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Die Couchingzone

13.08.2010 - 13:19 Uhr
Die Couchingzone |#1651
26.02.2016 - 23:33 Uhr
Ganz toll, Kollege Bahli, wunderbar! Jetzt gehe ich mit einer Depression ins Wochenende und male mir dann morgen früh auch wieder die Sonnenstrahlen schwarz. Große Klasse, allerfeinstes Kino! Gut gemacht, alte Pussi! Kannst stolz auf dich sein...

... liebe Grüße und klopf dir selbst so richtig auf die Schulter. Herzlichst, dein Stefan Kuntz

•     •     •

"And what can I tell you, my brother, my killer?
What can I possibly say?
I guess that I'll miss you. I guess, I'll forgive you.
I'm glad you stood in my way.
If you ever come by here for Jane or for me -
Well, your enemy's sleeping. And his woman is free.
Yes, and thanks for the trouble you took from her eyes.
I thought it was there for good - so I never tried."
(Leonard Cohen)
Die Couchingzone |#1652
27.02.2016 - 09:15 Uhr
Ich zumindest hatte scheinbar eine übertriebene Erwartungshaltung. An Stefan Kuntz! Dachte doch glatt, der führt uns wieder in die BuLi und stabilisiert uns da. Mit welcher Armee? Na, z.B. mit einem Top-3-Etat über mehrere Jahre hinweg. Und Zuschauerzahlen, die lange zu den allerbesten in den europäischen zweiten Ligen gehörten.

Und ich bekenne mich eines typisch deutschen, antidemokratischen Impulses für schuldig! Ich fand es nämlich gut, dass er zu Beginn seiner Amtszeit tabula rasa gemacht und alle Positionen mit Leuten seines Vertrauens besetzt hatte. Dachte tatsächlich, wir bräuchten in der damaligen Situation den berüchtigten "starken Mann", der den Verein eint.

Am Ende dieses Prozesses stand das, was immer mit Autokraten passiert: Sie können nicht (mehr) delegieren, erst recht nicht loslassen und leiden unter zunehmendem Realitätsverlust. Nachts wachen sie schreiend auf, weil eine Heerschar rot-weiß gemusterter kleiner Ratten an ihren Zehen nagt. Und sie ständig auf der Hut sein müssen, weil allenthalben Heckenschützen lauern. Und ihre charismatische Volkstümlichkeit verkommt mehr und mehr zum schäbigen Medientrick - fehlt nur noch, dass sie kleine Kinder küssen und in die Kamera halten.

Was wir für Lehren ziehen können? "No country for lonesome cowboys!" Stattdessen eine lebendige Fan-und Mitgliederöffentlichkeit, die von den Verantwortlichen Rechenschaft fordert und pluralistisch über die Vereinsentwicklung rässoniert.

Warum Stefan acht Jahre lang mit zunehmender Erfolglosigkeit weiter schalten und walten konnte? Weil wir diese Vereinsöffentlichkeit genau NICHT hatten. Weil wir erst in diesem Prozess zu einem "schwierigen Umfeld" geworden sind, während es vorher unisono hieß: "Ich vertraue da voll und ganz auf Stefan Kuntz". Wir haben keineswegs zu viel gemotzt, sondern im Gegenteil viel zu lange tatenlos zugesehen, was unser "gerechter Herrscher" so macht. Die Mistgabeln blieben viel zu lange in der Scheune!

Jetzt aber ist es fast vorbei! Je nach Temperament sehen die Foristen die Sache bereits distanziert oder verkämpfen sich noch im SK-Thread. Ich gehöre zu den distanzierten.

Der wichtigste Satz in Bahlis Abrechnung ist der:

Zitat von bahli77
Ich hänge an diesem Scheißverein. Meine Entziehungskur in den letzten Wochen und Monaten war eine Farce.


Welcome home! smile Ich hoffe, das macht Schule und nach und nach findet sich die ein wenig in alle Winde verstreute Fangemeinschaft wieder in der Nähe des Vereins ein. Leidensfähigkeit wird man zwar weiterhin mitbringen müssen - und die gehört schließlich auch zum FCK-Gen. Aber es wäre schön, zumindest nicht mehr unter der eigenen Vereinsführung leiden zu müssen.

Wäre dies nicht die Couchingzone, sondern der SK-Thread, hätte ich mir diese lange Kommentierung schenken können und Bahlis Couching einfach nur als nicht mehr ergänzungsbedürftiges Abschlusswort nehmen können. "Kann zu!" wäre dann der treffende Kommentar gewesen. Aber noch ist Stefan ja im Amt.

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Dieser Beitrag wurde zuletzt von Newtrial am 27.02.2016 um 09:40 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#1653
29.02.2016 - 10:39 Uhr
Englische Woche, es geht Schlag auf Schlag:



Jahrgang 6 – Ausgabe 25

THE DIG DEEP

von Devil_till_Death


Seit Tagen lag der Regen schwer über der grauen Stadt. Der Herbst hatte das letzte Grün schon lange verschluckt und was blieb, war ein bleierner Schatten von Leben. Marlowe streifte seinen Trenchcoat über, zog den Fedora tief in die Stirn, ging entschlossen hinaus in die Straße und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Klienten.

