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Die Couchingzone

13.08.2010 - 13:19 Uhr
Die Couchingzone |#1831
24.10.2016 - 16:46 Uhr
Vic, ich danke dir, dass endlich jemand in meinen Kopf geschaut und beschrieben hat, was da drin vorgeht. Ich weiß, es ist dein Kopf - es könnte aber wirklich auch meiner sein.

Zitat von Vic Dorn
Für meine aktuelle Distanziertheit zum Verein werde ich mich nicht rechtfertigen. Ich heiße sie auch nicht gut. Ich stelle einfach fest, dass sie da ist.

Besser kann man das gar nicht ausdrücken. Ich will auch gar nicht nach den Gründen suchen - das ist mir zu komplex und selbst in einer Doktorarbeit nicht darstellbar.

Ein großartiges Couching!

Cheers
Bahli

P.S.: Ich bin seit gestern aus dem Urlaub zurück, deshalb mein Dank etwas verspätet ...

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#1832
24.10.2016 - 17:19 Uhr
Ein absoluter Wahnsinn, dieses Couching. Es spricht einem FCK-Fan so sehr aus dem Herzen, du glaubst es nicht.

Ich möchte diese Zeilen nochmals hervorheben, da Sie nicht nur im Sinn, sondern auch in Wort und Klang ein absoluter Augenschmaus sind:

Zitat von VicDorn
Der 1. FC Kaiserslautern von 1900, das war für mich ein loderndes, heiliges Feuer voller Sphärenklang, das mir das Herz erwärmte und mich in seinen Glanz kleidete, mich als Mensch auf eine höhere Selbstwertstufe hievte. Der FCK war ein ballgewordenes Heilversprechen, freudig vibrierende Glücksseligkeit mit der häßlichen Nebenerscheinung gelegentlicher Niederlagen. Niederlagen mit dem galligen Beigeschmack, dass man vom eigenen Objekt der Anbetung verraten worden ist - bis dann nach wenigen Stunden wieder die Gewissheit eintrat, dass am nächsten Spieltag alles besser wird. Er war überirdisch schön, der FCK. Göttlicher als jedes Gottkonzept, egal von welcher Religion. Dementsprechend überhöhte ich – vor allem in Gespräch mit „Ungläubigen“ – alles, was den FCK ausmachte und übertrieb in meinen Schilderungen, indem ich alles schöner färbte als es sowieso schon war: Die Stimmung im Stadion, die Zuschauerzahlen, den Geschmack der Stadionwurst (damals war ich noch nicht Vegetarier), die Schönheit unserer Spiele, die Schönheit unserer Tore, die Friedlichkeit unserer Fans. Da wurde alles, was sowieso schon schön war, ganz gnadenlos noch schöner gefärbt. Bilderbuch-Verein FCK.


Dazu dieses Interview, dass wohl so einige hier mitlesenden mit sich selbst führen würden. Es zeigt auch so ein bisschen den Kampf Herz gegen Kopf, welcher sich in ein Fan-Sein eigentlich gar nicht einzumischen hat!
Vielen Dank für deine Zeilen.

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Bellinghausen trieb den Ball auf der linken Seite nach vorne und flankte. McKenna missglückte der Abwehrschlag, der Ball prallte Simpson vor die Füße, der aus elf Metern ins linke untere Eck einschoss (70.).
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"Die Security filzt jedesmal meinen Jutebeutel, aber sie finden nur feinste Demeter-Qualität." __Verkehrtfunk
Die Couchingzone |#1833
25.10.2016 - 09:25 Uhr
Lieber Vic,

das "Lesenswert" Nummer 20 hast Du eben von mir bekommen. Warum erst heute? Weil ich an diesem Wochenende mal ein paar Dinge anders machen wollte als ansonsten. Damit stand das Couching nach dem Spiel auf dem Programm und es hat gefruchtet. Zum damaligen Gefühl, das Du so wortreich und gewitzt be- und umschreibst, gehörte nämlich auch diese ungesunde Portion "Aberglaube", der mit der Magie und den Wundern mitschwang. Heute überlegst du am Spieltag wahrscheinlich nicht mehr, welches Lied du in den CD-Player schiebst oder welches paar Socken es anzuziehen gilt, vorausgesetzt du weißt überhaupt, dass es ein Spieltag ist.

Vielen Dank für die tolle Lektüre!

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SAPERE AUDE
- Wage es, weise zu sein -

oder nach Immanuel Kant
"Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Butduma am 25.10.2016 um 09:26 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#1834
28.10.2016 - 11:27 Uhr
Leute, ich schaffe es nicht, bis High Noon meine Kolumne einzustellen. Ich war diese Woche ein bisschen im Stress und bin erst gestern Nachmittag dazu gekommen, damit anzufangen und sie ist schlicht noch nicht fertig. Möglich, dass ich sie erst morgen zum Abschluss bringe, ich versuche aber, das Ganze heute noch zu schaffen. Sorry!

