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Die Couchingzone

13.08.2010 - 13:19 Uhr
Die Couchingzone |#341
26.01.2012 - 21:27 Uhr
Jahrgang 2 - Ausgabe 24

Die geheimnisvolle SMS aus der Puppenkiste

von Butduma

Auf vielfachen Wunsch, eine Fortsetzung von Marco K. Hoffen wir, dass Sie uns den Erfolg wiederbringen wird.


Marco K. glitt aus. In hohem Bogen flog er durch die Luft, während er die Beine weit von sich schleuderte und wild mit den Armen wedelte. „Blöde Rotznasen!“, schoss es ihm durch den Kopf, bevor er mit seiner Fresse sanft auf dem Asphalt aufschlug. Er hatte vergessen, dass hier immer die Schulkinder popelnd durch die Straßen zogen. Zuerst schoben sie sich die Finger genüsslich in die Nasenlöcher, dann wurden die grünlich-gelben Rotzepopel an die Luft befördert und auf die Straße geschnippt. Ein furchtbar ungezogenes Verhalten, das Marco K. regelmäßig auf die Palme trieb. Nun lag er da inmitten eines Meeres aus Kinderrotze und fühlte sich wie die Kakerlake von Kafka. Es fühlte sich so an, als hätte ihm eine Kuh direkt ins Gesicht getreten und ihm dabei Nase, Oberkiefer und weitere Gesichtsknochen gebrochen. „So ein Scheiß, und dabei wollte ich doch nur zwei Prödl beim Bäcker holen“, dachte sich Marco K., während er sich Staub, Popel und Blut von der Bocklederweste klopfte. Der Schmerz war groß, aber die Verletzungen waren nur rudimentär. Mit ein wenig Silikon und Maschendraht sollte er das wieder hinbekommen - es war ja nicht das erste Mal. Ohne Brötchen, aber mit einer blutigen Visage, setzte sich Marco K. in seinen VW Sahan und donnerte die Tür hinter sich zu. Er musste unbedingt schnell zur Firma fahren, kündigte ihm die SMS, die ihn heute früh erreicht hatte, doch unheimlich wichtige Neuigkeiten an. Der Wagen war wieder ganz gut in Schuss und sprang ohne Murren an. Neulich wäre das Gefährt fast zum Auto des Monats gewählt worden, was jedoch in letzter Sekunde an der Intervention einer Kölner Firma scheiterte. Marco K. kam nach wenigen Minuten am Firmensitz an; die Blutung hatte er auf der Fahrt mit dem Sitzbezug vom Beifahrersitz gestillt. Die steilen Betonwände des Firmengebäudes waren vom winterlichen Regen in tiefem Grau gefärbt. Marco K. wurde es schwer und melancholisch ums Herz. Es war bereits lange her, dass die Abteilung einen geschäftlichen Erfolg verbuchen konnte. Die Mitarbeiter gaben sich in letzter Zeit all zu häufig mit durchschnittlichen Leistungen zufrieden. Nicht schlecht genug, um sie zu feuern, aber auch nicht gut genug, um einen Schritt nach vorne zu tun. Der Vorstandsvorsitzende hatte aus diesem Grund einen Betriebsausflug nach Spanien und Neueinstellungen angewiesen.