Sein letzter Job lag kaum eine Woche zurück und er erinnerte sich noch lebhaft an die erste Unterredung mit seinem Auftraggeber, einem internationalen Unterhaltungskonzern. Es hätte ihn schon gleich zu Beginn der Unterredung stutzig machen sollen, dass dieser millionenschwere Konzern als gemeinnützige Organisation geführt wurde, aber Marlowe war wieder mal knapp bei Kasse und auf den Auftrag angewiesen. Also wischte er alle Bedenken schnell weg; die wöchentlich 1000 Dollar Honorar plus Spesen konnte er gut gebrauchen. Zumal der Auftrag selbst ihn kaum vor Probleme stellen sollte: Der Konzern litt unter akuter Führungslosigkeit und Marlowe sollte die fünf Bewerber auf den Vorsitz genauer unter die Lupe nehmen und ihre Keller nach Leichen durchsuchen. Keine große Sache, nichts anderes als die Fälle, in denen er Beweise für die Schuld oder Unschuld eines vermeintlichen Ehebrechers beschaffte. Und im Grunde überhaupt kein Unterschied zu den Aufträgen, bei denen er den Hintergrund und die Vertrauenswürdigkeit künftiger Schwiegersöhne im Auftrag des Brautvaters untersuchte. Wie sehr er sich doch getäuscht hatte!

Als Marlowe in seinem Plymouth gerade den Highway erreicht hatte und er den Fall noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ, stellte es ihm die Härchen an den Armen auf. Nicht nur die Kandidaten, auch sein Auftraggeber selbst steckte bis zum Hals im Dreck von Korruption und Verbrechen. So was war ihm noch nie untergekommen. Unwillkürlich schlug Marlowe seinen Kragen hoch. Da wurden Schmiergelder für die Vermarktung der Fernsehrechte empfangen, Schmiergelder für die passenden Wahlergebnisse gezahlt, da wurde Geld veruntreut, schwarze Kassen gefüllt, bestochen und korrumpiert. Was für ein ekelhafter Laden! Und die suchten jetzt also einen neuen Vorsitzenden, nachdem der Alte mitsamt dem Großteil seiner Mischpoke aus dem Amt gejagt und teilweise hinter Gitter gesteckt wurde. Hätte er vorher gewusst, dass es der schmutzigste Job werden sollte, den er je übernommen hatte, Marlowe hätte trotz des für seine Verhältnisse exorbitanten Honorars das Weite gesucht.

Die Kandidaten selbst waren ein bunter Querschnitt durch alle Rassen und Religionen. Einer der Anwärter war ein Franzmann, der so hieß wie die Weinbrause, die Marlowe so verabscheute. Er war bereits zuvor im Konzern tätig gewesen, wurde aber aus undurchsichtigen Gründen rausgeworfen. Außerdem war er für sein Land im diplomatischen Auslandsdienst gewesen. Er setzte sich glaubwürdig für eine neue Organisationskultur, für Transparenz und Ehrlichkeit ein. Und trotzdem Marlowe während seiner Untersuchen heraus fand, dass der Mann praktisch ohne Chance auf den Vorsitz war, schien er für ihn eigentlich der geeignetste Kandidat zu sein.

Der nächste, den er unter die Lupe nahm, war ein waschechter Prinz aus dem Morgenland. Er war schon einmal angetreten, den Vorsitz des Konzerns zu übernehmen, war aber gescheitert. Und auch dieses mal, trotzdem er sich eigentlich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, sah es nicht so aus, als ob der junge Prinz eine Chance haben würde.

Dann war da ein Schwarzer aus dem tiefsten Afrika, einst ein inhaftierter Widerstandskämpfer gegen ein unterdrückerisches Regime. Dieser hatte sich zum Multimillionär hochgearbeitet, als habe er den amerikanischen Traum mit der Muttermilch aufgesogen. Was Marlowe zunächst einen gewissen Respekt einflößte, wandelte sich aber bald in das genaue Gegenteil: Unterschlagung, Korruption, Briefkastenfirmen, Blutdiamanten – mit diesen vier Bällen hatte der ehrenwerte Mann jongliert und sie lange genug in der Luft gehalten, so dass jeder staunte und nicht hinter die Kulissen seiner billigen Schmierenkomödie zu blicken wagte. Und dieser Aushilfs-Capone wollte den Vorsitz des Konzerns übernehmen? Für Marlowe undenkbar.

Zweifel überkamen Marlowe auch bei dem Kandidaten aus der Schweiz. Dieser war der Wunschkandidat der mächtigen Europäer und kurzfristig für seinen aus dem Verkehr gezogenen Ex-Chef eingesprungen. Zwar hatte er sich die unschuldige Maske des unwissenden Lakaien aufgesetzt, aber Marlowe traute dem Braten nicht. Denn auch der eloquente Schweizer bediente sich derselben Mittel, die schon seinen Landsmann zuvor auf den Chefsessel gehoben hatten: Er versprach einfach allen wichtigen Wählern mehr Geld, mehr Macht und mehr Prestige. Ob dieser Mann ein geeigneter Vorsitzender wäre? Marlowe konnte sich das nicht so recht vorstellen.

Aber den Vogel schoss ein weiterer Araber ab. Ebenfalls aus königlichem Haus, erschien dieser Mann Marlowe als ebenso wenig ehrenwerte Figur: Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen, Duldung von Verhaftungen und Folterungen von Demonstranten während des arabischen Frühlings. Selbst Sportler, die der Mann in seiner Funktion als Vorsitzender des asiatischen Regionalverbandes eigentlich hätte schützen müssen, wurden zu Opfern dieser Brutalität – so stellte sich Marlowe sicher nicht den neuen Vorsitzenden des Großkonzerns vor.