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Autoritäre Herrschaft braucht keine Superschurken, die sie von langer Hand planen. Sie ist schlichtweg die bequemste Art, Komplexität zu reduzieren.
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Das Leben ist die Schule, der Schmerz ist der Lehrer.
Die Couchingzone |#1835
28.10.2016 - 11:38 Uhr
Buuhhhh! Früher hätte der Pate für so etwas Gürtel verteilt... mit Stacheln... innen....

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SAPERE AUDE
- Wage es, weise zu sein -

oder nach Immanuel Kant
"Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Die Couchingzone |#1836
28.10.2016 - 11:58 Uhr
Jaja, ich sitz ja grad dran. Aber es wird halt länger, als ich zu Beginn geplant hatte. Bin inzwischen bei über 3000 Wörtern. Ich versuch ja ein Ende zu finden, aber es gibt so viel zu erzählen …

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Autoritäre Herrschaft braucht keine Superschurken, die sie von langer Hand planen. Sie ist schlichtweg die bequemste Art, Komplexität zu reduzieren.
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Das Leben ist die Schule, der Schmerz ist der Lehrer.
Die Couchingzone |#1837
28.10.2016 - 13:24 Uhr
Zitat von Devil_till_Death
Jaja, ich sitz ja grad dran. Aber es wird halt länger, als ich zu Beginn geplant hatte. Bin inzwischen bei über 3000 Wörtern. Ich versuch ja ein Ende zu finden, aber es gibt so viel zu erzählen …

Teufel auch, es war mal die Rede von 3.000 Zeichen - soll ich dir vielleicht beim virtuellen Binden helfen? Du bist echt der Thomas Mann der Couchingzone ... tongue

Cheers
Bahli

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#1838
28.10.2016 - 13:50 Uhr
Zitat von Devil_till_Death
Jaja, ich sitz ja grad dran. Aber es wird halt länger, als ich zu Beginn geplant hatte. Bin inzwischen bei über 3000 Wörtern. Ich versuch ja ein Ende zu finden, aber es gibt so viel zu erzählen …

Wenn du aufhören würdest Wörter zu zählen, wär das Ding schon längst online... Unschuldig Reingefallen

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„Das Größte, was man erreichen kann, ist nicht, nie zu straucheln, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“ (Nelson Mandela)
„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)
„Ein Spiel zu gewinnen ist leichter, wenn man gut spielt, als wenn man schlecht spielt.“ (Johan Cruyff)
„Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen, mit Geld, das wir nicht haben.“ (Richard David Precht)
Die Couchingzone |#1839
28.10.2016 - 14:21 Uhr
Boah, seid ihr gemein, jetzt lasst den armen Dtd. doch mal das Ding runterschreiben. Klar, wenn er sich nicht ständig hier rechtfertigen müsste, die Füße im Gebabb'l stillhalten, und uns im Finanz-Thread nicht ständig untersagen würde, den Grünewalt zu beleidigen, wäre sein Couching-Buch jetzt schon im Lektorat, wenn nicht sogar schon im Layout. Unschuldig Aber so... tonguegrinsoops

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nginx
Die Couchingzone |#1840
28.10.2016 - 20:49 Uhr
Jahrgang 7, Ausgabe 12

VOM WEITERREICHEN DER FACKEL

von Devil till Death


Heiner war ein FCK-Fan alter Schule. Als Junge in den trüben 60er-Jahren wurde er Anhänger, als Fritz Walter noch in recht frischer Erinnerung war, die herrschende Spielkultur am Betze aber mehr von Holzbeinen als feinen Füßen geprägt wurde. Die ersten richtigen Erfolge erlebte er als junger Mann in den 70ern, als man erstmals im Europapokal spielte und die Bayern aus dem Stadion jagte. Er hatte als Fan alles erlebt. Meisterschaften, Pokalsiege, Abstiege und Fast-Abstiege.

Inzwischen war aus Heiner ein alter Mann geworden. Weißes, akkurat gelegtes Haar, ein ebenso weißer und akkurat getrimmter Schnauzbart, gepflegte Kleidung – ein Best-Ager im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kinder aus dem Haus verbrachte er seine Tage bei der Gartenarbeit, er spielte gerne mit der Katze und am Abend trank er ab und an einen einfachen halbtrockenen französischen Landwein. An den Wochenenden unternahm er mit seiner Frau lange Spaziergänge durch seine schöne pfälzische Heimat und traf sich mit seinen Freunden am Sonntagmorgen in der Dorfschänke am Stammtisch zum Frühschoppen mit Kartenspiel.

Heiner war ein besonnener Zeitgenosse. Nur in den seltenen Fällen, wenn ihm wirklich etwas zu Herzen ging, dann war es mit seiner Ruhe vorbei, dann konnte er auch schon mal aufbrausend werden. So wie in den Fällen, wenn es um seinen FCK ging.