„Spanien, das war schön!“, musste Marco K. denken, als die schweren Regentropfen auf das Dach des Autos trommelten. Der Betriebsausflug hatte ihm unheimlich gut gefallen. Die Sonne goss ihre wohlige Wärme über den Menschen aus, die Paella schmeckte super und auch die Stimmung im Hotel war klasse. Der krasse Gegensatz zu dem Sauwetter, das hier herrschte. Marco K. drehte den Lautstärkeregler an seinem Autoradio auf volle Pulle: George Baker spielte sein La Paloma Blanca – der Hit an Spaniens Stränden und Hotelbars. Er sang das Lied so laut mit, dass die Scheiben des Sahan von Innen beschlugen. Die Laune war gleich besser. Als das Lied fertig war, griff sich Marco K. unter die Achsel, um seinen Dauerlutscher mit Kirchgeschmack hervorzuholen. Durch die luftdichte Lagerung war er nicht besser geworden und vom Sturz war zudem eine Ecke herausgebrochen, doch Marco K. steckte sich den Lutscher ohne Umschweife in den Mund und ging hinaus in den Regen. Der intensive Guss wusch ihm alsbald das Blut von der Weste, so dass er am Firmenempfang sicherlich wieder schnieke aussehen würde. Das war ihm sehr wichtig, weil dort die hübsche Frau Krausemeier saß und ihr Haar kämmte. Zunächst musste er jedoch an dem jungen Mann vorbei, der jeden Tag bei Wind und Wetter vor dem Unternehmen stand und tausende Fragen stellte. Marco K. hatte sich an ihn gewöhnt, auch wenn er seinen Namen nicht kannte. Nach 5 Minuten war die Fragestunde vorbei und Marco K. ging mit einem kurzen „Hallo“ an Frau Krausemeier vorbei. Beim Durchschreiten des lichtdurchfluteten Foyers aus kostengünstigem Linoleum mit Kartoffeldruck hüpfte der Stiel seines Dauerlutschers nervös von der Unter- zur Oberlippe und zurück. Die SMS hatte ihn in große Aufregung versetzt, außerdem war dicke Luft im Betrieb.


Der Auftrag zur Verarbeitung einer Tonne Fischköpfe aus Bremen verlief nur bedingt befriedigend und der Geruch des zweitens Problems kam Marco K. bereits auf der Wendeltreppe zur Chefetage entgegen. In der Unternehmenstoilette war ein Rohr geplatzt; durch die Feuchte hatte es anschließend sämtliche Fliesen von der Wand gehauen und ein netter pelziger Schimmel begrüßte die Besucher des stillen Örtchens. In einer Notfallsitzung hatten der Vorstandsvorsitzende und Marco K. einen erfahrenen Kachelmacher aus Belgien bestellt, der den heiklen Auftrag zum Fliesen zur Freude aller annahm. Leider hatte er in Belgien seinen Kachelkleber vergessen, weshalb er nach Monaco fuhr und dort von einem Oligarchen aus Russland mit viel Rubel abgeworben wurde. Nun täfelte er dessen Scheißhaus-Thron mit güldenen Mosaiksteinen und die Firma aus Kaiserslautern schaute in die Röhre. Marco K. und der Vorstandvorsitzende hatten sehr lange gerätselt, wieso Belgier nach Monaco fahren müssen, um Fliesenkleber zu kaufen; sie fanden allerdings keine einleuchtende Antwort. Nun war ein Rechtsanwalt der Handwerkskammer Usbekistan eingeschaltet, er sollte Licht ins Dunkel bringen. Marco K. flog leichten Fußes an den Latrinen vorbei, als er plötzlich stoppte. Von Innen drang ihm ein vogelgleiches Pfeifen des Liedes „Katzeklo“ ins Ohr, woraufhin er vorsichtig die Glastür öffnete. In der Ecke stand ein junger Mann mit kurzen Haaren und klebte mit großem technischem Geschick Fliesen an die Wand. Er trug ein schwarzes T-Shirt, auf welchem in orangenen Buchstaben der Slogan eines lokalen Baumarktes abgedruckt war: Yippieh, Ya, Ya, Yieppieh, Yieppieh, Yahia. „Wer sind Sie?“, fragte Marco K. in einem energetischen Tonfall. „Chef, können Sie sich nicht mehr erinnern? Ich bin Jan aus der Tschechischen Republik… der Hausmeister. Sie wissen schon…“, antwortete der nette junge Mann. Marco K. fiel es wie Schuppen von den Augen: Es war Jan, der neue Hausmeister, der sich gleich nach seiner Einstellung krank gemeldet und im Keller versteckt hatte. „Willkommen zurück, Jan! Gut Dich wieder dabei zu haben“. Marco K. betrachtete Jan mit glücklichen Augen bei seiner Arbeit – er war gerade dabei den Schimmel mit einem Deo-Roller zu behandeln. Es roch gleich besser.