Als er der Wahlkommission voll grauer Anzüge und ebenso grauen Männern seine Ergebnisse präsentierte, lag betretenes Schweigen in der Luft. Marlowe schnürte es den Hals zu, er hatte das Gefühl, man würde ihn lebendig begraben. Dann aber brandete Applaus auf, er wurde gelobt und ihm wurde auf die Schulter geklopft. Man bedankte sich für die gute und sorgfältige Arbeit. Man wisse nun genau, wen man zu wählen habe und wen nicht.

Marlowe empfing seinen Scheck und schüttelte ein paar lasche und schwitzige Hände. Er war kein großer Psychologe, aber er hatte den Eindruck, dass die vielen Gesichter, die ihm entgegen lächelten, sich zu diesem Lächeln zwingen mussten. Vielleicht, so dachte Marlowe kurz, lag es ja am üppigen Honorar, das auf seinem Scheck aufgedruckt war. Immerhin war der Betrag höher als alles, was er in den letzten drei Jahren zusammen verdient hatte. Im Grunde könnte er sich jetzt zur Ruhe setzen und mit Myra endlich die Ferien in Acapulco verbringen, die sie sich immer gewünscht hatte. Vielleicht könnte er auch für immer in Acapulco bleiben. Scheidungsfälle und zwielichtige Schwiegersöhne würde es ja auch unter der angenehmen Sonne Mexikos geben. Trotzdem verließ er das Kongresszentrum mit einem Gefühl von Unbehagen. Er traute den grauen Männern und deren Urteilsvermögen nicht. Der Regen war stärker geworden und auch der Wind hatte aufgefrischt.

Marlowe zwang sich, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Der neue Auftrag , der vor ihm lag, brauchte seine volle Konzentration. Reflektieren konnte er immer noch, wenn ihn die mexikanische Sonne briet. Wieder war sein Klient in spe ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche. Hatte er sich durch ein bisschen Schnüffelei zum Experten fürs Showbiz hochgearbeitet? Hatten seine letzen Auftraggeber ihn weiter empfohlen? Er war sich nicht sicher, dachte aber auch nicht lange darüber nach. Er freute sich auf einen weiteren gut dotierten Scheck.

Erste Zweifel überkamen Marlowe, als er vor dem Hauptquartier seines Klienten aus seinem Plymouth DeLuxe ausstieg. Das Gebäude mag ja vor Jahren mal modern und wegweisend gewesen sein, aber inzwischen sah selbst ein Blinder die Risse im Gemäuer, die undichten Scheiben, die unverputzte Außenhaut. Als er flüchtig über die Stadt hinweg sah, die sich im Tal vor seinen Füßen ausbreitete, lag sie genauso grau und düster unter ihm wie die seine. Er rückte seinen Fedora zurecht, richtete seine Krawatte und betrat das Innere des schmucklosen Baus. Es empfingen ihn verwaiste Büros, auf den Gängen schlurften desillusionierte Gestalten herum, keiner schien ihn überhaupt wahrzunehmen.

Als er an dem Büro anklopfte, das man ihm am Fernsprecher genannt hatte, rief ihn eine Stimme nach kurzem Warten herein. Marlowe öffnete die Tür und betrat den kahlen Raum, der nur einen Schreibtisch, einen ledernen Drehsessel, zwei ungemütlich wirkende Stühle, einen kleinen Beistelltisch und einen Aktenschrank beherbergte. »Setzen Sie sich, Herr Marlowe«, bat ihn der freundliche Mann, der sich als Vorsitzender des Aufsichtsrates zu erkennen gab. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.« »Warten wir es ab«, entgegnete Marlowe nonchalant. »Ich habe schon zu viele Leute getroffen, die ihre Meinung schneller wechseln als ich meine Unterhosen.« Nikolai Riesenkampff, so hieß der dynamisch auftretende Mann, runzelte die Stirn. Er bot Marlowe einen Drink, den dieser gerne annahm. »Ich hoffe nicht, dass ich meine Meinung werde ändern müssen, Herr Marlowe. Ich bin ein Mann, der seine Grundsätze gedenkt einzuhalten.« Marlowe konnte eine gewisse Sympathie nicht verhehlen. »Was wollen Sie von mir«, kam Marlowe zur Sache. »Es ist ein beschissenes Wetter in ihrer K-Stadt und obschon ich so ein Sauwetter gewohnt bin, hätte ich nix dagegen, so schnell wie möglich meine Aufgabe zu erledigen und mich wieder aus dem Staub zu machen.« Riesenkampff setzte ein breites Lächeln auf, das sein schmuckloses Büro beinahe zum Glänzen brachte. »Sie gefallen mir, Philipp. Ich darf Sie doch Philipp nennen? Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack! Gut, kommen wir zur Sache!«

Riesenkampff fing an, die Geschichte seiner Organisation herunter zu beten. Er erzählte vom Krieg, von harten Zeiten, von einem Zauberer und seinen vier Gefährten. Er sprach vom Überleben als Maus im Löwenkäfig, von unerwarteten Erfolgen, vom nahen Tod und der triumphalen Auferstehung. »Sehen Sie, Philipp, wir sind eine ganz besondere Organisation mit ganz besonderen Anhängern. Wir glauben nicht an Wunder, wir wissen, dass es sie gibt.« Marlowe kam sich vor, als säße er seinem Beichtvater gegenüber. »Aber in letzter Zeit», so fuhr Riesenkampff fort, »in letzter Zeit ist unser seit Jahrzehnten gepflegtes Weltbild gefährlich ins Wanken gekommen.« Riesenkampff drehte sich in seinem ledernen Sessel dem Fenster zu. »Sie haben bestimmt schon die Stadt da unten gesehen. Aber es ist nicht nur diese Stadt, die sich an uns aufrichtet – es ist eine ganze Region. Es sind eine Million und mehr Menschen, die ihre Lebensqualität an unserer Arbeit messen. Dem müssen wir gerecht werden. Und das ist uns in den letzten Jahren nicht mehr gelungen.« Marlowe überkam ein ungutes Gefühl, während Riesenkampff sich wieder zu ihm umdrehte. Er beugte sich langsam über den mit Papieren übersäten Schreibtisch zu Marlowe hinüber, der unwillkürlich sein Glas Bourbon fester griff.