In letzter Zeit jedoch hatte Heiner den Bezug zum FCK verloren. Er schaute sich seine alte Liebe an und konnte sie nicht mehr erkennen. Heiner sagte, dass das nicht mal so sehr an den Spielern liege oder der neuen Vereinsführung. Auch nicht an der alten. Er sagte, dass mit dem Alter eben die Distanz zu Dingen wachse, die er nicht beeinflussen könne. Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Heiner, der Anfang der 90er im Freudentaumel der Leitfigur des FCK, diesem bodenständigen und sympathischen Schnauzbartträger, der im Übrigen Heiner durchaus ähnlich gesehen hatte, zujubelte und dem er Jahre später in anderer Position sein Vertrauen schenkte, hatte man bitter enttäuscht. Heiner hatte erkennen müssen, dass Wunschdenken, Anspruch und Wahrheit oft auseinander klaffen. Aber was ihm im alltäglichen Leben durchaus schon bewusst gewesen war, das musste er nun auch bei seiner großen Liebe, dem FCK entdecken. Und das hatte Heiner nicht überwinden können.

Gegenüber Atze Friedrich war er trotz der Meisterschaft schon immer skeptisch gewesen, Jäggi hatte er von Anfang an für einen Schaumschläger gehalten, aber von seinem Helden Stefan Kuntz, der ihm einst nach einem Spiel sogar sein Trikot schenkte und es später noch signierte, von dem hatte er mehr erwartet. Und dessen Amtszeit war es letztlich, die Heiner von seinem FCK entfremdete.

Der neuen Führung um den Finanzfachmann Klatt, dem Marketingexperten Gries und dem Sportchef Stöver stand Heiner zwar aufgeschlossen gegenüber, aber er erwartete nichts mehr von ihnen. Sie hatten seinen Segen, denn Heiner wusste, dass er ja sowieso nichts ändern könne. Es gäbe Dinge, die müsse man einfach laufen lassen.

Das sagte Heiner, als ihm eines Morgens im April der Arzt mitteilte, dass er Krebs habe. Unheilbar.

Heiner war daraufhin mit seiner Frau auf eine lange Reise aufgebrochen. Sie wollten gemeinsam noch einmal alle Orte besuchen, die sie im Laufe ihres Lebens zusammen bereist hatten. Und die, die sie noch nicht gesehen hatten. Heiner blühte während der vier Monate fern von der Heimat auf. Er tankte neue Kraft. Es schien, als wolle er sich nicht einfach seinem Schicksal ergeben und die Zeit abwarten, die ihm noch blieb. Er wusste nicht, was mit ihm geschah, dass etwas mit ihm geschah, aber etwas in ihm veränderte sich.

Als die beiden nach ihrer Rückkehr gemeinsam zum Einkaufen waren und in einem kleinen Café in der Stadt des 1. FCK saßen, kamen vier Knirpse in das Café, um sich mit Süßgebäck einzudecken. Plunderstückchen, süße Brezeln, Apfeltaschen. Heiner schenkte den vieren keine besondere Aufmerksamkeit, er fühlte sich nur ein bisschen gestört, weil er gerade mit seiner Frau angeregt über den neuesten Klatsch und Tratsch seines Heimatdorfs diskutierte. Er nahm die Jungs nur aus dem Augenwinkel wahr. Doch plötzlich genossen sie seine ganze Aufmerksamkeit: Die vier waren in die Trikots ihrer Lieblingsvereine gekleidet. Und was Heiner da sehen musste, das versetzte ihm einen Stich ins Herz. Der eine, ein dunkelhaariger, etwas dicklicher Junge trug ein Trikot vom FC Barcelona. Der neben ihm, ein hagerer Blonder, eins von Borussia Dortmund. Der dritte, ein schwarzhaariger Junge mit südländischem Einschlag, eins von Bayern München. Und der letzte in der Reihe, der schon erste Pickel, ein bisschen strähniges braunes Haar und einen leichten Bartflaum hatte, trug ein Trikot von RB Leipzig.

Noch vor wenigen Monaten wäre Heiner das egal gewesen. Es wäre ihm vielleicht nicht mal aufgefallen. Aber jetzt war es anders. Heiner fasste sich ein Herz und rief die Jungs an seinen Tisch. Die vier guckten sich fragend an, was der Alte wohl von ihnen wolle, aber Heiner konnte sie überzeugen, kurz an den Tisch zu kommen. Er wolle ihnen nur eine Frage stellen. Warum die Jungs kein Trikot vom FCK an hätten, wollte Heiner wissen. Schonungsloser hätte die Antwort nicht sein können und es stimmt wohl das alte Sprichwort, dass Kindermund Wahrheit kund täte. Zwei guckten verdutzt, die anderen beiden kicherten und gaben Heiner zu verstehen, dass der FCK ein Loser-Verein sei und nur Loser ein FCK-Trikot hätten. Sie seien schließlich coole Jungs und der FCK sei alles andere als cool. Aber wie sie sich denn mit Vereinen identifizieren können, die keinen Bezug zur Region hätten, die sogar aus dem Ausland kämen, die sie niemals im Stadion live gesehen und die Atmosphäre erlebt hätten, wollte Heiner wissen. Ihnen sei das völlig egal, entgegnete da der FC Barcelona. Regional oder nicht, der Erfolg zähle für sie. Die großen Spieler. Die coolen Sponsoren. Das viele Geld. Der FCK, der sei … nun ja, von gestern.