Zügigen Schrittes ging Marco K. weiter den blankpolierten Flur entlang. Am Ende des Gangs, kurz vorm Abgrund (die Wand war noch nicht eingezogen), lag links das Büro von Herrn Kuntz, dem Chef. Marco K. betrachtete lange die schwere Holztür, die mit prächtiger Schnitzkunst versehen war. Auf dem Holz tummelten sich unzählige Abbildungen von Sägen, die ein Relief des Konterfeis der Queen von England umspielten. Marco K. wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte, doch er fand es schön. Er hatte seine rechte Hand in der Hosentasche und zwirbelte aufgeregt ein Hutzelmännchen zwischen seinen Fingern. Dieses hatte ihm seine männliche Haushaltshilfe Moussa aus Burkina-Faso geschenkt. Moussa züchtete die putzigen Gesellen auf seinem Balkon und war bei Marco K. für die Tellerwäsche sowie die Pediküre zuständig – meistens in dieser Reihenfolge, manchmal aber auch gleichzeitig. Marco K. legte großen Wert auf saubere Teller und gepflegte Füße. Er trug auch im Winter die Plastiksandalen vom letzten Italienurlaub. Nun fasste er sich endlich ein Herz und schlug mit der Faust gegen das Gehölz. „Klopf! Klopf!“ schallte es durch’s Haus. Durch die Tür vernahm Marco K. ein dumpfes aber bestimmtes „Herein!“. Wie eh und je saß drinnen der Chef auf seinem Ledersessel und studierte tonnenweise Unterlagen, vom vielen Telefonieren waren seine Ohrmuscheln ganz rot. Auf dem Tisch dampfte eine riesige Tasse heißer Kaffee, die in Marco K., und insbesondere in seinem Schritt, schmerzliche Erinnerungen hervorrief.


„Guten Morgen Herr Kuntz, wie geht es Ihnen? Haben Sie gut geschlafen? Sie haben Neuigkeiten für mich?“. Der Chef sah Marco K. fest in die Augen, „Guten Morgen. In der Tat, es haben sich neue Entwicklungen ergeben. Die Sache wird direkte Auswirkungen auf unseren Auftrag aus Augsburg haben. Sie wissen ja, dass wir bis Samstag eine Puppenkiste liefern müssen. Heute konnte ich endlich zwei Puppen ausfindig machen, die uns den erhofften Erfolg bescheren werden. Sie müssen allerdings wissen, dass die Puppen sehr teuer sind, da sie in einer Zeitschleife stecken und den Raum verkanten.“ Marco K. verstand nicht und machte große Augen, das Hutzelmännchen war ihm aus der Hosentasche gefallen und verkroch sich unterm Flokati. „Sie verstehen wohl nicht, Herr K. Das dachte ich mir schon. Das ist Physik… das verstehen nur Unternehmensführer. Um es kurz zu machen: Ich habe Sie gefunden – Ariel die defensive Meerjungfrau und Georges Knopf, der Lokomotivführer aus Kamerun. Ich bin zuversichtlich, dass wir mindestens eine der Puppen in die Kiste packen können.“ Marco K. machte einen Freudensprung und küsste seinen Chef, der ebenfalls einige Freudentränen verdrücken musste. Nun wusste er, dass nicht nur der Auftrag, sondern das ganze Geschäftsjahr zu meistern war. Marco K. richtete sich auf und verließ selbstbewusst das Büro. Es gab viel zu tun und er wollte direkt damit beginnen.

In diesem Sinne!

Ba beneen,
Butduma


In der Couchingzone befinden sich neben Berti und Bahli auch noch Kohlmeyer und Butduma. Die Kolumne erscheint spätestens jeweils Freitag um 12:00 Uhr oder an Spieltagen zur gleichen Zeit bei allen Pflichtspielen.

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SAPERE AUDE
- Wage es, weise zu sein -

oder nach Immanuel Kant
"Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Die Couchingzone |#342
27.01.2012 - 06:34 Uhr
Beifall-Klatsch, Dankeschön-sag!