Eindringlich sah ihm Riesenkampff in die Augen. Er sprach langsam und mit Nachdruck. »Wir müssen das Ruder herum reißen, Philipp. Wir müssen das Ruder herum reißen. Zum Wohle meiner Organisation, zum Wohle der Stadt, zum Wohle der Menschen!« Marlowe nahm einen Schluck. Er schmeckte bitter. »Wie kann ausgerechnet ich ihnen helfen« fragte er. »Ich kenne hier niemanden, ich habe keine Kontakte in der Gegend, wie sollte ich ihnen helfen können?« Riesenkampff lehnte sich zurück und legte seine Arme auf die Lehnen seines Drehsessels. »Genau deshalb, Philipp, sind Sie der richtige Mann. Sie kennen hier niemanden? Ich sage: Gut, denn niemand kennt Sie! Sie haben hier keine Kontakte? Ich sage: Umso besser, denn niemand wird Sie in Ihrer Unvoreingenommenheit beeinflussen können! Sie fragen sich, wie Sie mir helfen können? Ich sage: Sie schickt der Himmel!« Marlowe wurde flau im Magen. So hatte er sich damals gefühlt, kurz bevor er Vivian kennen und lieben gelernt hatte. Und auch da war er in große Schwierigkeiten gekommen.

»Gut Nikolai – ich darf Sie doch Nikolai nennen?» Riesenkampff nickte lächelnd. »Gut Nikolai, sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen der Himmel geschickt hat. Und sagen wir, ich sei der Mann, der Ihnen helfen kann. Sagen Sie mir dann auch endlich, was zum Henker Sie eigentlich von mir wollen?« Sein Gegenüber schälte sich langsam aus seinem Sessel, breitete die Arme leicht aus und setzte zu einem weiteren Monolog an. Er erzählte vom Beinahe-Ruin und wie eine Lichtgestalt plötzlich die klapprige Bühne betrat. Er erzählte von einer wundersamen Rettung, von der Renaissance der kleinen Firma, ihrem plötzlichen Höhenflug und einem jähen Absturz. Marlowe wunderte sich, wie sehr die Menschen am Schicksal dieses kleinen Boulevardtheaters Anteil nahmen. Aber er war fremd hier, er verstand die Menschen nicht. Das Einzige, was sie verband, war der graue Regen und die Gräue der Stadt. Marlowe musste sich zwingen, Riesenkampff bei seinen Ausführungen zu folgen und nicht in seinen eigenen Gedanken hängen zu bleiben. Als Riesenkampff begann, von der finanziellen, personellen und sportlichen Fehlplanung der Lichtgestalt zu dozieren, unterbrach ihn Marlowe plötzlich: »Nikolai, kommen Sie bitte zur Sache, mir brummt schon der Schädel. Ich habe verstanden, dass ihre Firma in Stadt und Land tief verwurzelt ist, dass sie immer der Underdog gewesen ist, dass sie aus dieser Rolle heraus erfolgreich gewesen ist, dass sie irgendwann das Glück verließ, dass sie von einem alten Helden wieder reanimiert wurde, dass dieser Held sich aber nicht als Heiland heraus gestellt hat und in Kürze wohl gehen wird. Aber verschwenden Sie jetzt nicht länger meine Zeit, Nikolai, und sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen!«

Riesenkampff nahm wieder in seinem dick gepolsterten Sessel Platz und beugte sich über seinen Schreibtisch. »Wir brauchen einen Sportchef und einen Marketingvorstand, Philipp. Und Sie sind der Mann, der sie für uns finden soll.« Marlowe kam es so vor, als erlebe er ein Déjà-vu. »Dieses Leute müssen Fachkompetenz mitbringen und möglichst unvoreingenommen an die Arbeit gehen. Sie sollten ein dickes Fell haben und Kritik standhalten können. Einschlägige Berufserfahrung ist ein Muss, nicht so wichtig ist es, ob sie einen großen Namen haben, den Menschen hier bekannt sind oder gar hier schon mal tätig waren. Eigentlich wäre es am Besten, wenn sie hier noch nicht gearbeitet hätten. Das verwirrt die Menschen nur.« Riesenkampff lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Marlowe mit durchdringendem Blick an. »Philipp, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße und ich brauche die besten Leute, die wir uns leisten können. Wir müssen auf Teufel komm raus wieder in die Top-15 unserer Branche, sonst fliegt uns der Laden in den nächsten Jahren um die Ohren.« Riesenkampff machte eine kurze Pause. »Philipp, Sie sind der wichtigste Mann in meinem Masterplan. Sie können es schaffen, diese Leute zu finden, davon bin ich überzeugt. Was halten Sie davon?«

