Die Couchingzone
13.08.2010 - 13:19 Uhr
06.03.2015 - 11:58 Uhr
Zitat von running-man
Die Defensive habe man mit dem agilen Stijn Vreven stabilisiert.
Die Defensive habe man mit dem agilen Stijn Vreven stabilisiert.
Ja, ja die guten "alten Zeiten"
geboren um für den FCK zu spielen. Er wäre aber die vollständige Abkehr von unserem Jugendstil, agil ist er mit seinen 41 Jahren wohl nicht mehr so ganz.
12.03.2015 - 18:39 Uhr
Jahrgang 5 – Ausgabe 27
SCHLUSS MIT DER ERGEBNIS-SKLAVEREI!
Oder: AUSBRUCH AUS DEM FAN-GEFÄNGNIS?
In den letzten drei Monaten war der Vic zweimal mit Freunden in der Sauna, und zwar beide Male sonntags. Ungefähr von Mittag bis etwa abends um neun. Was das für Freunde waren, mit denen er da unterwegs war? Wirklich nette Leute, die ihm sehr am Herzen liegen. Aber sie sind auch Leute, die mit einer bemerkenswerten Absonderlichkeit ausgestattet sind: Alles rund ums Kicken lässt sie kalt. – Wie, echt jetzt? – Ja, echt. Fußball interessiert sie in etwa genauso sehr wie den Vic das Angeln, das Männerballett beim Karneval oder ein Geburtstags-Donauwellen-Essen bei Tante Dorothea.
Ja, jetzt ist es also heraus: Der Vic verkehrt mit Fußball-Atheisten. Irgendwann musste es ja mal ans Licht. Aber eventuell lohnt sich das Weiterlesen trotzdem – auch für Fußball-Puritaner. Denn an dieser Stelle steht ja eine Frage ungeklärt im Raum: Warum gibt der Vic das zu? Warum steht er hier so ungeniert und in aller Öffentlichkeit zu seinem (zumindest teilweise) ballophoben Freundeskreis, anstatt seinen zweifelhaften Umgang einfach verschämt unter den Teppich zu kehren? Na, weil er eben zuletzt zweimal mit solchen Freunden in der Sauna war: Einmal am 17. Spieltag (ich sage nur „Ingolstadt“ und „Aua!“) und einmal am 20. Spieltag – ein Spiel in Braunschweig wie ein Vulkanausbruch der Freude. Und beide FCK-Spiele, obwohl so unterschiedlich im Resultat, haben was gemeinsam: Beide Male erfuhr der Vic das Endergebnis erst am späten Abend, nämlich nach der Heimkehr bei der Lektüre von Kicker.de am heimatlichen PC.
Hä? Echt jetzt? In unserer heutigen Informationsgesellschaft kann man doch jede öffentlich zugängliche Information immer und überall erhalten. Auch in der Sauna, mal so eben zwischen Sandelholz und Minzbeere – oder spätestens auf dem Nachhauseweg. Warum also nicht auch ein Fußball-Resultat? Na, weil der Vic kein internetfähiges Smartphone hat und auch gar kein Smartphone haben will. Näh, echt nicht. Er will nämlich kein smartphonesüchtiger Umgebungsignorierer werden, der beim Suchtsurfen auf dem Gehweg irgendwann die Laternenmasten knutscht. Und seine Sauna-affinen, aber ballophoben Freunde besitzen zum Teil zwar Smartphones, kämen aber nie auf die Idee, ein Fußballresultat zu ergooglen. Never! Eher würden sie sich im Internet noch den Vollmond-Kalender oder die Homepage der Fußpflege-Praxis Scheller reinziehen. Echt jetzt. Heißt also: Der Vic ist an solchen Sauna-Tagen vom fußballbezogenen Informationsfluss abgeschnitten, bis er abends endlich zu Hause ist und die Computerkiste hochfahren kann.
„Aber warum bittet der Vic dann nicht einfach die Fußballbanausen an seiner Seite, das Smartphone-Orakel für ihn zu befragen?“ könnte man jetzt fragen. – He, hallo? HALLO?! Geht’s noch?! Wer hat denn bitteschön diese bekackte Frage gerade gestellt? – Natürlich wird der Vic die Banausen NICHT darum bitten! Warum wohl nicht? Weil es für einen echten Fan nichts Kränkenderes gibt, als ein schlechtes Fußballresultat aus dem Munde eines völlig Uninteressierten zu erfahren, der die nackten Fakten mechanisch und ohne jegliches Fan-Mitgefühl verkündet. Oder? Ist doch einfach ätzend, dieses: „Der FCK? Der hat 2:0 verloren. Ach, übrigens, sach maa, hassu dir eigentlich ‚50 Shades of Grey‘ schon angeguckt? Also, ich fand den ja irgendwie nich‘ sado genuch, nach all dem ganzen medialen Tamtam…“
(Solche Pfosten verdienen doch geradezu den strafenden Hieb in die Visage, oder? Auch wenn die Pfosten kurz vorher, als es noch nicht um Fußball ging, wirklich sehr, sehr liebe Freunde waren. Echt jetzt.)