Heiner nickte kurz, bedankte sich bei den vieren und sie strömten auf die Straße hinaus. Heiner blickte seiner Frau tief in die Augen. Und er fasste einen Entschluss. Seine letzten Tage wolle er nicht auf der Couch verbringen. Nicht im Garten. Er wolle noch einmal etwas Großes tun. Etwas bewegen. Etwas verändern. Heiner war beseelt von seiner Idee. Nichts würde ihn davon abhalten.

Schon am nächsten Tag zog Heiner seinen alten Bollerwagen aus dem Schuppen. Er war zwar schmutzig und über und über mit Spinnnetzen verwebt, aber unter dem Dreck und Staub der Jahre noch völlig intakt. Heiner zog ihn hinaus ins Freie und begann, ihn mit dem Gartenschlauch abzuspritzen. Als er sauber und wieder trocken war holte Heiner die Farbe hervor, die er extra gekauft hatte. Heiner machte sich ans Werk. Sein Nachbar beäugte ihn neugierig und fragte, was er denn vor habe. Doch Heiner hatte eine Ausrede parat. Nur er und seine Frau wussten von Heiners Vorhaben. Und so sollte es zunächst auch bleiben. Früh genug würden alle wissen, was Heiner im Schilde führte.

Der Wagen sah umwerfend aus. Die Beschläge hatte Heiner mit silbernem Lack gespritzt, Räder und Ladefläche waren so schwarz, dass sie die Sonne zu verschlucken schienen und darüber leuchteten die abwechselnd rot und weiß gestrichenen Streben des Aufbaus um die Wette. Heiner war zufrieden. Morgen konnte es los gehen.

Am Morgen des nächsten Tags verstaute Heiner seinen Seesack mit Wäsche und eine Holzkiste von der Größe eines alten Röhrenfernsehers auf dem Wagen. Außerdem lud er noch einen Kanister Wasser, etwas Obst, zwei Ringe Dauerwurst und Knäckebrot auf. Er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg. Er zog seinen rot-weißen Bollerwagen aus der Einfahrt zur Garage, trat hinaus auf den Bürgersteig und marschierte ohne sich umzudrehen los. Er ließ alles hinter sich, was ihm lieb und teuer war. Seine Frau schaute ihm mit ein paar Tränen in den Augen hinterher, die Nachbarn standen am Fenster oder auf dem Balkon und trauten ihren Augen nicht. Ein Mann, gekleidet in dunkler Funktionshose, roter Softshelljacke und leichten Trekkingschuhen zog einen rot-weißer Bollerwagen die ansonsten ruhige und ereignisarme Dorfstraße hinunter. Heiner musste unwillkürlich lächeln, wenn er an die Gesichter seiner Nachbarn dachte und das Bild, das er abgab. Er fühlte sich gut.

Heiner war bereits zwei Tage unterwegs gewesen, als er auf einer Bank am Rande eines Feldwegs rastete. Er übernachtete in kleinen Pensionen und aß in der Dorfwirtschaft zu Abend. Niemand hatte ihn auf seinem Weg nach seinem Ziel oder seinem Tun gefragt. Und wenn er sich in den Pensionen anmeldete sagte er stets, er sei auf den Spuren seines Großvaters unterwegs, der vor Jahrzehnten ebenfalls auf diese Weise und mit diesem Bollerwagen durch Pfalz, Saarland und Lothringen gewandert sei. Mit dieser Auskunft war man auch stets zufrieden. Nun saß er auf einer Bank, hatte auf dem Tisch vor sich ein Schneidbrett liegen, auf dem er einen einen Apfel zerteilt und ein Stück der Salami abgeschnitten hatte. Er aß mit Appetit seine Wurst und sein Knäckebrot und trank dazu einen Becher Wasser. Plötzlich sah er einen anderen Wanderer des Wegs kommen. Er führte einen Hund an der Leine, irgendeine Promenadenmischung, die aber angenehmer Weise nicht zum übermäßigen Kläffen neigte. Der Spaziergänger grüßte höflich und fragte Heiner, ob er etwas dagegen habe, wenn er sich neben ihn setze. Heiner verneinte dies.