Marlowe nahm den letzten Schluck seines inzwischen wässrig gewordenen Bourbons. Die Eiswürfel waren geschmolzen und auch Marlowe fühlte sich, als schmölzen ihm die Knie. Trotzdem erhob er sich aus seinem Sessel. Er hatte sich Gedanken gemacht, während Riesenkampff über seine Lage und die seiner Organisation referierte. »Nikolai, ich weiß nicht, ob ich der richtige Mann für Sie bin. Ihr Vertrauen in meine Arbeit ehrt mich, aber mein letzter Job in ihrer Branche war kein Zuckerschlecken. Mit so viel Schmutz, Lügen und dunklen Geschäften bin ich in meiner ganzen Laufbahn als Privatdetektiv nicht in Berührung gekommen.« Marlowe stellte sein Glas ab, griff zu seinem Trenchcoat und setzte seinen inzwischen wieder trockenen Fedora auf. »Ich brauche ein bisschen Bedenkzeit, Nikolai. Ich melde mich bei Ihnen.« »Sie haben drei Tage, Philipp, die Zeit drängt.« Riesenkampff reichte Marlowe die Hand und mit einem gewinnenden Lächeln verabschiedete er ihn.

Marlowe stieg in seinen Plymouth und dachte kurz über das Treffen nach. Der Mann schien wirklich in einer verzweifelten Lage zu sein. Darüber konnte weder sein Auftreten noch sein Überzeugungstalent hinweg täuschen. Aber Marlowe mochte ihn irgendwie. Und die Aufgabe war reizvoll und auch finanziell würde sie sich für ihn lohnen. Als Marlowe die Stadtgrenzen passierte, ließ auch der Regen langsam nach und die Sonne schob sich zwischen den schwarzen Wolken durch. Sie vertrieb auch Marlowes grüblerische Gedanken. Er schaltete den Empfänger ein, den er von seinem letzten Honorar in seinen Wagen hatte einbauen lassen. Es hatte sich gelohnt, die 15 Dollar extra für das Luxusmodell zu investieren; das Duke Ellington Orchestra klang so viel besser, wenn der Empfang klar und störungsfrei war. Marlowe versank förmlich in der Musik und hing seinen Tagträumen nach. Myra und er am Strand von Acapulco, er mit einem kühlen Corona, sie mit ihrem Gin and Tonic. Nur langsam drang die Stimme des Ansagers zu ihm vor, doch plötzlich, wie durch einen Blitzschlag wurde er aus seinen Träumen gerissen:

»… hat in Zürich die FIFA-Vollversammlung Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa aus Bahrein zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Er setzte sich mit 124 zu –«

Marlowe schaltete benommen das Radio ab. Die Information zuckte in seinem Kopf hin und her. Wie konnte das sein? Den Kandidaten, der am meisten Dreck am Stecken hatte, den machten diese Knallchargen zu ihrem neuen Anführer? Er konnte es nicht glauben. Fassungslos steuerte Marlowe seinen Wagen an den Straßenrand. Er stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Aber auch der heiße Rauch vermochte ihn kaum zu beruhigen. Doch er fasste einen Entschluss. Marlowe warf die nicht mal halb gerauchte Zigarette weg, setzte sich wieder in den Wagen, fuhr zur nächten Telefonzelle, warf einen Vierteldollar ein und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete man sich nach kurzer Zeit. »1. FC Kaiserslautern, Nikolai Riesenkampff.« »Ich bin es Nikolai, Marlowe.« »Philipp, wie schön, so schnell von Ihnen zu hören« sagte Riesenkampff hörbar erfreut. »Schießen Sie los.« »Nikolai«, entgegnete Marlowe mit entschlossener Stimme, »suchen Sie sich einen anderen Clown für den Job. Ich habe schon viel erlebt und gesehen und ich dachte, mich könne wirklich nix mehr überraschen. Aber Ihre Branche schlägt alles, was ich an Stumpfsinn, Ignoranz und Dummheit je erlebt habe. Verstehen Sie mich nicht falsch, Sie sind ja ein netter Kerl, und der Scheck, den Sie mir ausgestellt hätten, der wäre für viele Männer meines Schlags Grund genug, über Leichen zu gehen. Aber auch ich habe meine Grundsätze, und auch ich gedenke diese einzuhalten. Ich bin nicht der Erfüllungsgehilfe für die Spielchen, die in Ihrer Branche gespielt werden. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei Ihrer Suche, aber ich bin aus der Nummer raus!«

Marlowe ließ Riesenkampff nicht mal mehr zu Wort kommen und hängte den Hörer in die Gabel. Wie von einer Last befreit stieg er in seinen Wagen, ließ den Motor an und schaltete das Radio wieder ein. Der Weg nach Hause war lang und er sehnte sich nach Myra. Aber wenigstens schien wieder die Sonne.

_________________________

Auf der Couch brauchen wir keinen schwarz-weißen Privatdetektiven. Wo Kohlmeyers Bier steht, das wissen wir und wer es leer säuft, kann er sich auch von alleine denken. Und um uns daran zu erinnern, dass wir uns vor jedem verdammten Spieltag auf die Spur des Falken begeben, dafür brauchen wir auch keinen Helden aus der Schwarzen Serie.

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Autoritäre Herrschaft braucht keine Superschurken, die sie von langer Hand planen. Sie ist schlichtweg die bequemste Art, Komplexität zu reduzieren.
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Das Leben ist die Schule, der Schmerz ist der Lehrer.