Übrigens, ich denke, an dieser Stelle ist es Zeit, in die Perspektive des Ich-Erzählers zu wechseln, denn jetzt wird’s emotional:
Dieses Beispiel hat klipp und klar gezeigt: Ich verabscheue es zutiefst, wenn ich ein Pflichtspiel-Resultat meines FCK erst im Nachhinein erfahre. Es gibt nichts Schlimmeres als Fan, wirklich gar nichts Ätzenderes, also zu wissen, dass das Spiel des eigenen Vereins schon längst zu Ende ist und das Resultat schon längst für alle Zeiten unverrückbar zementiert ist – und man selber kennt es nicht. Durch dieses nachträgliche Erfahren mutiert ein simples Sportresultat zu einem Richterspruch, zu einem Gottesurteil, zu einer ärztlichen Diagnose – aufdiktiert von einer höheren Macht, die sich nicht mehr erweichen lässt und keinen Spielraum mehr für ein noch so verzweifeltes Hoffen und Bangen gewährt.
Nun wird der eine oder andere von den etwas Abgeklärteren unter euch sicher sagen: „Wie kann man sich als lebensreifer Ü-Vierziger nur so hysterisch anstellen? Bei mir ist das völlig anders als bei Vic: Ich mache Computer oder Smartphone an, ich schaue den nackten Tatsachen ins Auge, egal ob sie erfreulich oder unschön sind. Punkt. Der FCK ist wichtig, aber nicht die Welt. Resultat gelesen, mit Freude oder leichtem Schmerz zur Kenntnis genommen und fertig.“
Wisst ihr was? Ich finde diese Einstellung vorbildlich und nachahmenswert. Ich wäre gerne auch so. Ich wäre wirklich, wirklich gerne auch so. Scheizze nochmal, was wär‘ ich gerne auch so! Echt jetzt!
Und wisst ihr noch was? Ich weiß, dass ihr auch gerne so wärt.
Aber ihr seid nicht so. Ihr lügt.
Ich möchte deshalb diesen Couching-Artikel nutzen, um die Enttabuisierung der Ergebnis-Panik voranzutreiben. Lasst uns endlich darüber reden! Über dieses Bangen, über dieses Erstarren in Angst vor dem Nadelstich eines hässlichen Ergebnisses, das einem kalt und in unangebracht sachlich-nüchternen Lettern von der Kicker-Homepage an die Gurgel springt. Das kennt ihr doch alle. Diesen ätzenden Moment. Dieses Klicken auf den hinführenden Link, das sich anfühlt wie der Moment, bevor man den Januar-Brief vom Strom- oder Gasanbieter auffaltet und der Nachzahlungsforderung ins hässliche, entstellte Auge schaut. Man klickt auf den Link der Fußballergebnis-Seite – und pardauz! Man erblickt eine unerwünschte Zahlenkombination vor und nach dem Doppelpunkt – und schon sind die stundenlang angesammelten Freuden und Inspirationen aus dem Saunaparadies dahin. Nur noch Frust. Nur noch bittere Enttäuschung. Und sonst nichts. Alles ist schlagartig Leid, und die freudvollen Saunastunden zuvor waren sowieso nur Illusion und Selbstbetrug.
Was bin ich eigentlich in solchen bangen Stunden des Wartens aufs Ergebnis - ein Fan? Wirklich ein Fan, immer noch einfach nur ein Fan? Einer mit Teufelshörnern, mit Oléolé-Oléola und literweise Herzblut - nicht mehr, nicht weniger? Fühlt es sich wie Fansein an? Nein. Echt nicht. in diesen Momenten des Zitterns vor dem unaussprechlichen N-Wort bin ich eigentlich was anderes: Ich bin ein emotionaler Sklave meines Fanseins. Ich bin die entmündigte Geisel meiner emotionalen Abhängigkeit von einem sportlichen Resultat. Und zwar von einem Resultat, das eine Elferschar von Spielern erzielt, von denen mich auf der Straße keiner erkennen würde. Kein einziger. Echt jetzt. Die Jungs wissen nicht mal, dass ich existiere. Der Sippel nicht. Der Ring nicht. Der Zoller nicht. Noch nicht einmal der Willi. Scheizze. Und in die Hände solcher Leute lege ich das Wohl und Wehe meiner Seele. Das also ist die Quintessenz all meines Hoffens und Bangens, bevor ich auf den Link klicke. Danke, Papa, vielen Dank, dass du mich damals zum Fußball mitgenommen hast! Großes Kino. Vielen Dank! Es hätte genauso gut ein Klettergarten oder ein Theater-Workshop sein können. Oder eine Meisterschaft in Sackhüpfen. Aber nein, es musste ja Fußball sein. Dankeschön. Vielen, vielen Dank!