:-yahia

(Das Yippie!! Smiley aus dem Baumarkt)
Die Couchingzone |#343
27.01.2012 - 10:05 Uhr
Danke für das Dauergrinsen - Chapeau. Georges Knopf, der Lokomotivführer aus Kamerun ist eine Überlegung als Wandtattoo wert.

Aber könntet Ihr in den Kolumnen auf diese fiesen Liedverweise verzichten - bitte, bitte. Jetzt geht mir George Baker Selection wieder den ganzen Tag im Kopf herum.

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"Betzi braucht bei seinem Besuch eine Möglichkeit sich umzuziehen und Kaltgetränke" (Anmeldeformular Betzi Buchen)
"You want it darker, Hineni, Hineni, I'm ready, my lord (Leonard Cohen).
"Well, what did you expect in an opera? A happy ending?" (Bugs Bunny)
Die Couchingzone |#344
27.01.2012 - 11:35 Uhr
"Erst wenn das letzte Butduma-Couching gepostet,
der letzte Lesenswerte-Beitrag-Button gedrückt,
der letzte Nektar Erkenntnis gesaugt ist,
werdet Ihr merken,
dass Indianerweisheiten meist nur geschwollenes Dummgebabbel sind."
Weisheit der Hopi-Indianer


"Wären Butduma-Couchings flüssig, ich zöge sie auf Spritzen und haute sie mir in d´ Ven´."
Vera Int-Veen, Privatfernsehbüx


"Dieser Butduma ist mir mit seinen Couchings mittlerweile so vertraut geworden, als wäre er ein Freund. Und Freunde dürfen bekanntlich jederzeit bei mir übernachten - wenn sie 150 Euro abdrücken."
Bettina Schausten, ZDF-Büx


"Ich würrrde ehär Charlotte Roche fickän, als auf ein Butduma-Couching zu verrrrzichten."
Marcel Reif-Ranicki, Sport- und Literaturkritiker


"Echt? Geil, ey. Wer von Euch ist Marcel Reif-Ranicki? Bestimmt du, du ***** . Geh her, du Sau."
Charlotte Roche


"Wer? Ich? Nein, ich ... junge Frau, Sie müssen mich verwechs... HILFE!"
Helmuth Karasek, Literaturkritiker


"Er kann es."
Helmut Schmidt, Kettenraucher

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"Du kannst auf deinen Verein stolz sein, aber eigentlich nicht auf die Tatsache, ein Fan dieses Vereins zu sein. Denn die Fan-Werdung vollzieht sich bekanntlich ähnlich wie die sexuelle Orientierung: Da kommt etwas über dich, das du nicht beeinflussen kannst. (...) . Du kannst deinem Verein nicht einfach die Gefolgschaft kündigen. Du kannst deinem Verein nicht den Tritt versetzen. (...) Du kannst deinen Verein nicht einfach loslassen, denn er hält an dir fest."
Thomas Brussig
Die Couchingzone |#345
27.01.2012 - 13:34 Uhr
Zitat von Butduma:
Das ist Physik… das verstehen nur Unternehmensführer. Um es kurz zu machen: Ich habe Sie gefunden – Ariel die defensive Meerjungfrau und Georges Knopf, der Lokomotivführer aus Kamerun. Ich bin zuversichtlich, dass wir mindestens eine der Puppen in die Kiste packen können.

Jawoll! Klasse! Ich liebe derartige Sätze. Wieder äußerst unterhaltsam, But. Diese melancholischen Streifzüge durch das Leben dieses Marco K. gehen einfach unter die Haut. Teilst du uns eigentlich mit, wer sich hinter dieser Figur verbirgt. Mich lässt das Gefühl nicht los, dass der auch hier im Forum sein Wesen herumtreibt ...

Cheers
Bahli

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#346
27.01.2012 - 21:31 Uhr
Super geschrieben, Geschichten die einem nicht mehr loslassen und nach Fortsetzung schreien :p
Danke.
Die Couchingzone |#347
27.01.2012 - 21:58 Uhr
"Ohh menno, jetzt war isch doch schon bei dem Karazuck auf'm Schoss gesessen und dann kommt des Flittchen und macht alles kabutt. Isch fand den richtisch nett vorher. Dann nehm isch hald den Kohli"

Daniela Katzenberger, Blondinen-Büx

Vielen Dank für eure Löbe! Find ich dufte.