Der Spaziergänger nahm also Platz und Heiner bot ihm Wasser und eine Apfelhälfte an. Beides nahm er dankend entgegen. Die beiden kamen ins Gespräch und unweigerlich sprach der Mann Heiner auf seinen Bollerwagen an und warum er diesen durch die Lande ziehe. Er sei ein Wanderprediger, entgegnete Heiner. Und er erzählte dem anderen Mann von seiner Begegnung mit den vier Jungs im Café und dass er unterwegs sei, vom großen FCK zu berichten, seine großen Taten zu predigen, die Leidenschaft unter den Ungläubigen zu entflammen und sie unter der Fahne des FCK zu versammeln. Denn der Erfolg sei vergänglich, ebenso das Geld – und wenn dies der Antrieb dafür sei, sich einem Verein zugehörig zu fühlen, so könne dieser Antrieb mit dem Ausbleiben von Geld und Erfolg auch wieder vergehen. Aber wahre Liebe zu einem Verein, die entstünde aus emotionaler Verbundenheit. Und diese emotionale Verbundenheit, die bedinge insbesondere die räumliche Nähe, die Greifbarkeit, das Gefühl, mittendrin zu sein. Und das könne in unserer Region nun mal einzig der FCK sein.

Der Spaziergänger, ein Mann in Heiners Alter, hörte ihm zu und schüttelte innerlich den Kopf. Ob Heiner denn nicht seine Zeit für eine solch unwichtige Sache verschwende, wollte er wissen. Doch Heiner ließ sich nicht beirren und schloss aus der Frage, dass der Mann kein FCK-Fan sei. Dieser bestätigte das, denn er könne mit Fußball überhaupt nix anfangen. Und wenn, dann schaue er höchstens mal die Nationalmannschaft. Und das auch nur eher unbeteiligt. Heiner nickte. Was denn seine Leidenschaft sei, wollte er wissen. Und der Mann begann, von alten Opel zu schwärmen. Die Rekord, Commodore, die Ascona, Manta und Kadett der 60er und 70er-Jahre, das sei seine Leidenschaft. Er selbst besäße ein Opel Rekord D Coupé von 1974 in Saharagelb mit roten Velourssitzen, der 2000er S-Maschine mit 100 PS und Viergang-Knüppelschaltung. Das Auto habe inzwischen mehr als 350000 km auf der Uhr, aber laufe so zuverlässig wie am ersten Tag. Außer Verschleißteilen ohne Defekt. Opel, der Zuverlässige eben. Woher diese Leidenschaft denn käme, wollte Heiner wissen. Er habe beim Opel in Rüsselsheim gelernt, so der Mann und später sei er einer der ersten gewesen, die in Kaiserslautern angefangen hätten. Ob für ihn denn auch ein Ford, ein Benz oder ein VW in Frage käme, fragte Heiner. Der Mann schaute ihn ungläubig an. Nie im Leben würde er eine andere Marke als Opel fahren, die Firma, die ihm von der Lehrzeit bis zur Rente Lohn und Brot gegeben habe, die Firma, mit der er durch gute und durch schlechte Zeiten gegangen sei und die Firma, in der er auch seine Frau kennen gelernt habe. Opel sei Teil seines Lebens und er sei so tief mit der Marke verwurzelt, dass es für ihn nie in Frage käme, ihr untreu zu werden. Da könne man ihm einen Rolls Royce auf den Bauch binden, seine Opel würde er nicht eintauschen. Und er freue sich, dass die Firma nach vielen düsteren Jahren, in denen er um die Existenz dieses Traditionsunternehmens gebangt habe, mit ihm gezittert und gelitten habe, nun wieder auf dem Erfolgsweg sei.

Genau so sei es mit dem FCK, erläuterte Heiner. Er sei mit dem Verein ebenfalls durch dick und dünn gegangen. Er habe ihm viel seiner Lebenszeit geopfert. Viel habe der Verein auch zurück gezahlt. Mit schönen Stunden des Erfolgs, Meisterschaften, Freundschaften, Stadionerlebnissen. Auch er habe schon um die Existenz des Vereins gebangt und er müsse dies auch aktuell tun. Denn noch sei der Verein nicht auf dem Erfolgsweg, noch bliebe viel zu tun. Für die Verantwortlichen und für die Fans. Und Heiner wolle seinen Beitrag leisten. Der Spaziergänger nickte. Er verstand. Ja, so widersinnig war es nicht, was Heiner da für ein Bild zeichnete. Was er denn in seiner Kiste habe, wollte der Mann wissen. Heiner lächelte, stand auf und stellte sie auf den Tisch. Darin, so erklärte er, seien die Zeugnisse der Vergangenheit und das Vermächtnis für die Zukunft.