Das sind Momente der Erkenntnis, die man als Fan nicht gebrauchen kann. Momente, in denen eine unsympathische und nölige Stimme der Vernunft ganz hinten in der Schmuddelecke des Hinterkopfs gegen dieses emotional so beanspruchende Fansein hetzt und stänkert. Wisst ihr, was die Stimme sagt? Sie säuselt mit unangenehmer kumpelhafter Vertraulichkeit in ihrem Timbre: „Stell dir vor, du wärst kein Fan. Stell dir vor, du wärst wie deine ballophoben Sauna-Freunde. Stell dir das mal vor, echt jetzt. Dann hättest du einfach einen wohltuenden, entspannenden und genussvollen Sauna-Tag gehabt, den dir diese überbezahlten und von Söldnermentalität getriebenen tätowierten Frauenaufreißer nicht durch ihr Versagen hätten versauen können. Wär‘ das nicht viel besser?“
Ich habe diese Vorstellung gewogen und geprüft – und dann bin ich zu dem Schluss gekommen: Sie ist stimmig! Echt jetzt! Genauso wird’s gemacht. Schluss mit Fußball, Schluss mit FCK, Schluss mit diesen Fansein-bedingten Neurosen, Schluss mit Ergebnistyrannei und emotionaler Fremdsteuerung. Also habe ich Ende der Hinrunde 2014/15 dem FCK ein- für allemal abgeschworen…
… für etwa ein bis zwei Tage. Und dann habe ich gemerkt: Es geht nicht. Ich komm‘ nicht raus. Es gibt aus diesem Fansein keinen Ausgang. Selbst, wenn man ihn sucht. Einmal infiziert ist man sein Leben lang ein Sklave. Ich hasse dich, Fußball. Und ich hasse dich, FCK. Aber ich liebe dich genauso sehr wie ich dich hasse. Nein, ich liebe dich sogar noch mehr. Zehnmal mehr. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Aber immerhin bin ich glücklich, dass das jetzt mal heraus ist; dass es endlich mal gesagt worden ist. Und mindestens genauso glücklich bin ich, dass es mir gelungen ist, ein ganzes Couching von noch dazu respektabler Länge zu schreiben, ohne dass ich ein einziges Mal auf meinem Lieblingsfeindbild HasenStallsport Leipzig herumgeritten bin. Das hätte ich mir gar nicht zugetraut.
Sklavische Fangrüße vom Fuß des Betze
Vic
Auf der Couch sitzen außer Vic lauter abgeklärte und ergebnisunabhängige Kolumnisten, die über die hier offengelegten Leiden des Autors nur milde lächelnd mit den weisen Häuptern schütteln können – zumindest würde ich den Kollegen wünschen, dass es so ist. Echt jetzt.
SCHLUSS MIT DER ERGEBNIS-SKLAVEREI!
Oder: AUSBRUCH AUS DEM FAN-GEFÄNGNIS?
In den letzten drei Monaten war der Vic zweimal mit Freunden in der Sauna, und zwar beide Male sonntags. Ungefähr von Mittag bis etwa abends um neun. Was das für Freunde waren, mit denen er da unterwegs war? Wirklich nette Leute, die ihm sehr am Herzen liegen. Aber sie sind auch Leute, die mit einer bemerkenswerten Absonderlichkeit ausgestattet sind: Alles rund ums Kicken lässt sie kalt. – Wie, echt jetzt? – Ja, echt. Fußball interessiert sie in etwa genauso sehr wie den Vic das Angeln, das Männerballett beim Karneval oder ein Geburtstags-Donauwellen-Essen bei Tante Dorothea.