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SAPERE AUDE
- Wage es, weise zu sein -

oder nach Immanuel Kant
"Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Butduma am 27.01.2012 um 21:59 Uhr bearbeitet
Die Couchingzone |#348
27.01.2012 - 22:56 Uhr
Supertolle Kolumne mal wieder. Klasse geschrieben Butduma, hoffe doch, dass es da noch eine Fortsetzung gibt. :cool

Auch ein Lob an Kohli, die Zitate waren auch klasse gewählt als Antwort.
Die Couchingzone |#349
02.02.2012 - 21:21 Uhr
Jahrgang 2 - Ausgabe 25


WARTEN AUFS ANGEBOT
[Ein absurdes Theaterstück völlig frei nach Motiven von Samuel Beckett]

Von Bahli


Erster und letzter Akt
[Vorhang auf]

Marcogon: Nichts zu machen.
Stefanimir: Ich glaube es bald auch.

Die traditionellen dramaturgischen Gesetze komplett ignorierend, lässt Bahli die beiden clownesken Clochards Marcogon und Stefanimir in einer weder zeitlich noch räumlich konkretisierten Situation neben einem Baum an einer Landstraße auf DAS Angebot warten. Sie wissen nicht, ob überhaupt eins kommen wird und sind nicht einmal sicher, ob heute überhaupt der verabredete Tag für ein solches Angebot ist. Immerhin ist das Fenster geöffnet - heißt es. Am Ende des Tages erscheint ein ängstlicher Junge. "Heute kommt es nicht mehr. Er sagt, es kommt morgen", unsicher fingert er am Gürtel seiner Hose. Seine Gürtelschnalle hat schon bessere Tage gesehen. Als Marcogon und Stefanimir nicht reagieren, klettert er über den gegenüberliegenden Zaun und schlendert über die Wiesen in Richtung Horizont.

Marcogon: Meinst du, er hat Recht?
Stefanimir: Wer?
Marcogon: Na er.
Stefanimir: Wer ist er?
Marcogon: Ich weiß auch nicht.
Stefanimir: Ich bin müde.

Am nächsten Tag erscheint der Junge wieder. Einfach so steht er plötzlich vor den beiden Clochards. "Es kommt nicht", der Junge beißt in einen knallroten Apfel. "Aber es kommt morgen", das Loch über dem Knie in der Hose des Jungen flattert im Wind. Irgendwo wiehert ein Pferd.

Marcogon: Es kommt nicht.
Stefanimir: Nein.
Marcogon: Es kommt morgen.
Stefanimir: Ja.
Marcogon: Ganz sicher.
Stefanimir: Ich bin müde.

Voller Hoffnung erwarten Marcogon und Stefanimir den nächsten Tag. Bis zum Nachmittag bleibt die Landstraße leer. Dann erscheint wieder nur der Junge. Marcogon und Stefanimir blicken ihm hoffnungsfroh entgegen. Der Junge wendet den Blick von den beiden Clochards. "Es kommt heute nicht. Es kommt erst morgen", der Blick des Jungen fixiert den Baumstamm. "Es kommt morgen, ganz sicher, sagt er", er lockert sein Halstuch und geht weiter seines Weges. Neben Marcogon und Stefanimir hämmert ein Specht in den Stamm des Baumes.

Marcogon: Es kommt wieder nicht.
Stefanimir: Nein.
Marcogon: Es kommt morgen.
Stefanimir: Ja.
Marcogon: Ich habe Hoffnung.
Stefanimir: Komisch.
Marcogon: Morgen wird alles gut.
Stefanimir: Ich bin durcheinander.

Während des nächsten Tages begegnet der reiche Tyrann Hoppo den beiden Clochards und vertreibt sich die Zeit durch eine Konversation mit ihnen. Seinen schwer bepackten Diener Rudy reißt er an einem Strick herum, den er ihm um den Hals gebunden hat. Auf Befehl stellt Rudy das Gepäck ab, apportiert den Ball, tanzt oder denkt laut. Hoppo fragt Marcogon und Stefanimir: "Wollt ihr den? Der kann alles! Kostet ein Stück Schinken. Ihr habt keins, dafür Hunger? Schämt euch!", Hoppo zieht Rudy am Strick weiter die Landstraße entlang.