Heiner öffnete die Kiste und holte das Trikot heraus, das ihm Stefan Kuntz damals durch den Zaun reichte. Eine FCK-Fahne, unterschrieben von der kompletten Mannschaft der Saison 1984/85. Mehrere Fanschals, einer davon von seiner Frau selbst gestrickt. Der bekannte Meisterschaftsball aus dem Jahr 1990/91. Und neben vielen anderen Dingen holte Heiner fünf große Leitz-Ordner hervor, in denen er sein FCK-Archiv aus hunderten Zeitungsartikeln aufbewahrte. Die großen Siege, die schmerzhaften Niederlagen, Portraits der alten Helden – all dies hatte Heiner gewissenhaft gesammelt und mit genauem Erscheinungsdatum und dem Namen der Zeitung versehen, aus der er den Artikel ausgeschnitten hatte. Außerdem lagen darin die Autogrammkarten von so ziemlich jedem Spieler, der in seiner Zeit als FCK-Fan bei seinem Verein gewesen war. Zu fast jedem konnte Heiner eine Anekdote erzählen, eine kleine Geschichte, eine kurze Begebenheit. So tauschten sich die beiden aus, schwärmten über ihre jeweilige Leidenschaft, die Faszination, den Mehrwert für ihr eigenes Leben. Und sie verstanden einander. Zum Abschied schenkte Heiner dem Mann die Autogrammkarte, die ihm am meisten bedeutete. Es war die Karte seines Jugendfreunds und Schulkameraden Hermann Bitz. Die beiden hatten sich inzwischen zwar aus den Augen verloren, doch Heiner hatte die Karriere Hermanns immer verfolgt und schwärmte davon, was das für ein anständiger Kerl und guter Spieler gewesen sei. Ihm bedeutete diese alte, vergangene Freundschaft noch immer viel. Und weil ihm auch diese Begegnung viel bedeutete, entschloss sich Heiner kurzerhand, dem Mann diese Autogrammkarte zu schenken. Als sie sich trennten war so etwas wie eine innere Verbundenheit zweier Unverdrossener entstanden. Einer, der einen beinahe untergegangenen Automobilhersteller verehrte sowie einer, der einen fast untergegangenen Fußballverein verehrte. Sie verabschiedeten sich mit Handschlag und verließen Bank und Tisch in entgegengesetzte Richtungen. Der Spaziergänger mit seinem Hund an der Leine und Heiner mit seinem Bollerwagen, den er an der Deichsel hinter sich her zog.

Begegnungen wie diese waren in den folgenden Tagen keine Seltenheit. Und auch in den Pensionen und Dorfwirtschaften, in denen Heiner Abends einzukehren pflegte, legte er nun die Scheu ab, über den wahren Hintergrund seiner Wanderschaft zu erzählen. Er wurde nach dem Essen an Stammtische gebeten, wo er bei einem Glas Bier und Kartenspiel zusammen mit anderen über den FCK und den „modernen“ Fußball philosophierte. Meist war es so, dass man Heiner zu Beginn eher auslachen mochte, doch jedes mal, wenn man sich trennte, war Verständnis für Heiners Tun erwachsen. Man unterstützte ihn mit Worten und jeder, sowohl diejenigen, die den FCK ebenfalls im Herzen trugen als auch diejenigen, die eine andere Leidenschaft pflegten, versicherten Heiner ihre moralische Unterstützung. Und jedes mal, wenn man sich trennte, verschenkte Heiner eine seiner Devotionalien an seine Tischnachbarn. Es waren diese Begegnungen, die Heiner Kraft gaben und die ihn weiter wandern ließen.

Heiner war bereits zwei Wochen unterwegs gewesen, als es sich langsam in der Region herum gesprochen hatte, dass da ein älterer Mann mit seinem Bollerwagen auf der Reise sei, der an Schulen, an Kindergärten, Bolzplätzen, Dorfplätzen, überall dort seine Zelte aufschlug und die Geschichte des FCK erzählte, wo Menschen zusammen kamen. Wo insbesondere Kinder zu erwarten waren. Und die Menschen konnten es kaum erwarten, bis diese Attraktion auch ihr Dorf bereisen würde. Man wollte diesen Spinner sehen. Und jedes mal, wenn Heiner nach ein, zwei Stunden weiter zog, war plötzlich der Respekt gewachsen. Kaum einer betrachtete ihn dann noch als Spinner, kaum einer konnte sich der Magie seiner Geschichte und seiner Geschichten entziehen. Und kaum einer, der nach der Begegnung mit Heiner ihm nicht versicherte, in Zukunft auch den FCK wieder intensiver oder überhaupt erstmals verfolgen zu wollen. Der Inhalt der Kiste auf Heiners Bollerwagen wurde unterdessen immer weniger.