Ja, jetzt ist es also heraus: Der Vic verkehrt mit Fußball-Atheisten. Irgendwann musste es ja mal ans Licht. Aber eventuell lohnt sich das Weiterlesen trotzdem – auch für Fußball-Puritaner. Denn an dieser Stelle steht ja eine Frage ungeklärt im Raum: Warum gibt der Vic das zu? Warum steht er hier so ungeniert und in aller Öffentlichkeit zu seinem (zumindest teilweise) ballophoben Freundeskreis, anstatt seinen zweifelhaften Umgang einfach verschämt unter den Teppich zu kehren? Na, weil er eben zuletzt zweimal mit solchen Freunden in der Sauna war: Einmal am 17. Spieltag (ich sage nur „Ingolstadt“ und „Aua!“) und einmal am 20. Spieltag – ein Spiel in Braunschweig wie ein Vulkanausbruch der Freude. Und beide FCK-Spiele, obwohl so unterschiedlich im Resultat, haben was gemeinsam: Beide Male erfuhr der Vic das Endergebnis erst am späten Abend, nämlich nach der Heimkehr bei der Lektüre von Kicker.de am heimatlichen PC.
Hä? Echt jetzt? In unserer heutigen Informationsgesellschaft kann man doch jede öffentlich zugängliche Information immer und überall erhalten. Auch in der Sauna, mal so eben zwischen Sandelholz und Minzbeere – oder spätestens auf dem Nachhauseweg. Warum also nicht auch ein Fußball-Resultat? Na, weil der Vic kein internetfähiges Smartphone hat und auch gar kein Smartphone haben will. Näh, echt nicht. Er will nämlich kein smartphonesüchtiger Umgebungsignorierer werden, der beim Suchtsurfen auf dem Gehweg irgendwann die Laternenmasten knutscht. Und seine Sauna-affinen, aber ballophoben Freunde besitzen zum Teil zwar Smartphones, kämen aber nie auf die Idee, ein Fußballresultat zu ergooglen. Never! Eher würden sie sich im Internet noch den Vollmond-Kalender oder die Homepage der Fußpflege-Praxis Scheller reinziehen. Echt jetzt. Heißt also: Der Vic ist an solchen Sauna-Tagen vom fußballbezogenen Informationsfluss abgeschnitten, bis er abends endlich zu Hause ist und die Computerkiste hochfahren kann.
„Aber warum bittet der Vic dann nicht einfach die Fußballbanausen an seiner Seite, das Smartphone-Orakel für ihn zu befragen?“ könnte man jetzt fragen. – He, hallo? HALLO?! Geht’s noch?! Wer hat denn bitteschön diese bekackte Frage gerade gestellt? – Natürlich wird der Vic die Banausen NICHT darum bitten! Warum wohl nicht? Weil es für einen echten Fan nichts Kränkenderes gibt, als ein schlechtes Fußballresultat aus dem Munde eines völlig Uninteressierten zu erfahren, der die nackten Fakten mechanisch und ohne jegliches Fan-Mitgefühl verkündet. Oder? Ist doch einfach ätzend, dieses: „Der FCK? Der hat 2:0 verloren. Ach, übrigens, sach maa, hassu dir eigentlich ‚50 Shades of Grey‘ schon angeguckt? Also, ich fand den ja irgendwie nich‘ sado genuch, nach all dem ganzen medialen Tamtam…“
(Solche Pfosten verdienen doch geradezu den strafenden Hieb in die Visage, oder? Auch wenn die Pfosten kurz vorher, als es noch nicht um Fußball ging, wirklich sehr, sehr liebe Freunde waren. Echt jetzt.)
Übrigens, ich denke, an dieser Stelle ist es Zeit, in die Perspektive des Ich-Erzählers zu wechseln, denn jetzt wird’s emotional:
Dieses Beispiel hat klipp und klar gezeigt: Ich verabscheue es zutiefst, wenn ich ein Pflichtspiel-Resultat meines FCK erst im Nachhinein erfahre. Es gibt nichts Schlimmeres als Fan, wirklich gar nichts Ätzenderes, also zu wissen, dass das Spiel des eigenen Vereins schon längst zu Ende ist und das Resultat schon längst für alle Zeiten unverrückbar zementiert ist – und man selber kennt es nicht. Durch dieses nachträgliche Erfahren mutiert ein simples Sportresultat zu einem Richterspruch, zu einem Gottesurteil, zu einer ärztlichen Diagnose – aufdiktiert von einer höheren Macht, die sich nicht mehr erweichen lässt und keinen Spielraum mehr für ein noch so verzweifeltes Hoffen und Bangen gewährt.
