiß nicht was. Ich kann schließlich nichts über Popsongs schreiben, wie Meister Bahli. Und auch die Tasse als dampfende Göttin hatten wir schon. Sogar das "Prinzip Stevens" wurde hier schon erklärt. Was bleibt denn da noch? Nun, ich könnte über zwei Landstreicher schreiben, die an irgendeinem gottverlassenen Flecken auf irgendjemanden warten, der aber nie kommt. Genau wie meine Muse. Wenn ich jedoch genau darüber nachdenke, hat auch das schon jemand getan.
Wie dem auch sei, ich habe das Schlusswort. Bevor ihr euch jetzt aber bei Bahli beschwert, möchte ich anmerken, dass ich gar nicht glaube, dass das letzte Wort in dieser Sache bereits gesprochen ist. Und ich glaube auch nicht, dass ausgerechnet ich das sprechen sollte. Vor allem aber brauche ich eine Inspiration.
"Will'ste ein Bier?"
"Kohlmeyer! Du kommst wie gerufen. Ich habe eine Schreibblockade."
"Nimm erstmal einen Schluck. Dann geht es gleich besser."
In der Tat es geht mir wirklich etwas besser. Nur fällt mir halt nichts ein. Und wenn ihr jetzt keine Ideen habt, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als unseren Redaktionsveteranen um Hilfe zu bitten. Na, habt ihr also was? Dachte ich mir.
"Kohlmeyer, ich habe das Schlusswort. Aber ich weiß irgendwie nicht was ich schreiben soll."
"Ach Berti, schreib doch einfach über das Ende einer Ära."
Jetzt wo er es sagt, klingt es irgendwie sinnvoll. Denn egal wie man dazu steht, was auch immer man darüber denken mag, am Montag ist in Kaiserslautern eine Ära zu Ende gegangen. Ich muss nur noch ein wenig daran feilen wie ich das rüberbringen kann.
Gruß Berti
Auf der Couch sitzen einige Spezialisten mit großem und mit kleinem Piepdings. Einige stehen für das Ende. Und andere für den Anfang. Und alle liefern immer pünktlich. Nur Berti verschläft seine Termine in letzter Zeit gelegentlich. Und gelobt Besserung.
Ah, ihr seid das. Na wo ihr schon mal da seid, kann mir mal einer von euch einen Schraubenzieher reichen?
Dass der Kohlmeyer seinen Kühlschrank abschließt ist ja schon normal. Aber nun auch noch den Redaktionskühlschrank? Das geht zu weit. Bahli hat erklärt, wir hätten soviel Leser verloren, dass mit den Ressourcen nun sparsamer umgegangen werden müsse. Trotzdem sei die "Couchingzone" inzwischen doch viel besser aufgestellt als vor ein paar Jahren. Nur, warum müssen wir dann sparen? Und was glaubt ihr hat Bahli dann getan? Genau. Aber der kann mich mal. Und ihr könnt mir etwas zur Hand gehen.
Eine der Dinge über die sich Berti in den letzten Jahren sehr häufig geärgert hat, ist übrigens die inflationäre Verwendung des Begriffes "Ära". Das Wort beschreibt laut "Wikipedia" nichts weniger als ein "Zeitalter" oder gar eine eigene "Zeitrechnung". Es passt also nur in den seltensten Fällen wenn es um das Wirken einer einzelnen Person geht. Und schon gar nicht sollte es am Anfang eines neuen Abschnitts verwendet werden, der dann schneller wieder beendet ist, als so mancher Huldiger vorher denken mochte.
Kann mir mal einer die Zange da vom Tisch geben?
Grundsätzlich habe ich aber ein ganz anderes Problem. Meine Muse ist weg. Halt - es ist nicht das was ihr denkt. Also nicht, dass er meine Muse gewesen wäre. Aber jetzt kommt's. Diese erste Kolumne nach dem Abgang fällt ausgerechnet mir zu. Ob es das Schicksal so wollte? Na das ist wohl eher dem Bahli geschuldet. Laudere war der einzige von uns der gelegentlich in die Zukunft schauen konnte. Und das auch nur wenn er seltsame Rituale im Pfälzer Wald vollzog oder alte Eintrittskarten geraucht hat.
Feile bitte.
Aber es ist schon verrückt. Ich bin einst wegen ihm in den Verein eingetreten und nun ist er - etwas überhöht formuliert, wegen mir quasi aus dem Verein ausgetreten. Kann man mit Berti also nicht in einem Verein sein?
Ich weiß es nicht. Ich persönlich mag mich ja ganz gern. Aber diesen Kühlschrank bekomme ich nicht auf. Hammer bitte.
Nichtsdestotrotz muss ich nun darüber schreiben. Aber ich weiß nicht wie. Und ich weiß nicht was. Ich kann schließlich nichts über Popsongs schreiben, wie Meister Bahli. Und auch die Tasse als dampfende Göttin hatten wir schon. Sogar das "Prinzip Stevens" wurde hier schon erklärt. Was bleibt denn da noch? Nun, ich könnte über zwei Landstreicher schreiben, die an irgendeinem gottverlassenen Flecken auf irgendjemanden warten, der aber nie kommt. Genau wie meine Muse. Wenn ich jedoch genau darüber nachdenke, hat auch das schon jemand getan.
Wie dem auch sei, ich habe das Schlusswort. Bevor ihr euch jetzt aber bei Bahli beschwert, möchte ich anmerken, dass ich gar nicht glaube, dass das letzte Wort in dieser Sache bereits gesprochen ist. Und ich glaube auch nicht, dass ausgerechnet ich das sprechen sollte. Vor allem aber brauche ich eine Inspiration.
"Will'ste ein Bier?"
"Kohlmeyer! Du kommst wie gerufen. Ich habe eine Schreibblockade."
"Nimm erstmal einen Schluck. Dann geht es gleich besser."
In der Tat es geht mir wirklich etwas besser. Nur fällt mir halt nichts ein. Und wenn ihr jetzt keine Ideen habt, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als unseren Redaktionsveteranen um Hilfe zu bitten. Na, habt ihr also was? Dachte ich mir.
"Kohlmeyer, ich habe das Schlusswort. Aber ich weiß irgendwie nicht was ich schreiben soll."
"Ach Berti, schreib doch einfach über das Ende einer Ära."
Jetzt wo er es sagt, klingt es irgendwie sinnvoll. Denn egal wie man dazu steht, was auch immer man darüber denken mag, am Montag ist in Kaiserslautern eine Ära zu Ende gegangen. Ich muss nur noch ein wenig daran feilen wie ich das rüberbringen kann.
Gruß Berti
Auf der Couch sitzen einige Spezialisten mit großem und mit kleinem Piepdings. Einige stehen für das Ende. Und andere für den Anfang. Und alle liefern immer pünktlich. Nur Berti verschläft seine Termine in letzter Zeit gelegentlich. Und gelobt Besserung.
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