Inzwischen hatte auch die Lokalpresse Wind von Heiners Wanderschaft bekommen und so begab es sich, dass er eines Tages in Begleitung eines Reportes des kleinen Lokalblättchens ging. Es war ein schöner Tag gewesen und die beiden legten eine Strecke von gut und gerne 20 Kilometern zurück. Auch der Reporter, ein kleiner, untersetzter Mann von etwa 40 Jahren, dem die Anstrengung sichtlich zu schaffen machte, war ein glühender Verehrer des FCK. Auch er teilte Heiners Schicksal der Entfremdung. Als sie einen Feldweg entlang kamen stellte der Reporter beiläufig fest, dass der moderne Fußball womöglich keinen Platz mehr ließe für Vereine wie den ihrigen. Dass die Zeit, in der man als kleiner Verein noch Sensationen schaffen konnte, vielleicht einfach vorbei sei. Dass nur und einzig das Geld, nicht aber so gestrige Werte wie Kameradschaft und Zusammenhalt zum Erfolg führen könnten. Ein paar dutzend Meter weit sagte Heiner dazu nichts. Doch dann wies er den Mann darauf hin, dass Heiner selbst ja auch so etwas wie ein kleiner Verein sei. Der nichts zu bieten habe als seine Person, seine Geschichten und seine Erinnerungen. Und dass dieses Vermächtnis und seine Wanderschaft, die von vielen vielleicht als gestrig belächelt würden, dennoch dazu geführt habe, dass sich inzwischen sogar die Presse dafür interessierte. Wer habe denn damit rechnen können? Sei das nicht auch eine Sensation? Es sei zwar nicht viel, so fuhr Heiner fort, aber wenn er in die Augen der Kinder schaue, denen er gerade vom Sensationssieg gegen Real Madrid erzähle, dann sehe ein Leuchten darin. Und wenn er vom Ausscheiden gegen Barcelona erzähle, dann sehe er die Tränen. Und das zeige ihm, dass das, was er als Einzelner tue, dass die Wanderschaft eines alten Manns wie er es sei, eine Wirkung hinterließe. Und dass diese Kinder die Begegnung mit ihm lange nicht vergessen würden. Und das wiederum sei doch der Beweis, dass auch kleine und unterfinanzierte Unternehmungen wie die seine etwas ausrichten könnten. Und wenn dies auf der persönlichen Ebene gelänge, dann könne, dann müsse das auch auf der Ebene des Sports zu schaffen sein. Denn wenn er daran nicht glaube, dann hätte er auch zuhause bleiben können. Der Artikel erschien am nächsten Tag. Und zwar nicht im Lokalteil des Blatts, sondern im überregionalen Buch. Heiners Bekanntheit wuchs in dem Maße, wie der Inhalt der Kiste auf seinem Bollerwagen kleiner wurde.

Heiner hatte es nach drei Wochen zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Sportzeitungen berichteten über den seltsamen Wanderer, sogar zwei Kamerateams des Fernsehens hatten ihn schon begleitet, um ihn zum Gegenstand ihrer Berichterstattung zu machen. Heiner zog nun noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. Jeder wollte mit ihm gesehen werden, manche wollten ein Autogramm von ihm, die Jüngeren ein Selfie. Und alle wollten eine Geschichte hören. Eine Geschichte von Heiner und dem FCK. In der vierten Woche erreichte Heiner eine Nachricht, die ihn flau werden ließ. Sie kam vom seinem geliebten FCK, der ihn einlud, beim nächsten Heimspiel am Montag Abend mitsamt seinem Bollerwagen zu Gast zu sein. Man wolle ihn, das langjährige Mitglied, ehren. Ihn, der in den letzten vier Wochen so viel für den Verein getan habe. Mit geringsten Mitteln. Mit größtem Engagement. Heiner musste sich setzen. Er hatte drei Tage Zeit und fast 90 Kilometer zurück zu legen. Er würde es schaffen. Er musste es schaffen.

Und er schaffte es. Heiner war in den vier Wochen merklich dünner geworden. Die Anstrengung zehrte an ihm. Aber man sah, dass in seinen Augen das Feuer brannte. Das Feuer eines Mannes, der von der Leidenschaft getrieben alle Hürden überwinden würde. Er hatte es geschafft. Er war rechtzeitig in Kaiserslautern.

Heiner saß vor dem kleinen Café, in dem er mit seiner Frau gesessen hatte, als er den wahnwitzigen Plan seiner Wanderschaft schmiedete. Er trank Kaffee und aß ein Stück Kuchen als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Heiner drehte sich um. Ob man sich zu ihm setzen dürfe, wurde Heiner gefragt. Heiner bejahte. Die andere Person sagte, sie habe Heiner im Fernsehen gesehen und er sei ihr bekannt vorgekommen. Und jetzt, da er ihn hier habe sitzen sehen, müsse sie einfach mit ihm sprechen. Und sie wolle eine Geschichte von Heiner hören. Heiner erzählte also vom Mai 2008, als der FCK dem Totenbett näher gewesen sei als jemals zuvor. Als noch einmal alle Getreuen den Berg erklommen. Mit einem Gefühl irgendwo zwischen Trotz, Angst und wilder Entschlossenheit. Von dem Moment, als Helmes den Ball an den Pfosten schoss und kurz darauf die Schleusen des Himmels sich öffneten. Als man im Stadion es plötzlich wispern hörte: „De Fritz, das kimmt vum Fritz!“ Als Simpson in der 70. Minute das 1:0 erzielte und ein Jubel brandete, nein, explodierte, gegen die die Kanonen von Navarone ein Fürzchen im Walde gewesen seien. Von der gespannten Erwartung, von den Treffern Marcel Ziemers, vom Schlusspfiff und der Extase der
Erleichterung. Sie verstünde jetzt was der FCK gewesen ist und was er wieder sein könne, sagte die Person. Und sie wolle dabei mithelfen. Sie zeigte Heiner die Eintrittskarte für das heutige Spiel und fragte ihn, ob sie vielleicht zusammen zum Berg hoch marschieren wollten. Heiner konnte sich das Lächen nicht unterdrücken. Er wollte es auch nicht. Stattdessen unterdrückte er eine Träne. Diese Bitte werde er nicht ausschlagen, sagte Heiner. Er trank aus und sie machten sich auf den Weg.