Marcogon: Was wollte er?
Stefanimir: Wer?
Marcogon: Na er.
Stefanimir: Wer weiß das schon.
Marcogon: Ich bin müde.

Als Hoppo und Rudy am nächsten Tag erneut ihres Weges über die Landstraße ziehen, sitzen Marcogon und Kuntzmir noch immer neben ihrem Baum und warten auf ein Angebot. Hoppo grinst höhnisch und versucht die beiden Clochards zu verspotten, er singt: "Ihr habt noch keins. Ihr kriegt gar keins. Keiner gibt euch eins. Trotzdem wollt ihr eins!", regungslos sehen Marcogon und Stefanimir dem Treiben Hoppos zu. Hoppo spuckt neben Marcogon und Stefanimir ins Gras und zieht mit Rudy weiter. Rudy blickt hämisch zurück und streckt den beiden Clochards die Zunge raus.

Marcogon: Warum macht er das?
Stefanimir: Wer?
Marcogon: Na er.
Stefanimir: Wer weiß das schon.
Marcogon: Ich fürchte mich vor morgen.

Der Junge, der gegen Abend wieder anstelle des Angebots erscheint, ist unsicher und nervös. Scheinbar erinnert er sich mit Unbehagen an die Begegnung vom Vortag. Noch einmal vertröstet er die beiden Wartenden auf den folgenden Tag: "Es kommt morgen. Ganz sicher!", der Junge pisst neben den zwei Clochards ins Gras und zieht weiter in Richtung Horizont.

Marcogon: Es kommt morgen.
Stefanimir: Zum Glück.
Marcogon: Alles wird gut.
Stefanimir: Aber wenn nicht?
Marcogon: Noch ist nicht aller Tage Abend.
Stefanimir: Und wenn doch?
Marcogon: Ich bin müde.

Der nächste Tag beginnt wie der Tag davor. Gegen Mittag kommt ein Mann die Landstraße entlang. Er ist teuer gekleidet, seine pralle Brieftasche trägt er offen an seinem Gürtel. Marcogon und Stefanimir machen große Augen. Der Fremde bleibt direkt vor ihnen stehen. "Wollt ihr einen? Ich habe einen. Einen ganz besonderen", Marcogon und Stefanimir starren den Mann vor ihnen ungläubig an. "Ich bringe ihn morgen mit. Ihr werdet ihn mögen. Er ist eine Offenbarung. Das sagen alle", der Boden unter den Füßen von Marcogon und Stefanimir beginnt sich zu drehen. Der Mann geht weiter seines Weges und lässt die beiden Clochards ungläubig neben ihrem Baum zurück.

Marcogon: Er kommt morgen und bringt ihn mit.
Stefanimir: Wen?
Marcogon: Ihn.
Stefanimir: Es ist seltsam.
Marcogon: Was?
Stefanimir: Das Leben.
Marcogon: Ich bin nervös.

Am nächsten Tag erscheint nur der Junge auf der Landstraße. Er hält eine Tüte mit roten Kirschen in der Hand. "Er kommt heute nicht. Er kommt morgen. Und er bringt ihn mit", genüsslich spuckt der Junge einen Kern auf die Landstraße. Er schaut an Marcogon und Stefanimir vorbei, mustert den Baum. Nervös tritt er von einem Bein aufs andere. Ohne Verabschiedung macht sich der Junge auf den Weg.

Marcogon: Er kommt heute nicht.
Stefanimir: Er kommt morgen und bringt ihn mit.
Marcogon: Wen?
Stefanimir: Ihn.
Marcogon: Alle sagen, er ist eine Offenbarung.
Stefanimir: Wer sagt das?
Marcogon: Alle.
Stefanimir: Ich bin hungrig.