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Devil_till_Death am 29.02.2016 um 10:55 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#1654
29.02.2016 - 17:22 Uhr
Das ist ein Skandal! Wir haben kein Geld und unser ARV will einen Privatdetektiv mit Honoraren zuscheizzen, für die andere seiner Branche morden würden? Riesenkampff raus! schief

Ein Glück, dass Marlowe abgelehnt hat! Das ist der FCK in echt, nicht FIFA auf der playstation. rolleyes

Schockierend, was Dtd hier mal wieder aufgedeckt hat! Unschuldig

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Die Couchingzone |#1655
29.02.2016 - 20:16 Uhr
Ich liebe diese oskarverdächtigen Serie-Noir-Krimis a la "Tote spielen keine Raute" oder "Manche mögens schwarz-weiß". In diesem Film kann man das Schwarz-Weiß förmlich riechen. Und nach dem Film kommen die Spätnachrichten, die Nationalhymne und das Testbild.

Der wahre Oscar geht an D_t_D ... danke, Mann ...

Cheers
Bahli

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#1656
02.03.2016 - 08:46 Uhr
Liken Sie bitte den üblichen Verdächtigen.

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"Du kannst auf deinen Verein stolz sein, aber eigentlich nicht auf die Tatsache, ein Fan dieses Vereins zu sein. Denn die Fan-Werdung vollzieht sich bekanntlich ähnlich wie die sexuelle Orientierung: Da kommt etwas über dich, das du nicht beeinflussen kannst. (...) . Du kannst deinem Verein nicht einfach die Gefolgschaft kündigen. Du kannst deinem Verein nicht den Tritt versetzen. (...) Du kannst deinen Verein nicht einfach loslassen, denn er hält an dir fest."
Thomas Brussig
Die Couchingzone |#1657
03.03.2016 - 15:44 Uhr
Jahrgang 6, Ausgabe 26

LOOKING FOR ERIC - ODER: DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF

Ein Mann um die 50, einfacher Postbote in Manchester, hat sich in seinem Leben festgefahren. Seine beiden Stiefsöhne sind Kleinkriminelle, die immer tiefer von der Unterwelt aufgesogen werden, von seiner Frau ist er vor Jahren im Unfrieden auseinander gegangen, und dass er sich jetzt mit ihr die Betreuung des gemeinsamen Enkelkinds teilen soll, verstört ihn noch mehr. Er leidet unter Panikattacken, verursacht dabei einen Autounfall, landet vorübergehend im Krankenhaus. Als er sich nicht mehr beschissener fühlen kann, erscheint ihm sein Fußballidol. Es wird zu seinem imaginierten Ratgeber, hilft ihm, wieder mit seiner Ex-Frau klarzukommen und auch, seine Kinder wieder auf die rechte Bahn zu führen.

Die Filmfans haben es schon erkannt: Kohlmeyer hat seinen turnusgemäßen Inselurlaub zum Jahresbeginn genutzt, um tonnenweise Bücher und Filme zu konsumieren. Und ist auf „Looking for Eric“ gestoßen, dieser grandiosen britischen Filmkomödie mit dem noch grandioseren Eric Cantona.

Was Kohlmeyer fast zu Tränen rührte: Wie der Film zeigt, welche Bedeutung Fußball für den einfachen Mann immer noch haben kann, wie seine Helden ihren Fans Kraft und Hoffnung geben, ja, sogar ihrem Leben einen Sinn geben können.

Denn: Der Film stammt, wohlgemerkt, von 2009. Damals war der Fußball schon längst Industrieprodukt geworden und von korrupten Blattern gezeichnet. Arabische Scheichs legten sich Premier League-Klubs zu wie Kohlmeyer einst Matchboxautos, „Sky“ diktierte die Anstoßzeiten in den Amüsierbetrieben, die früher einmal Fußballstadien waren, Loddar Matthäus vögelte osteuropäische Migrantinnen und laberte gemeinsam mit Boris Becker in sogenannten Expertenrunden mehr Scheizze, als Heribert Faßbender es selbst im Zenit seiner Verblödung vermocht hatte.

Und dennoch: Es gab auch 2009 noch Menschen, die es für Wert hielten, einen solchen Film zu machen – weil sie glaubten, dass der Fußball für andere Menschen immer noch diesen Wert haben kann.

Dass man Fußball immer noch lieben kann.

Okay, damals hatten sich deutsche Loserklubs noch zu keiner „Mittelstandsvereinigung“ zusammengefunden, die offenbar entschlossen ist, auch noch das letzte fruchtbare Spermium Sportlichkeit im Bundesligawix zu töten. Weil sie infolge Jahre währender, sachverständiger Impotenz den Anschluss an die florierenden fußballernden Bordellbetriebe verloren haben, wollen sie jetzt verhindern, dass kleinere Vereine an ihnen vorbeiziehen – und setzen sich dafür ein, dass Zweitligaklubs nicht mitverdienen, wenn beim Aushandeln der neuen Fernsehverträge demnächst der deutsche Fußball in eine neue wirtschaftliche Dimension geschwurbelt werden soll, damit er „international wettbewerbsfähig“ bleibt und Scheizz - nicht, dass noch mehr Darmstädte an den Fischköpp und den Schäufele vorbeiziehen, am Ende sogar noch, weil sie mehr rennen, kämpfen und sich klüger dranstellen, wo kommen wir denn da hin, am Ende denken die noch, das wäre Sport…

Mann o Mann, manchmal wünscht sich Kohlmeyer schon, die Hells Angels würden den FCK übernehmen, die wüssten nämlich, wie man gegenüber solchen „Wettbewerbern“ die eigenen Interessen wahrt.