Am Fuße des Bergs nahm die Person die eine Hälfte des Griffs und sie zogen den Wagen gemeinsam den Berg hinauf. Am Tor zur Nord wurde Heiner bereits erwartet. Sie würden sich nun trennen müssen, teilte Heiner mit. Aber es habe ihn gefreut, dass man sich noch einmal getroffen habe. Sie umarmten sich. Die Person wollte gerade gehen als Heiner bat, kurz zu warten. Er öffnete seine Kiste. Er habe etwas, das er sich bis ganz zum Schluss aufgehoben habe. Nun sei es an der Zeit, sich davon zu trennen. Heiner griff in die Kiste und holte das signierte Trikot von Stefan Kuntz heraus und überreichte es der Person. Die Person habe so etwas sicher nicht und heute werde sie es gebrauchen können. Denn jeder, der zum FCK fände, der solle auch ein Stück vom FCK am Körper tragen. Und er wisse niemanden, den er für geeigneter hielte. Die Person sah Heiner ungläubig an. Heiner hielt ihr das Trikot hin. Die Person zog hastig ihren Pullover aus und das Hemdchen, das sie darunter trug. Schnell, so dass es Heiner nicht mitbekam, warf sie das Hemdchen in Heiners Truhe, zog den Pullover an und das Trikot darüber. Es stünde ihr gut, stellte Heiner fest. Und dass sie gut darauf aufpassen solle. Die Person nickte still, umarmte Heiner nochmal, drehte sich um und verschwand in der Menge.

Heiner wurde von einem Repräsentanten des Vereins empfangen und in den Bauch des Stadions begleitet. Die Mannschaften machten sich auf dem Feld bereits warm, als Heiner mit seinem Bollerwagen in den Katakomben instruiert wurde. Man werde nun zusammen aufs Feld gehen und er werde dort interviewt werden. Warum er aufgebrochen sei, was er erlebt habe und so weiter. Nichts, worüber Heiner besorgt sein müsse. Er solle einfach natürlich bleiben und die Menschen in seinem Rücken vergessen. Und so gingen sie ins Freie. Als die Kurve Heiner erspähte, wogte Applaus auf und Sprechchöre mit seinem Namen wurden gerufen. Man feierte ihn wie einen Messias. Heiner wurde flau im Magen. Doch er schluckte die Nervosität herunter und als man vor der Kurve stand und Heiner in die Menge winkte, da war sie wie weggeblasen. Die Fragen beantwortete Heiner souverän und mit dem ihm angeborenen Charme. Auch durfte eine Geschichte nicht fehlen, die Heiner zum Besten gab. Wieder Applaus. Zum Schluss wurde Heiner gefragt, was er denn noch in seiner Kiste habe. Er wisse es nicht ganz genau, aber viel könne es nicht mehr sein. Ob er denn mal nachschauen wolle, wurde Heiner gefragt. Er bejahte. Heiner öffnete die Kiste und warf einen flüchtigen Blick hinein. Sie war leer. Er hatte jedes seiner Sammlerstücke während den Wochen seiner Wanderschaft abgegeben. Heiner zuckte mit den Schultern und sagte lachend, dass er dann vor dem Spiel wohl sein letztes Hemd verschenkt habe. Applaus von der Kurve. Sein Gesprächspartner lachte ebenfalls und bat Heiner, doch noch einmal hinein zu schauen und sich zu vergewissern. Es könne ja sein, dass es etwas Kleines sei, dass sich auf dem Boden der Truhe befände. Denn tatsächlich warf der Deckel der Kiste einen Schatten über die Öffnung, so dass man den Boden nur erahnen konnte. Heiner beugte sich herab und tatsächlich, ganz unten, da schien doch noch etwas zu sein. Man habe wohl Glück, sagte Heiner, da unten liege doch noch etwas herum. Heiner griff in die Truhe und erfühlte eine Art von Textil. Er zog es heraus und zum Vorschein kam ein Trikot von RB Leipzig.

Das Spiel gewann der FCK souverän. Heiner kehrte nach Hause zu seiner Frau zurück, seine Mission war erfüllt.

Heiner starb an einem Donnerstag im Oktober als zufriedener Mann.

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Auf der Couch reiche ich die Fackel jetzt ebenfalls weiter. Denn die Flamme der Liebe zum FCK darf nicht erlöschen. Spätestens nächsten Freitag lodert sie wieder aufs Neue auf und erhellt unsere Welt.

•     •     •

Autoritäre Herrschaft braucht keine Superschurken, die sie von langer Hand planen. Sie ist schlichtweg die bequemste Art, Komplexität zu reduzieren.
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Das Leben ist die Schule, der Schmerz ist der Lehrer.

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Devil_till_Death am 29.10.2016 um 10:37 Uhr bearbeitet
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