Nervös harren Marcogon und Stefanimir neben ihrem Baum der Dinge, die dieser Tag bringen wird. Kurz vor Mittag sehen sie den teuer gekleideten Mann die Landstraße entlangschlendern. Am Himmel bilden sich dunkle Wolken. Es riecht nach Regen. Der Mann bleibt vor Marcogon und Stefanimir stehen und mustert sie scharf. "Ich habe keinen mehr. Sie sind alle weg. Alle wollten einen", der teuer gekleidete Mann fingert nervös an seiner goldenen Krawattennadel. "Ihr wart blauäugig. Ihr hättet mir eine Unterschrift abringen müssen. Nun ist alles entschieden. Und ihr sitzt hier neben eurem Baum und starrt Löcher in die Luft. Es tut mir Leid. Ihr seid raus aus dem Geschäft", der Mann nimmt seinen edelsteinbesetzten Regenschirm und wandert die Straße weiter in Richtung Horizont. Mit einem lauten Donner entlädt sich ein gewaltiges Gewitter und lässt die Clochards Marcogon und Stefanimir neben dem Baum enger zusammenrücken.

Marcogon: Ich kann nicht mehr so weitermachen.
Stefanimir: Das sagt man so.
Marcogon: Sollen wir auseinandergehen?
Stefanimir: Es wäre vielleicht besser.
Marcogon: Morgen hängen wir uns auf.
Stefanimir: Es sei denn, es kommt ein neues Angebot.
Marcogon: Und wenn es kommt?
Stefanimir: Sind wir gerettet.
Marcogon: Das sagt man so.
Stefanimir: Ich bin müde.

Vor Marcogon und Stefanimir schlagen Hagelkörner prasselnd auf die Landstraße. Es ist kalt geworden neben dem Baum. In breiten Strömen beginnt das Regenwasser die Landstraße hinabzulaufen. Ein Blatt fällt vor Marcogon und Stefanimir in das breite Rinnsal aus Regenwasser. Es hangelt sich von Pfütze zu Pfütze bis es am Horizont verschwindet ...

[Vorhang schließt sich]


Ein erster Interpretationsansatz:

Auf tragikomische Weise veranschaulicht Bahli in "Warten aufs Angebot" die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Daseins während der Transferperiode. Wir wissen nicht, auf was wir warten und ob sich unser Warten lohnt. Wir wissen vieles nicht, im Grunde wissen wir gar nichts. Aber wir warten hoffnungsvoll auf die Erlösung. Dass uns das Schicksal erlöst und es gut mit uns meint. In diesen Zeiten halten wir unbekannte Menschen für gottgesandte Heilige. Wir erklären dubiose Quellen zur heiligen Schrift. Wir begeben uns in fremde Hände, wir liefern uns mit Haut und Haar einem Karussell aus, dessen Drehungen uns in tiefem Schwindel wiegen. Das ist eine grausame Erkenntnis. Aber: Trotz aller Absurdität dieses Transferfensters können wir uns bewusst entscheiden, weiter zu warten. Weiter warten auf eine wie auch immer geartete Erlösung. So scheint es ...


Cheers
Bahli


In der Couchingzone befinden sich neben Berti und Bahli auch noch Kohlmeyer und Butduma. Die Kolumne erscheint spätestens jeweils Freitag um 12:00 Uhr oder an Spieltagen zur gleichen Zeit bei allen Pflichtspielen.

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You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen (1934-2016)
Die Couchingzone |#350
02.02.2012 - 23:05 Uhr
Koto: Ich bin verwirrt.
Koto: Ich bin begeistert
Koto: Ich bin richtig begeistert.

Danke Bahli geile Nummer. Der Junge, Der Hopp, Der Marcogon und Der Stefanimir,
Einfach genial.
Einfach ? Neee, Super Genial !

Gruß Koto

•     •     •

Der Südpfälzer hat zu diesem physikalischen Phänomen ein ganz lapidares Sprichwort auf Lager: „Alles was de nuff schmeise duh‘sch, des kummd irschendwann ach widder runner.“ Alla hopp, so werd’s wohl sei.
Butduma im April 2012



Durlacher achso !!!
Durli Mai 2013
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