Nun wird der eine oder andere von den etwas Abgeklärteren unter euch sicher sagen: „Wie kann man sich als lebensreifer Ü-Vierziger nur so hysterisch anstellen? Bei mir ist das völlig anders als bei Vic: Ich mache Computer oder Smartphone an, ich schaue den nackten Tatsachen ins Auge, egal ob sie erfreulich oder unschön sind. Punkt. Der FCK ist wichtig, aber nicht die Welt. Resultat gelesen, mit Freude oder leichtem Schmerz zur Kenntnis genommen und fertig.“
Wisst ihr was? Ich finde diese Einstellung vorbildlich und nachahmenswert. Ich wäre gerne auch so. Ich wäre wirklich, wirklich gerne auch so. Scheizze nochmal, was wär‘ ich gerne auch so! Echt jetzt!
Und wisst ihr noch was? Ich weiß, dass ihr auch gerne so wärt.
Aber ihr seid nicht so. Ihr lügt.
Ich möchte deshalb diesen Couching-Artikel nutzen, um die Enttabuisierung der Ergebnis-Panik voranzutreiben. Lasst uns endlich darüber reden! Über dieses Bangen, über dieses Erstarren in Angst vor dem Nadelstich eines hässlichen Ergebnisses, das einem kalt und in unangebracht sachlich-nüchternen Lettern von der Kicker-Homepage an die Gurgel springt. Das kennt ihr doch alle. Diesen ätzenden Moment. Dieses Klicken auf den hinführenden Link, das sich anfühlt wie der Moment, bevor man den Januar-Brief vom Strom- oder Gasanbieter auffaltet und der Nachzahlungsforderung ins hässliche, entstellte Auge schaut. Man klickt auf den Link der Fußballergebnis-Seite – und pardauz! Man erblickt eine unerwünschte Zahlenkombination vor und nach dem Doppelpunkt – und schon sind die stundenlang angesammelten Freuden und Inspirationen aus dem Saunaparadies dahin. Nur noch Frust. Nur noch bittere Enttäuschung. Und sonst nichts. Alles ist schlagartig Leid, und die freudvollen Saunastunden zuvor waren sowieso nur Illusion und Selbstbetrug.
Was bin ich eigentlich in solchen bangen Stunden des Wartens aufs Ergebnis - ein Fan? Wirklich ein Fan, immer noch einfach nur ein Fan? Einer mit Teufelshörnern, mit Oléolé-Oléola und literweise Herzblut - nicht mehr, nicht weniger? Fühlt es sich wie Fansein an? Nein. Echt nicht. in diesen Momenten des Zitterns vor dem unaussprechlichen N-Wort bin ich eigentlich was anderes: Ich bin ein emotionaler Sklave meines Fanseins. Ich bin die entmündigte Geisel meiner emotionalen Abhängigkeit von einem sportlichen Resultat. Und zwar von einem Resultat, das eine Elferschar von Spielern erzielt, von denen mich auf der Straße keiner erkennen würde. Kein einziger. Echt jetzt. Die Jungs wissen nicht mal, dass ich existiere. Der Sippel nicht. Der Ring nicht. Der Zoller nicht. Noch nicht einmal der Willi. Scheizze. Und in die Hände solcher Leute lege ich das Wohl und Wehe meiner Seele. Das also ist die Quintessenz all meines Hoffens und Bangens, bevor ich auf den Link klicke. Danke, Papa, vielen Dank, dass du mich damals zum Fußball mitgenommen hast! Großes Kino. Vielen Dank! Es hätte genauso gut ein Klettergarten oder ein Theater-Workshop sein können. Oder eine Meisterschaft in Sackhüpfen. Aber nein, es musste ja Fußball sein. Dankeschön. Vielen, vielen Dank!