Und dennoch: Die Leute, die 2009 „Looking for Eric“ drehten, würden den Film auch 2016 noch drehen. Wahrscheinlich wieder mit Cantona, weil sich seither kein Idol mehr gefunden hat, dass die Titelrolle zeitgemäßer ausfüllen könnte. „11Freunde“ etwa zeigt in der aktuellen Ausgabe ein Foto von Lionel Messi, wie er mit seinen Anwälten seinem Prozesstermin wegen Steuerhinterziehung entgegenstiefelt: eine Gruppe Männer in einer Reihe, die alle nahezu identische dunkle Anzüge tragen, und dazu die Bildunterschrift „Reservoir Dogs“… Doch, das passt, hat aber nichts „Looking for Eric“ zu tun“.

Kohlmeyer hat auch mal überlegt, mit welchem deutschen Fußballer man eine teutonische „Looking for Eric“-Version drehen könnte. Mit Franz Beckenbauer? Da wäre nicht zu unterscheiden, ob tatsächlich der Kaiser oder doch nur Olli Dittrich mitspielt. Mit Gerd Müller? Würde wohl eher „Leaving Las Vegas“ bei rauskommen. Am ehesten funktionierte eine Comedy-Version mit Mario Basler – „Super-Mario“ gesellt sich an die Seite eines Spießers, dessen Leben zwar geordnet, aber todlangweilig ist, bringt ihm Saufen, ***** n, Zocken, Rauchen, Dummbabbeln und eine perfekte Schusstechnik bei, und am Ende des Films steht die Erkenntnis: Gute Buben kommen in den Himmel, böse überall hin.

Wer eigentlich Kohlmeyers persönlicher Cantona wäre? Vermutlich Ronnie Hellström. Von allen FCK-Heroen in Kohlmeyers fast 40-jährigen Fan-Dasein der beständigste, angenehmste, authentischste. Das Problem: Ronnie hat eigentlich nie viel geredet. Wär irgendwie auch nicht gut, weil eine zu stumme Rolle für, sagen wir mal Mads Mikkelsen.

Dennoch: Man kann den Fußball auch heute noch lieben.

Es gibt zum Beispiel den Live-Ticker von 11Freunde. Der einem eine neue Form des Fußballkonsums erschließt – neue Medien können also durchaus auch Sinnvolles leisten ist. Indem abgedrehte Schreiber so tickern, dass man sich selbst über Siffspiele noch verömmeln kann. Beispiel: „Der FC spielte in der ersten Halbzeit glücklos, in der zweiten hilflos. Klingt, als wäre es mein Leben.“

Und es gibt Mannschaften wie Leicester, die dem ganzen „Geld schießt Tore“-Gedöns einfach den blanken Ar.sch entgegenstrecken – und trotzdem Meister werden. Mit Spielern wie James Vardy, der schon als Jugendspieler elektrische Fußfesseln trug und in Auswärtsspielen früh ausgewechselt werden musste, damit er rechtzeitig zurück im Jugendknast war… Doch, der hat durchaus das Zeug, ein paar Jahren eine Neuauflage von „Looking for Eric“ zu tragen.

Und es gibt immer noch Spieler wie Leroy Sane, denen man einfach gerne zuguckt, wenn sie mit dem Ball am Fuß losmarschieren. Okay, der trägt ein blaues Trikot. Aber bei Osei-Kwadwo, da empfindet Kohlmeyer ähnlich. Der Manni müsste halt mal wieder spielen.

Und, ja: Selbst in einer öden Saison wie dieser hat es unser Team immer mal geschafft, tiefe Gefühle in Kohlmeyer zu wecken. Etwa in Bochum, als es in den letzten Minuten das 2:1 über die Zeit zu zittern galt – da spürte man doch, dass man noch lebt. Oder beim Sieg in Leipzig, in dem Moment, in dem Deville das 2:0 macht - der hat den gesamten Restsonntag so überirdisch strahlen lassen, dass nicht einmal ein schlechter Tatort ihn verdüstern konnte. Oder beim 4:0 über den Tiger, der nun Schiffbruch erlitten hat.

Den gleichen Tiger übrigens, mit dem Kohlmeyer kurz darauf schon wieder mitfühlte, als er von einem gewissen Ralf R. angepisst wurde. Hat der sich doch darüber echauffiert, dass der Tiger gegen seine roten Bullen mit einer Taktik wie vor 30 Jahren gespielt hätte. Dabei hat er in die Kamera geguckt, als sei er als Jugendlicher von seinem Therapiedelphin vergewaltigt worden. Manndeckung, wo gibt’s denn sowas noch, soll das am Ende Sport sein?

Überhaupt: Wie die Underdogs, die nicht immer ästhetisch schöne Mittel wählen, um sich gegen die böse Übermacht zu behaupten, neuerdings von dieser Saat des Bösen wegen „unschönen Spiels“ angemacht werden, so, als würden sie in der vornehme Tischrunde, in der sie ohnehin nur gnädiger Weise sitzen dürfen, immerfort laut furzen… Als ob das Gekicke der Mittelstandsvereinigung ästhetisch anspruchsvoller wäre.

Aber nein, auch das wird Kohlmeyer nicht die Liebe zu diesem Sport vermiesen können, es wird ihn nur noch stärker mit den Underdogs mitfühlen lassen.