Das sind Momente der Erkenntnis, die man als Fan nicht gebrauchen kann. Momente, in denen eine unsympathische und nölige Stimme der Vernunft ganz hinten in der Schmuddelecke des Hinterkopfs gegen dieses emotional so beanspruchende Fansein hetzt und stänkert. Wisst ihr, was die Stimme sagt? Sie säuselt mit unangenehmer kumpelhafter Vertraulichkeit in ihrem Timbre: „Stell dir vor, du wärst kein Fan. Stell dir vor, du wärst wie deine ballophoben Sauna-Freunde. Stell dir das mal vor, echt jetzt. Dann hättest du einfach einen wohltuenden, entspannenden und genussvollen Sauna-Tag gehabt, den dir diese überbezahlten und von Söldnermentalität getriebenen tätowierten Frauenaufreißer nicht durch ihr Versagen hätten versauen können. Wär‘ das nicht viel besser?“
Ich habe diese Vorstellung gewogen und geprüft – und dann bin ich zu dem Schluss gekommen: Sie ist stimmig! Echt jetzt! Genauso wird’s gemacht. Schluss mit Fußball, Schluss mit FCK, Schluss mit diesen Fansein-bedingten Neurosen, Schluss mit Ergebnistyrannei und emotionaler Fremdsteuerung. Also habe ich Ende der Hinrunde 2014/15 dem FCK ein- für allemal abgeschworen…
… für etwa ein bis zwei Tage. Und dann habe ich gemerkt: Es geht nicht. Ich komm‘ nicht raus. Es gibt aus diesem Fansein keinen Ausgang. Selbst, wenn man ihn sucht. Einmal infiziert ist man sein Leben lang ein Sklave. Ich hasse dich, Fußball. Und ich hasse dich, FCK. Aber ich liebe dich genauso sehr wie ich dich hasse. Nein, ich liebe dich sogar noch mehr. Zehnmal mehr. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Aber immerhin bin ich glücklich, dass das jetzt mal heraus ist; dass es endlich mal gesagt worden ist. Und mindestens genauso glücklich bin ich, dass es mir gelungen ist, ein ganzes Couching von noch dazu respektabler Länge zu schreiben, ohne dass ich ein einziges Mal auf meinem Lieblingsfeindbild HasenStallsport Leipzig herumgeritten bin. Das hätte ich mir gar nicht zugetraut.
Sklavische Fangrüße vom Fuß des Betze
Vic
Auf der Couch sitzen außer Vic lauter abgeklärte und ergebnisunabhängige Kolumnisten, die über die hier offengelegten Leiden des Autors nur milde lächelnd mit den weisen Häuptern schütteln können – zumindest würde ich den Kollegen wünschen, dass es so ist. Echt jetzt.
12.03.2015 - 18:53 Uhr
Also ich persönliche nutze in solchen Fällen nicht nur das Smartphone nicht, ich halte mir sogar die Ohren zu wenn ich in die Nähe von Radios komme.
Weil ich nämlich den Receiver programmiert habe. Um zwar zeitversetzt, aber wenigstens 90+ Minuten leiden zu können. Und es wird auch nicht gespult, never!
Weil ich nämlich den Receiver programmiert habe. Um zwar zeitversetzt, aber wenigstens 90+ Minuten leiden zu können. Und es wird auch nicht gespult, never!
12.03.2015 - 19:29 Uhr
Also Du tust ja geradezu als würde sich das alles nur im Kopf des Fans abspielen.
Ich hingegen bin felsenfest davon überzeugt, dass wir das Pokalspiel gegen Leverkusen vor einem Jahr nicht gewonnen hätten, wenn ich seinerzeit - im Zug sitzend - nicht alle 5 Sekunden den Live-Ticker von kicker.de aktualisiert hätte. Und in diesem Jahr muss es im Spiel gegen die Pillendreher eine winzige mentale Schwäche, ein unmerkliches Nachlassen meiner Aufmerksamkeit gewesen sein, was den Freistoßtreffer von Calhanoglu überhaupt erst ermöglicht hat. Also, echt jetzt! --- Im Nachhinein kannst Du den Spielverlauf aber halt nicht mehr beeinflussen, deshalb fühlt es sich auch anders an, wenn man das bereits feststehende Ergebnis googelt! Ist doch eine klare Sache!
Merke: Wer in der Sauna abhängt, während unsere tätowierten Frauenaufreißer viel, viel Geld aus ihrem Hobby generieren, ist ein Verräter an der Sache unseres FCK!
So und nicht anders ist das zu bewerten. Also mach's wie ich: Zur Erholung hat der Fußball-Gott die Arbeitszeit geschaffen, das Wochenende hingegen gehört Sky und dem FCK! Familie und Freunde werden eh überschätzt.
Einen völlig anderen Ausweg aus dem Dilemma bietet aber die Quantenmechanik, das will ich an dieser Stelle nicht verschweigen: Solange Du es noch nicht ergoogelt hast - egal ob als Zwischenstand während oder als Endergebnis nach dem Spiel - befindet sich der Spielstand demnach im Zustand der "Superposition", d.h. alle möglichen Ergebnisse überlagern einander in einem objektiv gegebenen Möglichkeitsraum. Erst durch die "Messung", d.h. durch Dein Nachschauen bei kicker.de, wird das Ergebnis - zumindest in unserem Universum - fixiert. Dieser Theorie zufolge kannst Du das Ergebnis also auch noch nach der Sauna beeinflussen, bist daher dann aber auch selbst schuld, wenn wir verloren haben. Echt jetzt!
Ich hingegen bin felsenfest davon überzeugt, dass wir das Pokalspiel gegen Leverkusen vor einem Jahr nicht gewonnen hätten, wenn ich seinerzeit - im Zug sitzend - nicht alle 5 Sekunden den Live-Ticker von kicker.de aktualisiert hätte. Und in diesem Jahr muss es im Spiel gegen die Pillendreher eine winzige mentale Schwäche, ein unmerkliches Nachlassen meiner Aufmerksamkeit gewesen sein, was den Freistoßtreffer von Calhanoglu überhaupt erst ermöglicht hat. Also, echt jetzt! --- Im Nachhinein kannst Du den Spielverlauf aber halt nicht mehr beeinflussen, deshalb fühlt es sich auch anders an, wenn man das bereits feststehende Ergebnis googelt! Ist doch eine klare Sache!
Merke: Wer in der Sauna abhängt, während unsere tätowierten Frauenaufreißer viel, viel Geld aus ihrem Hobby generieren, ist ein Verräter an der Sache unseres FCK!
So und nicht anders ist das zu bewerten. Also mach's wie ich: Zur Erholung hat der Fußball-Gott die Arbeitszeit geschaffen, das Wochenende hingegen gehört Sky und dem FCK! Familie und Freunde werden eh überschätzt. Einen völlig anderen Ausweg aus dem Dilemma bietet aber die Quantenmechanik, das will ich an dieser Stelle nicht verschweigen: Solange Du es noch nicht ergoogelt hast - egal ob als Zwischenstand während oder als Endergebnis nach dem Spiel - befindet sich der Spielstand demnach im Zustand der "Superposition", d.h. alle möglichen Ergebnisse überlagern einander in einem objektiv gegebenen Möglichkeitsraum. Erst durch die "Messung", d.h. durch Dein Nachschauen bei kicker.de, wird das Ergebnis - zumindest in unserem Universum - fixiert. Dieser Theorie zufolge kannst Du das Ergebnis also auch noch nach der Sauna beeinflussen, bist daher dann aber auch selbst schuld, wenn wir verloren haben. Echt jetzt!
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Newtrial am 12.03.2015 um 19:33 Uhr bearbeitet
12.03.2015 - 22:58 Uhr
Well done Sir! Und willkommen auf der Couch. Dass Du mit Männern in die Sauna gehst hättest Du aber vorher sagen können. Hätten wir ja durchgehen lassen. Aber ballophob? Geht ja gar nicht.
Also Vic, sehr schön. War kein Fehler dich einzukaufen.
Gruß Berti
Also Vic, sehr schön. War kein Fehler dich einzukaufen.
Gruß Berti
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Bertikoks am 12.03.2015 um 23:03 Uhr bearbeitet
13.03.2015 - 10:18 Uhr
Hervorragender Einstand Vic, auch wenn ich gestehen muss, dass ich über die Notwendigkeit der Enttabuisierung der Ergebnis-Panik noch ein Weilchen werde nachdenken müsse, insbesondere unter Berücksichtigung der Superposition vielfältiger Überlagerungsmöglichkeiten innerhalb des geschlossenen Saunaraumes, wobei hier möglicherweise auch die Anwesenheit ballophoben Personen eine gewisse Quantenverschiebung verursachen könnte, deren Kausalität auf das zwar bereits existente, aber noch nicht endgültig fixierte Ergebnis zu prüfen wäre.
Wenn ich soweit bin, melde ich mich wieder.
Glückwunsch und nochmal Sorry für´s Vordrängeln.
Gruß aus der Pfalz
Wenn ich soweit bin, melde ich mich wieder.
Glückwunsch und nochmal Sorry für´s Vordrängeln.
Gruß aus der Pfalz
13.03.2015 - 10:32 Uhr
Zitat von Newtrial
Einen völlig anderen Ausweg aus dem Dilemma bietet aber die Quantenmechanik, das will ich an dieser Stelle nicht verschweigen: Solange Du es noch nicht ergoogelt hast - egal ob als Zwischenstand während oder als Endergebnis nach dem Spiel - befindet sich der Spielstand demnach im Zustand der "Superposition", d.h. alle möglichen Ergebnisse überlagern einander in einem objektiv gegebenen Möglichkeitsraum. Erst durch die "Messung", d.h. durch Dein Nachschauen bei kicker.de, wird das Ergebnis - zumindest in unserem Universum - fixiert. Dieser Theorie zufolge kannst Du das Ergebnis also auch noch nach der Sauna beeinflussen, bist daher dann aber auch selbst schuld, wenn wir verloren haben. Echt jetzt!