Kohlmeyers Wahlheimat Mainz hat übrigens jetzt einen neuen „Stadtschreiber“, was immer genau das auch sein soll. Der hat in seinem Antrittsinterview erklärt, er sei Fußballfan, gucke sich aber nur noch die unteren Klassen an, über Liga 3 sei’s für ihn nicht mehr zu ertragen, das sei nur noch ***** ngewerbe. Scheint ein guter Mann zu sein, der sich obendrein auskennt, spielt sein Roman „Im Stein“ doch im ostdeutschen Puffmilieu. In, ohne Scheizz, Leipzig. Kann das denn Zufall sein?

Womit Kohlmeyer nicht sagen möchte, dass sein FCK erst noch weiter absteigen muss, bis der Fußball für ihn wieder erträglich wird. Er will nur damit sagen: Die Liebe muss nicht enden, wenn es noch weiter abwärts geht. Auch wenn die Glücksmomente, die diese Mannschaft uns beschert, seltener geworden sind, und auch nicht mehr so lange andauern. Dafür müssen wir sie umso bewusster auskosten.

In einem anderen Interview hat Huub Stevens unlängst erzählt, dass er ab und zu noch Rudi Assauer besuche – und gelegentlich erkenne er bei seinem alten Weggefährten ein Flackern im Auge... Da, glaube er, erkenne der Rudi ihn wieder und erinnere sich an die gemeinsamen Euro-Fighter-Zeiten. Selbst in Alzheimerscher Dunkelheit gibt es gelegentlich also noch Licht.

Schließen wir mit Paulus und seinem berühmten Post an die Korinthenkacker:

„Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird“.

Und ergänzen wir diese klugen Worte mit einem wohlmeinenden und verschmitzten:

F.ick dich, Rangnick.

Amen,
Kohlmeyer

In der Couchingzone haben sich sowieso immer alle lieb.

•     •     •

"Du kannst auf deinen Verein stolz sein, aber eigentlich nicht auf die Tatsache, ein Fan dieses Vereins zu sein. Denn die Fan-Werdung vollzieht sich bekanntlich ähnlich wie die sexuelle Orientierung: Da kommt etwas über dich, das du nicht beeinflussen kannst. (...) . Du kannst deinem Verein nicht einfach die Gefolgschaft kündigen. Du kannst deinem Verein nicht den Tritt versetzen. (...) Du kannst deinen Verein nicht einfach loslassen, denn er hält an dir fest."
Thomas Brussig

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Kohlmeyer am 03.03.2016 um 15:50 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#1658
03.03.2016 - 20:43 Uhr
Jetzt fange ich gerade an, mich mit der Ausweglosigkeit allen fußballerischen Seins abzufinden und offenen Auges mutig auf den Drittliga-Tunnel am Ende des Lichtes zuzusteuern, da kommt der Kohlmeyer daher und weckt wieder neue Hoffnungen in einem.

Was denn? Soll ich mich jetzt etwa mit Leicester, Darmstadt oder dem Deppen-Sieg bei den Bazis trösten? Und jubeln, dass all das, was einmal für den FCK möglich war, auch heute immer noch geht - nur halt nicht mehr für uns?

Nee, nee, ich bleibe vorläufig dabei, dass die Welt gerade untergeht! Sollten wir wider Erwarten die kommenden vier Spiele in Folge gewinnen, beteuere ich dann, immer schon ein cooles System unseres Trainers erkannt zu haben (Dtd. ist mein Zeuge!) und rechne heimlich in der Nacht den Abstand zu Platz 3 aus.

Ganz großes Kino, dieses Couching, u.a.auch die Abrechnung mit Ralle, dem Klassenfeind:

Zitat von Kohlmeyer
Dabei hat er in die Kamera geguckt, als sei er als Jugendlicher von seinem Therapiedelphin vergewaltigt worden. Manndeckung, wo gibt’s denn sowas noch, soll das am Ende Sport sein?


Persönlich sehr vertraut ist mir zudem folgender Spruch:

Zitat von Kohlmeyer
Die Liebe muss nicht enden, wenn es noch weiter abwärts geht.


Und was mich ganz besonders emotional berührt hat - ein Stück weit, möchte ich sagen - ist der besinnliche Abschluss dieses Couchings, den wir alle erst einmal an uns heranlassen, nicht sogleich verwerfen und verurteilen sollten:

Zitat von Kohlmeyer
F.ick dich, Rangnick.


Es sind halt immer wieder die leisen Töne, die überzeugen!

•     •     •

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Dieser Beitrag wurde zuletzt von Newtrial am 03.03.2016 um 21:11 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#1659
04.03.2016 - 10:16 Uhr
Danke Kohlmeyer für diese Erleuchtung. Ich habe mich schon immer gefragt, warum Ralf R. so seltsam schaut, wenn er redet ...

Und da ich mit dem geschätzten Kollegen Kohlmeyer sowieso immer d'accord gehe, schließe ich mich seinem Schlusssatz gerne an: F.ick dich, Rangnick!

Cheers
Bahli

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#1660
04.03.2016 - 17:16 Uhr
Ein gleichsam anrührender wie auch politisch unkorrekter Start ins Wochenende. grins

•     •     •

"And what can I tell you, my brother, my killer?
What can I possibly say?
I guess that I'll miss you. I guess, I'll forgive you.
I'm glad you stood in my way.
If you ever come by here for Jane or for me -
Well, your enemy's sleeping. And his woman is free.
Yes, and thanks for the trouble you took from her eyes.
I thought it was there for good - so I never tried."
(Leonard Cohen)
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