Einen völlig anderen Ausweg aus dem Dilemma bietet aber die Quantenmechanik, das will ich an dieser Stelle nicht verschweigen: Solange Du es noch nicht ergoogelt hast - egal ob als Zwischenstand während oder als Endergebnis nach dem Spiel - befindet sich der Spielstand demnach im Zustand der "Superposition", d.h. alle möglichen Ergebnisse überlagern einander in einem objektiv gegebenen Möglichkeitsraum. Erst durch die "Messung", d.h. durch Dein Nachschauen bei kicker.de, wird das Ergebnis - zumindest in unserem Universum - fixiert. Dieser Theorie zufolge kannst Du das Ergebnis also auch noch nach der Sauna beeinflussen, bist daher dann aber auch selbst schuld, wenn wir verloren haben. Echt jetzt!
Das ist eine sehr interessante Theorie, der ich durchaus folgen kann. Auch bei aufgezeichneten Spielen bzw. mit SkyGo später angeschauten Spielen läßt sich das Ergebnis in der Tat beeinflussen, indem man genauso emotional mitgeht wie beim Live-Spiel
...und das geht selbstverständlich nur, wenn man die Katze im Karton lässt
13.03.2015 - 11:42 Uhr
Klasse Couching, Vic und ein toller Einstand!
Und ich verstehe nur zu gut, was du meinst. Mich hatte am vergangenen Sonntag ein guter Freund zu seinem Geburtstag eingeladen - Picknick im Pfälzer Wald. Kein Smartphone-Empfang. Mann, habe ich gekotzt. Und trotzdem ist es in solch ausweglosen Situationen interessant, dass man nach dem fünften (erfolglosen) Versuch noch einen sechsten, einen siebten, einen achten usw. folgen lässt, doch irgendein ausgebüchstes Signal einzufangen.
Ich erfuhr das Endergebnis aus den 16:00-Uhr-Nachrichten auf SWR1. Denn ich war leider auch noch der Fahrer. Das hatte ich wohl das letzte Mal in den Neunzigern durchgemacht. "16:00 Uhr - die Nachrichten ..." - und plötzlich steigt dein Puls, dein Blutdruck, deine Aufmerksamkeit richtet sich nur noch auf diese eine Durchsage ... 0:0, ok, hätte schlimmer kommen können. Interessant war auch die Ruhe meiner Familie neben und hinter mir. Alle wussten, dass es gleich gefährlich werden kann ...
Cheers
Bahli
Und ich verstehe nur zu gut, was du meinst. Mich hatte am vergangenen Sonntag ein guter Freund zu seinem Geburtstag eingeladen - Picknick im Pfälzer Wald. Kein Smartphone-Empfang. Mann, habe ich gekotzt. Und trotzdem ist es in solch ausweglosen Situationen interessant, dass man nach dem fünften (erfolglosen) Versuch noch einen sechsten, einen siebten, einen achten usw. folgen lässt, doch irgendein ausgebüchstes Signal einzufangen.
Ich erfuhr das Endergebnis aus den 16:00-Uhr-Nachrichten auf SWR1. Denn ich war leider auch noch der Fahrer. Das hatte ich wohl das letzte Mal in den Neunzigern durchgemacht. "16:00 Uhr - die Nachrichten ..." - und plötzlich steigt dein Puls, dein Blutdruck, deine Aufmerksamkeit richtet sich nur noch auf diese eine Durchsage ... 0:0, ok, hätte schlimmer kommen können. Interessant war auch die Ruhe meiner Familie neben und hinter mir. Alle wussten, dass es gleich gefährlich werden kann ...
Cheers
Bahli
13.03.2015 - 12:27 Uhr
Wisst ihr was? Wegen solcher Pretiosen bin ich bei TM und nicht sonstwo! Und das ist nicht nur als Bauchpinselei für den Frischling gedacht, sondern für alle Coucher.
13.03.2015 - 13:02 Uhr
Das erinnert mich stark an die Zeiten, als ich mit dem deuluxteufel vor dem Videotext auf die pinken Zahlen gestart habe. Immer in der Hoffnung das sich plötzlich an der richtigen Stelle die Zahl ändert. Das war noch so richtig old school!
Dank Vic wird mir bewußt, dass wir hier doch alle gleich bescheuert sind.
Falô
Mineiro
Dank Vic wird mir bewußt, dass wir hier doch alle gleich bescheuert sind.
Falô
Mineiro
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